Univ.-Prof.Dr.W.Müller, Graz
Im Namen der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde bedanke ich mich bei den Organisatoren, insbesondere bei den Herren
Professoren Gaedicke,
Wahn und
Urbanek für die Gegelegenheit, die heurige Jahrestagung gemeinsam mit unserer deutschen Schwestergesellschaft in Berlin abhalten zu können.
Der Wissensaustausch mit deutschen Kolleginnen und Kollegen stellt für unsere Gesellschaft eine lange Tradition dar und ermöglicht immer wieder neue wissenschaftliche und praktische Zusammenarbeit, aber auch die Entstehung dauernder Freundschaften. Es freut mich daher besonders, dass wir anlässlich der heurigen Jahrestagung an
Herrn Professor Lentze aus Bonn die Ehrenmitgliedschaft unserer österreichischen Gesellschaft verleihen dürfen.
Die Jahrestagung ist eine ideale Gelegenheit, unser Wissen auf den neuesten Stand zu bringen, um dieses dann in der täglichen Praxis zur Anwendung zu bringen. Das Zusammentreffen von wissenschaftlich tätigen Kolleginnen und Kollegen mit niedergelassen Fachärztinnen und Fachärzten stellt für beide Seiten eine wichtige Bereicherung des jeweiligen Spektrums dar.
Bedeutung von Spezialgebieten innerhalb der Pädiatrie
In einer Zeit der Ressourcenbeschneidung für den Gesundheitsbereich unter dem Schlagwort "Gesundheitsökonomie" ist es notwendig, dass Niedergelassene und Klinikangehörige zusammenstehen und die Pädiatrie in ihrer Gesamheit hoch halten. Dazu gehört die Stärkung des niedergelassenen Kinderarztes ebenso wie die Entwicklung hoch spezialisierter Medizin in der sogenannten "Tertiärversorgung". Eine Pädiatrie ohne "Spitzenmedizin" läuft Gefahr, durch andere Spezialfächer mehr und mehr phagozytiert zu werden. Nur durch unser Wissen, unser Können und ein entsprechendes Leistungsangebot bleiben wir konkurrenzfähig und können uns neben den sogenannten "großen Fächern" behaupten. Die europäische Fachgesellschaften UEMS und CESP haben die Richtung dafür längst vorgegeben.
Auch hat der Deutsche Ärztetag die Bedeutung von Spezialgebieten innerhalb der Pädiatrie erkannt und die formelle Verankerung derselben eingeleitet. Ähnliche Bestrebungen laufen seit vielen Jahren auch in Österreich, wobei leider sehr viel "Stehvermögen" zur Durchsetzung dieses wichtigen Anliegens erforderlich ist. Offensichtlich ist es für manche schwer verständlich, dass das "kleine" Herz eines Kindes ebenso schwer krank sein kann wie das eines "großen" Erwachsenen.
Die Beschneidung der Pädiatrie erfolgt mit Vorliebe unter dem Vorwand des Geburtenrückganges, welcher gerade für Berlin ja leider tatsächlich zutreffend ist. Von Seiten der Politik, des Gesundheitssystems und des Sozialwesens wird viel Phantasie erforderlich sein, um diesem Trend entgegen zu steuern und die volkswirtschaftlich bedenkliche Entwicklung der Alterspyramide nicht im derzeit prognostizierten Maß eintreten zu lassen. Mehr Unterstützung für Familien mit Kindern und eine Imagepflege der (werdenden) Mutter könnte ein Beitrag dazu sein.
Kontinuierlicher Wandel
Eine Erhebung an Österreichs Kinder- und Jugendabteilungen hat gezeigt, dass trotz stagnierender Geburtenzahlen die ambulanten Vorstellungen in den letzten zehn Jahren um annähernd 100 % angestiegen sind. Auch bei den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen war ein Anstieg der Patientenfrequenzen zu verzeichnen. Dies deutet darauf hin, dass die Eltern im Kinder- und Jugendarzt den kompetenten Ansprechpartner sehen, bei dem sie oft auch mit schweren Erkrankungen Rat suchen. Dabei ist das Bild des "Kinderarztes" einem kontinuierlichem Wandel unterworfen. Viele der früheren "Kinderkrankheiten" sind verschwunden, an deren Stelle sind zum Teil "Zivilisationskrankheiten" wie Haltungsschäden, Allergien, Psychosomatosen, Schlafstörungen, Alkoholmissbrauch, Fettsucht u.a. getreten. Der Kinderarzt muss sein Profil ständig den geänderten Anforderungen anpassen.
Die diesjährige Jahrestagung der deutschen und österreichischen Gesellschaften für Kinderheilkunde und Jugendmedizin ist eine gute Gelegenheit für ein individuelles "Update", die Themen dieser Tagung sind sorgfältig ausgewählt und versprechen ein hoch interessantes Programm. Ich wünsche den Organisatoren sowie allen Tagungsteilnehmerinnen und
-teilnehmern einen erfolgreichen Tagungsverlauf, persönlichen Benefit und ein paar schöne Tage in Berlin!