Pädiatrische Gesundheitsvorsorge in Österreich: Großer Nachholbedarf bei kostenlosen Therapieangeboten und in der Akut-Versorgung von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen Im Rahmen des größten österreichischen Pädiaterkongresses in Linz fordert die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde die Ausweitung der Mutter/Kind-Pass-Untersuchungen, die Verpflichtung zur Vorschuluntersuchung und den Ausbau kostenfreier Therapiemöglichkeiten für Kinder mit körperlichen und mentalen Beeinträchtigungen
Ausweitung der Mutter/Kind-Pass-Untersuchungen zur Früher-kennung körperlicher Verwahrlosung und Verpflichtung zur Vorschuluntersuchung
Während in Österreich die Versorgung akut körperlich erkrankter Kinder als sehr gut bezeichnet werden kann, fehlen zum Großteil entsprechende Einrichtungen zur Versorgung von akut psychisch erkrankten Kindern und Jugendlichen. Derzeit wird davon ausgegangen, dass eines von zehn Kindern in Österreich unter körperlicher Verwahrlosung, Vernachlässigung bzw. Missbrauch leidet. Werden die daraus resultierenden Symptome nicht zeitgerecht erkannt und behandelt, ist davon auszugehen, dass entsprechende Beeinträchtigungen die Betroffenen ein Leben lang begleiten. Die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde fordert daher zusätzliche präventive Untersuchungen und Tests, um im Rahmen der derzeitigen Mutter/Kind-Pass-Untersuchungen besser für die Erkennung der Verwahrlosung und der Folgen körperlicher Gewalt gerüstet zu sein. Der Mutter-Kind-Pass hat ungenommen in den letzten Jahrzehnten viel zur Früherkennung von Erkrankungen und damit rechtzeitig eingeleiteten Versorgungsmaßnahmen beigetragen. Die veränderten Krankheitsbilder der Kinder und Jugendlichen zeigen jedoch, dass entsprechende Ergänzungen notwendig sind und neue Fragestellungen eingebaut werden müssen.
In diesem Zusammenhang weist die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde auch auf die Wichtigkeit der Einführung einer verpflichtenden Vorschuluntersuchung im Rahmen der Mutter/Kind-Pass-Untersuchungen hin, da derzeit nur etwa 30 Prozent eines Jahrganges diese kostenlose, wichtige Vorsorgeuntersuchung wahrnehmen. Untersuchungen zeigen, dass vielfach Kinder mit Schulleistungsproblemen eben diese Vorsorgeuntersuchung nicht absolviert haben und so verabsäumt wurde, rechtzeitig Förderungen einzuleiten. Im Gesundheitsministerium wurden diese Forderungen bereits wiederholt von der Fachgesellschaft vorgetragen.
Kostenfreie Therapiemöglichkeiten für kranke Kinder und Jugendliche
Seit vielen Jahren weist die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde darauf hin, dass immer mehr Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung eine therapeutische Unterstützung brauchen. Das sind Kinder mit körperlichen bzw. auch mentalen Beeinträchtigungen und auch Kinder und Jugendliche aus belasteten Lebenssituationen mit psychischen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten. Es handelt sich dabei um Ergo-, Physio-, Logo- und Psychotherapie. Diese Therapien werden teilweise von Institutionen, zu einem größeren Teil von niedergelassenen TherapeutInnen angeboten. Im ersten Fall erfolgt eine Behandlung meist kostenfrei oder mit geringen Selbstbehalten, sie steht - regional unterschiedlich – aber in zu geringem Ausmaß (Aufnahmestopps oder extrem lange Wartezeiten) oder auch gar nicht zur Verfügung. Im zweiten Fall ist die Behandlung für die Familien fast immer mit beträchtlichen Kosten verbunden. Das kommt daher, dass die entsprechenden TherapeutInnen keine Verträge mit Krankenkassen annehmen, da diese nicht kostendeckend sind. Das führt letztlich zu einer Zwei-Klassenmedizin. Das heißt, die Eltern die sich die Zusatzkosten leisten können, kommen ausreichend früh in den Genuss dieser Behandlungen. Alle anderen, die sich diese Kosten nicht leisten können, müssen entweder entsprechend warten oder auf die Therapie/Behandlung verzichten.
Über die Grenze geschaut, sind diese Therapien in der Bundesrepublik Deutschland kostenfrei. Diese kostenlosen Behandlungen für Kinder und Jugendliche werden auch von der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde gefordert.
Neuer Gesundheitsplan für Kinder und Jugendliche
Gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium arbeiten Vertreter der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde derzeit intensiv an einer aktuellen Version des Gesundheitsplans für Kinder und Jugendliche. Neben den psychosozialen Fragestellungen geht es dabei auch um die Themen Prävention und frühe Hilfen, um die Akutversorgung ambulant und stationär, um den Bedarf an Rehabilitationseinrichtungen für Kinder und um die Kinder-Arzneimittelsicherheit. Der Gesundheitsplan sollte bis Mitte 2011 fertig sein, die Fachgesellschaft erwartet sich daraus entsprechende Konsequenzen gemäß ihren Forderungen.
Zitat Prim. Univ.-Prof. Dr. Klaus Schmitt:
„Seitens des Ministeriums werden wir immer mit der Forderung konfrontiert, dass alles kostenneutral sein muss. Es ist erstaunlich, dass es keine Berechnungen gibt, wie viel Einsparungen Präventionsmaßnahmen (etwa in den Bereichen Impfungen, Ernährung, Bewegung) bringen könnten. Diese Einsparungen werden natürlich erst in vielen Jahren lukrierbar sein. In Folge der Kurzlebigkeit der politischen Perioden finden langzeitpräventive Ideen aber keinen Eingang in die Köpfe der Politiker. Wenn man jedoch z.B. bedenkt, was uns die mit dem Übergewicht assoziierten Erkrankungen und damit einhergehenden Arbeitsausfälle und Frühpensionierungen in Zukunft kosten werden, wird die Kurzsichtigkeit dieser Einstellung klar. Es geht aber nicht nur um finanzielle Einsparpotentiale, viel wesentlicher ist, was wir unseren Kindern und Jugendlichen antun, wenn wir ihnen nicht rechtzeitige Hilfe gewähren.“ Schmitt_OEGKJ_Praesident_Statement_Gesundheitsv_Oesterr_Kinder.pdf 472.5 kB
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