Klinische Genetik
Etwa fünf Prozent der österreichischen Bevölkerung leiden an genetisch bedingten Erkrankungen - Ein Drittel aller stationär aufgenommenen Kinder weist Entwicklungsstörungen mit zumindest teilweiser genetischer Ursache auf - Vor allemgeistige Behinderungen sind Thema von genetischen Beratungen
Wann ist eine Erkrankung genetisch bedingt?
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Genetik durch neue Erkenntnisse und Untersuchungsmethoden zu einem zentralen Gebiet in der Medizin entwickelt. Die Kenntnis der genetischen Grundlagen von Krankheit und Gesundheit führt zu einem stetig zunehmenden Verständnis der Reaktionswege im menschlichen Organismus, die Aufklärung der Abläufe der Krankheitsprozesse auch zu einem immer klareren Bild des Zusammenwirkens der steuernden Gene, die ein bestimmtes Krankheitsbild mit seinensichtbaren Erscheinungen, den Phänotyp, prägen.
Eine Erkrankung ist genetisch bedingt, wenn sie vorwiegend oder ausschließlich durch Störungen im genetischen Programm von Zellen und Geweben verursacht wird. Eine ständig zunehmende Zahl von Erkrankungen, wie beispielsweise familiäre Darmtumore oder degenerative Hirnerkrankungen wie die Chorea Huntington, ist auf ihre molekulare Ursache (Mutation) hin bereits erforscht, dieses Wissen kann dann zur Bestätigung des klinischen Verdachts oder auch voraussagend etwa bei einer pränatalen Untersuchung genutzt werden. Andere Entwicklungsstörungen, etwa verschiedene Formen des offenen Rückens (Spina bifida), treten erst als Folge der Interaktion von Umwelteinflüssen und individuellen genetischen Voraussetzungen auf oder haben eine mehr oder weniger lange Vorlaufstrecke, bis sie in Erscheinung treten. Das trifft auch für manche familiäre Tumorerkrankungen zu, die als besonders belastendes Erbe empfunden werden. Genetisch bedingte Krankheiten sind vor diesem Hintergrund somit keine Randgruppe der Medizin mehr. Ein Drittel aller stationären Aufnahmen im Kindesalter gehen zu Lasten von Entwicklungsstörungen mit zumindest teilweiser genetischer Ursache. Die Gesamthäufigkeit genetisch bedingter Erkrankungen wird auf etwa 4-5% der Gesamtbevölkerung geschätzt.
Erbanlagen als Ursache für geistige Entwicklungsstörungen
Eine zentrale Rolle spielt in der Klinischen Genetik die kausale Zuordnung geistiger Entwicklungsstörungen (mentale Retardierung, MR), etwa 40% aller genetischen Beratungen haben dieses Problem zum Thema. Es wird geschätzt, dass 2% der Bevölkerung eine zumindest milde Form einer geistigen Entwicklungsstörung aufweisen. Neben dem Down Syndrom, der weitaus häufigsten Chromosomenstörung beim Menschen, wurde eine große Anzahl subtiler Veränderungen an den Chromosomen, zum Teil unter dem Begriff von Mikrodeletionssyndromen erfasst, manche dieser Störungen, etwa das Prader-Willi Syndrom, sind zusätzlich durch spezielle Verhaltensmuster gekennzeichnet.
Diagnostische Methoden zur Erfassung der genetischen Basis von Erkrankungen
Viele Krankheiten lassen so eine genetische Basis erkennen. Verschiedene
molekulargenetische Methoden lassen Abweichungen der Erbanlagen sowohl in ihren kleinsten Bestandteilen als auch in der veränderlichen Aktivität der relevanten Gene erkennen. Mit diesen Techniken, die von der mittlerweile klassischen Sequenziermethode nach Sanger ihren Ausgang genommen haben, hat sich bereits der nächste diagnostische Schritt von der Genomik zur Proteomik, also der funktionell entscheidenden Wirkungsweise der durch die Gene gesteuerten Proteine, vollzogen.
Wie ist mit voraussagbaren, schweren genetischen Störungen umzugehen?
