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Statement Scheer: Depression als Konsequenz früher Bindungsstörungen?
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Depression als Konsequenz früher Bindungsstörungen?
Pädiater betonen Bedeutung der Früherkennung
durch Mutter/Kind-Pass-Untersuchungen


Die „Psychosomatik“ aus Sicht der Pädiatrie ist einer der Schwerpunkte der 49. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde in Villach.
Univ.-Prof. Dr. Peter Scheer, Leiter der ÖGKJ-Arbeitsgruppe Psychosomatik und der Psychosomatik und Psychotherapie der Klinischen Abteilung für Allgemeine Pädiatrie, Univ.-Klinik f. Kinder- u. Jugendheilkunde in Graz, verweist im Rahmen des Psychosomatik-Schwerpunktes auf die zunehmenden Bindungsstörungen österreichischer Kinder und demzufolge auf die Wichtigkeit der Früherkennung solcher Bindungsstörungen durch die regelmäßige Inanspruchnahme der Mutter/Kind-Pass-Untersuchungen.


Wann ist die Bindung eines Kindes zu seinen Eltern gestört?

Zumindest eine verlässliche Bezugsperson (meist die Mutter) muss dem Kind eine sichere Basis vermitteln, denn nur so ist eine gesunde Entwicklung möglich. Wenn diese sichere Basis fehlt, kann es zur Ausbildung einer Bindungsstörung kommen.
Dazu Prof. Scheer: „Bindungsstörungen sind relativ leicht zu sehen, am leichtesten, wenn Mutter und Kind schlecht zusammenpassen: Eine Mutter, die immer füttern will und ein Kind, das wenig isst. Eine Mutter, die lange schlafen will und ein Kind, das nur wenig Schlaf braucht. Die bekannte Dreimonatskolik ist dabei eine Besonderheit der Bindungsproblematik, denn das Kind merkt, dass es mit seinem Körper selbst zurechtkommen muss, Eltern sehen, dass sie ihrem Kind nicht immer helfen können. Annahmen, dass schwer verträgliche Nahrung oder falsche Ernährung der stillenden Mutter Ursache der Koliken seien, konnten nicht bestätigt werden. Vielmehr geht es um die erste Verzweiflung des Kindes und das erste Loslassen der Mutter. Schwierig ist es, wenn seitens der Mutter eine Ablehnung des Kindes vorliegt. Hier therapeutisch einzugreifen, bedeutet Tabuzonen zu überschreiten.“


Der sogenannte „Fremde-Situation-Test“ nach Mary Ainsworth

Wie gut oder schlecht die Qualität der Bindung zwischen Mutter und Säugling bzw. Kleinkind tatsächlich ist, kann mit einem Testverfahren, dem sogenannten „Fremde-Situation-Test“, der von der Forscherin Mary Ainsworth (1913 – 1999) bereits in den Siebziger Jahren angewandt wurde, festgestellt werden. Der Test misst das Bindungsverhalten durch Verhaltensbeobachtung.
Der Test ermöglicht eine klare Definition und Diagnostik der Bindungsstörung: Ein Kind betritt mit der Mutter und einer Untersucherin einen Raum. Man spielt miteinander. Nach einer Eingewöhnungszeit verlässt die Mutter den Raum. Das gesunde Kind zwischen 10 und 16 Monaten wird sich in Richtung der Türe, durch die die Mutter gegangen ist, bewegen und weinen. Kommt die Mutter zurück, kann sie
das Kind leicht und schnell beruhigen (Typ B).

