
„Pädiatrie quo vadis?“ lautet die zentrale Frage der heuer in Villach veranstalteten 49. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. Der jährlich größte Pädiaterkongress Österreichs widmet sich in diesem Jahr vor allem den Themen Psychosomatik, Neuropädiatrie und Jugendmedizin. Tagungspräsident ist Primar Univ.-Prof.Dr. Robert Birnbacher, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde im LKH Villach.
Villach, 5. Oktober 2011 - Wohin entwickelt sich die Pädiatrie im Jahr 2011? Diese Frage steht im Mittelpunkt aller Vorträge, Sitzungen und Symposien während des von 6.-8. Oktober 2011 veranstalteten Kinderärztekongresses in Villach. In allen Subdisziplinen der Kinder- und
Jugendheilkunde werden während der Tagung neueste wissenschaftliche Erkenntnisse präsentiert, unter anderem auf dem Gebiet der Ernährung, des Impfwesens, der Kinderdermatologie, der Allergologie und Pulmonologie sowie der Endokrinologie.
Die Schwerpunkte liegen in diesem Jahr aber vor allem im Bereich der Psychosomatik, Neuropädiatrie und Jugendmedizin. Damit wird einer neuen Entwicklung Rechnung getragen, die sich seit den letzten Jahrzehnten abzeichnet: Die Krankheitsbilder der österreichischen Kinder und Jugendlichen verändern sich zunehmend. Während früher vor allem Infektions- und Mangelerkrankungen die Gesundheit der Kinder bedrohten, sind es heute zunehmend auch psychosozial bedingte Störungen wie etwa Bindungsstörungen, Depression und Suchtverhalten, und auch sogenannte Lebensstilerkrankungen, bedingt durch falsche Ernährung, mangelnde Bewegung oder Stress, aber auch chronische Entwicklungsstörungen, wie etwa Sprach- und Lernstörungen.
Psychosomatik –
Immer mehr österreichische Kinder leiden an psychischen Störungen
„Wir haben die Psychosomatik als Schwerpunkt gewählt“, so Tagungspräsident Primar Univ.-Prof. Dr.Robert Birnbacher, „weil wir als Kinder- und Jugendärzte in einem zunehmenden Ausmaß mit psychosomatischen Krankheiten im Kindes- und Jugendalter konfrontiert sind.“ Zahlreiche somatische Störungen im Säuglings-, Kleinkinder- und Schulalter sind psychosomatisch verursacht. „Daher möchte ich in diesem Zusammenhang“, so Prof. Birnbacher, „auf die Bedeutung der Inanspruchnahme der Mutter/Kind-Pass-Untersuchungen hinweisen, denn erste Anzeichen solcher Störungen kann der Kinder- und Jugendarzt im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen erkennen und rechtzeitig die entsprechenden Schritte einleiten.“
Störungen der Emotion, der Persönlichkeit und des Verhaltens sind etwa zu 20 % durch Veränderungen der Genexpression (genetische Information) bedingt, der weit größere Teil wird jedoch durch traumatische Erfahrungen in Kindheit und Jugend hervorgerufen.
Dazu Prof. Birnbacher: „Die psychische Entwicklung der Kinder ist eng mit der Entwicklung des Gehirnes verbunden. Zahlreiche unterschiedliche, sich gegenseitig beeinflussende Faktoren, entscheiden, ob es zu einer normalen Entwicklung oder zu einer (traumatischen) Störung kommt. Zu diesen entscheidenden Faktoren gehören die genetische Prädisposition, die frühe Hirnentwicklung, Bindungserfahrungen, psychosoziale Prägung, Erfahrungen im Kleinkindalter sowie Erziehung und Bildung.“
Exzessives Schreien, nicht Schlafen, nicht Essen als Folge gestörter Bindungen
Während der 49. Jahrestagung wird im Rahmen des Schwerpunktes „Psychosomatik“ vor allem auch der Bedeutung von Bindungsprozessen für eine gesunde Entwicklung und den Bindungsstörungen ein eigener Vortragsblock gewidmet, außerdem auch der Entwicklung von Bindungen bei Risikokindern, der möglichen psychotherapeutischen Behandlung von Bindungsstörungen und der Beeinflussbarkeit über die Ausbildung der Eltern.