Wie bei vielen anderen Fortschritten gibt auch diese großteils sehr positive Entwicklung Anlass zur Sorge: Klinische Genetiker haben auch den möglichen Missbrauch in Betracht zu ziehen, der sich aus diesen immer detaillierteren genetischen Diagnosen voraussagen lässt. Die Möglichkeit einer invasiven pränatalen Diagnostik zur frühzeitigen Erfassung genetischer Anomalien hat in vielen Ländern gesetzliche Grundlagen für einen - zeitlich unbegrenzten - Ermessensspielraum geschaffen, der bei Voraussagbarkeit einer schwerwiegenden genetischen Störung (§ 97 StGB) die Tötung eines Ungeborenen straffrei macht. Diese Regelung ist zumindest religiös-ethisch durchaus problematisch. Sie unterstreicht damit eindringlich den zentralen Stellenwert einer fachlich fundierten, nicht direktiven humangenetischen Beratung.
Genetische Beratung: Wichtige Stütze für Menschen mit genetischer Belastung
Die genetische Beratung ist ein Kommunikationsprozess, in dem Betroffenen geholfen wird, die Diagnose, den Verlauf und die Therapiemöglichkeiten der genetisch bedingten Erkrankung zu verstehen, die Bedeutung des Erbrisikos richtig einzuschätzen, Entscheidungsmöglichkeiten zu sehen und die bestmögliche Einstellung zur bestehenden Erkrankung oder zur Möglichkeit des Wiederauftretens zu gewinnen. Die Inanspruchnahme der genetischen Beratung ist freiwillig, auch die Entscheidungskompetenz nach Vorliegen eines Ergebnisses liegt ausschließlich bei den Ratsuchenden. Ein häufiger Anlass für eine genetische Beratung ist die Geburt eines Kindes mit einer Entwicklungsstörung oder einer angeborenen Erkrankung.
Die Frage der Eltern nach dem Risiko für weitere Kinder ist oft besonders drängend. Die Stammbaumanalyse kann vor allem bei kinderreichen Familien entscheidende Hinweise liefern. Schwierig ist die Zuordnung dagegen bei sporadischem Auftreten eines Symptomenkomplexes, der neben einer monogenen Störung auch exogene Einflüsse in Betracht ziehen lässt. Rein quantitativ ist das erhöhte mütterliche Alter Hauptgrund für eine pränatale Diagnostik zum gezielten Ausschluss einer trisomen Schwangerschaft. Eine erhebliche Rolle bei der genetischen Beratung spielen Störungen der Fertilität, einschließlich gehäufter Fehlgeburten. Die Sorge nach schädigenden Einflüssen von Medikamenten und Strahlen bei bestehender Schwangerschaft wird gleichfalls oft thematisiert, tatsächlich aber das Risiko häufig überschätzt. Dagegen muss als gesichert gelten, dass die Einnahme von Alkohol und Drogen eine ungünstige Wirkung auf die kindliche Entwicklung haben kann. Eine besonders schwierige Situation stellen in der Schwangerschaft aufgetretene Infektionen dar, die eine umfassende interdisziplinäre Untersuchung erforderlich machen.
Vorbeugende und therapeutische Maßnahmen nach Diagnosestellung
Die moderne Klinische Genetik ist zunehmend, vor allem seit der im Jahr 2003 abgeschlossenen vollständigen Sequenzierung des menschlichen Genoms, eine molekulare Genetik geworden.
Durch die rasch fortschreitende Entwicklung der Molekularbiologie wurden viele Krankheiten nunmehr auf ihren molekularen Kern untersuchbar. Oftmals wurde mit Erfassung der zugrundeliegenden Störung auf der Ebene des Zellstoffwechsels ein erster Schritt zu einer korrigierenden Therapie möglich. Als Stichwort sei die Enzymersatztherapie bei einzelnen sog. Speicherkrankheiten genannt.
Zitat Univ.-Doz. Dr. Olaf Rittinger:
„Die moderne Klinische Genetik ist zunehmend eine molekulare Genetik geworden, die den Ehrgeiz hat, eine genetische Veränderung, die einmal auf der Proteinebene durchschaut wurde, in ihren negativen Auswirkungen zumindest teilweise rückgängig zu machen. Die optimale Betreuung der - in die Wiege gelegten - veränderten Erbanlagen und deren Folgen ist das gemeinsame Ziel von medizinischen Genetikern, Pädiatern und Gynäkologen.“
Rittinger_Statement_Genetik.pdf 340.3 kB