Auffällig sind nun die Kinder, die so tun, als wäre nichts passiert. Sie haben die Mutter innerlich nicht abgebildet (repräsentiert) und „vergessen“ auf sie. Diese Kinder nennt man im Fachjargon unsichervermeidend (Typ A). Anders verhält es sich mit Kindern, die sich nach Weggehen der Mutter gar nicht beruhigen lassen. Sie sind sich der Bindung auch nicht sicher und werden darum ängstlichunsicher (Typ C) genannt. Eine letzte Gruppe von Kindern würde wegen Unvorhersehbarkeit des Verhaltens ihrer Bindungsperson, wie es bei psychiatrisch kranken oder suchtkranken Eltern vorkommt, ambivalent oder vollkommen desorientiert reagieren und sich entweder distanzlos verhalten oder unvorhersehbar psychisch dekompensieren (Typ D).


Welche Störungen zeigen sich im Laufe der Entwicklung?

Bindungsstörungen zeigen sich darin, dass Beziehungen schlecht reguliert werden können. Die Kinder sind meist unsicher, fürchten Verlust und zeigen sich ängstlich und verdrängen Gefühle, erkunden ihre Umwelt wenig und schlecht. Im schlimmsten Fall zeigen sie Zeichen eines Rückzugs bis hin zur Depression, die der österreichische Forscher René A. Spitz (1887 – 1974) die anaklytische Depression genannt hat: Das meist weinerliche Kind wendet sich von der Welt ab, lernt weniger als seine Alterskollegen, bleibt in der Entwicklung zurück und kann nichts Neues wahrnehmen.


Welche Maßnahmen sind zu setzen?

Die Aufgabe der Pädiatrie ist es nun grundsätzlich, Bindungsstörungen rechtzeitig zu erkennen und durch psychosoziale Maßnahmen rechtzeitig zu behandeln. Vor allem muss es für das Kind eine „sichere Basis“ geben, von der aus es die Welt erkunden kann. Dazu Prof. Scheer: „Oft werden Kinderärzte gefragt, ob das Fremdeln schon eine Krankheit ist. Nein, ist die richtige Antwort. Gesunde und unsicher-ängstliche Kinder fremdeln (zusammen circa 80%). Das ist eine Normvariante, manchmal aber auch ein Zeichen einer sehr starken Bindung. Es verschwindet, wenn das Kind selbst gehen kann und die Schönheiten der Welt selbst kennenlernen kann. Die Distanz, die es dann zur Bezugsperson einnehmen kann, nennt man Rapprochement-Distanz. So weit kann das Kind weggehen und es kommt immer wieder. Dabei ist entscheidend, dass die sichere Basis immer vorhanden bleibt.“ Mit zunehmender Motorik und zunehmendem Alter nimmt die Distanz dieses Prozesses zu, bis sie im glücklichen Falle und gut erlernter Trennungskompetenz auf kindlicher und elterlicher Seite mit der Lösung des jungen Erwachsenen in eine bezogene Selbstständigkeit endet.


Bindungsstörungen kein lebenslanges Schicksal?

Lange dachte man, dass diese Art von Störung ein lebenslanges Schicksal darstellt. Die Bindungs- und Resilienzforschung – unter anderem vom Ehepaar K. und K. Grossmann - hat viele Menschen, die an Bindungsstörungen litten, lange prospektiv begleitet. Sie konnten zeigen, dass günstige Faktoren, wie neue Bindungen, bessere Lebensumstände, aber auch Psychotherapie Auswege aus dem schicksalhaften Verlauf ermöglichen.


Früherkennung durch Inanspruchnahme der Mutter/Kind-Pass-Untersuchungen

Prof. Scheer: „Ich appelliere an alle Eltern, die vorgesehenen Mutter/Kind-Pass-Untersuchungen unbedingt einzuhalten und in Anspruch zu nehmen, denn wir Kinder- und JugendärztInnen können Störungen in dem Bereich der Bindung bei jedem Kontakt mit dem Kind wahrnehmen, insbesondere
bei Mutter/Kind-Pass-Untersuchungen.“


[pdf]Pressetext_Psychosomatik_Prof_Scheer_49_JT (34.9 KB)

Erstellt am 4.10.2011 | Zuletzt bearbeitet am 5.10.2011