Erkenntnisse aus der Säuglingsforschung zeigen, dass frühkindliche Regulationsstörungen - beispielsweise exzessive Schrei-, Schlaf-, Fütterungs- und Gedeihstörungen - oft mit den Beziehungen zusammenhängen, in die das Neugeborene geboren wird und lebt. Prof. Birnbacher: „Um einem Neugeborenen und in weiterer Folge einem Säugling und Kleinkind die Lebensbedingungen zu ermöglichen, die es für eine gesunde Entwicklung benötigt, sind oft eine Entlastung der Eltern und entsprechende Präventions- und Interventionsprogramme vonnöten.“
Basiskompetenzen in diesem Bereich gehören zur Grundausstattung eines jeden Kinder- und Jugendarztes, um solche Störungen rechtzeitig zu erkennen, zu betreuen und gegebenenfalls der entsprechenden Therapie und Weiterbehandlung zuzuführen.
Neuropädiatrie –
Entwicklungsstörungen oder neurologische Erkrankungen bei über 3 % der Bevölkerung
Ein weiterer Schwerpunkt der Jahrestagung liegt im Bereich der Neuropädiatrie, die die Prävention, Abklärung und Therapie angeborener sowie erworbener Störungen der Nerven und des Muskelsystems umfasst. Dazu Tagungspräsident Prof. Birnbacher: „Laut internationalen Zahlen sind über drei Prozent der Bevölkerung von Entwicklungsstörungen oder neurologischen Erkrankungen betroffen. Kinder und Jugendliche, die an einer angeborenen oder erworbenen Bewegungsstörung leiden, sind ein häufiges Krankheitsbild in der Pädiatrie, weshalb wir uns während der Jahrestagung verstärkt mit neuen maßgeschneiderten therapeutischen Möglichkeiten und Langzeitrehabilitationen auseinandersetzen.“
Mit Hilfe von sogenannten „Braincomputerinterfaces“ etwa kann eine Steuerung von Computern und Prothesen direkt mit Hirnaktivität erfolgen. Davon profitieren sowohl Patienten nach Schlaganfällen und hirntraumatischen Schädigungen als auch Patienten mit psychiatrischen Störungen und Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen. Lernen und Hirnprozesse hängen sehr stark zusammen und an sich unbewusste Vorgänge im Gehirn können durch Lernen verändert werden.
Jugendmedizin –
Computerspiele - die neue Sucht der Jugendlichen?
Im Rahmen des Schwerpunktes Jugendmedizin richtet die Jahrestagung ihr Augenmerk vor allem auf das Thema „Jugend und Medien“, denn – wie Pädiater zunehmend feststellen – ist die Auswirkung von Video- und Computerspielen und Fernsehen auf die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen in Österreich bereits bedenklich. Kinder etwa zeigen – und das bei Spielen, die vom Erzeuger als unbedenklich eingestuft werden -, im Zusammenhang mit ihrem Spielverhalten in zunehmendem Ausmaß psychische Probleme. Dazu Prof. Birnbacher: „Die Entstehungsbedingungen von Computerspielabhängigkeiten sind vielfältig. Abhängigkeiten entstehen aus einem Zusammenspiel von Persönlichkeitsmerkmalen des Kindes oder Jugendlichen und Eigenschaften des Computerspieles selbst.“
Jugendliche, die eine Computerspielabhängigkeit aufweisen, zeigen häufiger Leistungseinbrüche in der Schule, vermehrt Fehlstunden, Schulschwänzen und eine unregelmäßige Freizeitbeschäftigung, die auch durch Bewegungsmangel gekennzeichnet ist. Bei zahlreichen Jugendlichen hat – in Übereinstimmung mit anderen Suchterkrankungen – ein in der Vergangenheit zurückliegendes Traumatisierungserlebnis ursächliche Bedeutung. Tatsächliche Probleme und Misserfolge im realen Leben kompensieren computerabhängige Kinder und Jugendliche durch das verstärkte und missbräuchliche Inanspruchnehmen von Computerspielen.
Aber nicht nur das Konsumverhalten österreichischer Kinder- und Jugendlicher und daraus resultierende Abhängigkeiten und psychische Störungen sind Gegenstand der 49. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, sondern auch die Frage, wie die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen gefördert werden kann. Dem Thema Prävention werden daher während des Kinderärztekongresses ebenso zahlreiche Sitzungen und Symposien gewidmet.
Das Programm zur 49. Jahrestagung finden Sie unter:
www.paediatrie2011.at oder
www.docs4you.atFotos und
Statements der Referenten der Pressekonferenz finden Sie unter:
www.docs4you.atPressecorner
Pressekonferenzen Pressetexte 2011
Pressekonferenz 49. Jahrestagung, 5.10.2011, Villach, „Pädiatrie quo vadis?“
Pressetext 49 ÖGKJ Jahrestagung Pädiatrie quo vadis Prof Birnbacher Villach 2011 (39.3 KB)