
Liebe Leserin, lieber Leser,
vor einigen Jahren hat ein namhafter Mediziner in Oberösterreich zu mir gesagt: „Ihr behandelt ohnehin nur Kinder mit Durchfall und Husten.“ Auch wenn dies sicherlich nicht die allgemeingültige Meinung unserem Fach gegenüber ist, gehören derartige, unüberlegt ausgesprochene Vorurteile abgebaut. Der Themen-schwerpunkt Pädiatrie der
Ärzte Krone gibt uns die Gelegenheit, die Vielfalt unseres Faches darzustellen. Aus Platzgründen können wir gar nicht alle Subspezia-lisierungen der Kinder- und Jugendheilkunde präsentieren.
Kinder- und Jugendärztinnen mit SpezialausbildungIn der Erwachsenenmedizin sind die Spezialisierungen seit vielen
Jahren etabliert. Sie sind Folge des rasch wachsenden medizinischen
Wissens, das durch den einzelnen Mediziner nicht mehr
adäquat abgedeckt werden kann. In der Kinder- und Jugendheilkunde
ist es nicht anders. Wir mussten allerdings viele Jahre um
die Anerkennung von Additivausbildungen kämpfen – nicht wirklich
nachvollziehbar, wird dabei zwischen Additivfacharztdiplom
und Subspezialisierung unterschieden.
Was für die Innere Medizin gilt, sollte auch für die Pädiatrie
Gültigkeit haben. EU-Richtlinien ebenso. Additivausbildungen
an entsprechenden Zentren garantieren die optimale Versorgung
von Kindern und Jugendlichen mit schweren und seltenen Erkrankungen.
Kinder sind keine kleinen ErwachsenenDas Argument, „Kinder mit speziellen Organerkrankungen könnten
von Spezialisten der Erwachsenenmedizin behandelt werden“,
ist leicht zu entkräften. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen.
Das klingt plakativ, ist aber leicht erklärbar. Neben Erkrankungen,
die im Kindes- und Erwachsenenalter auftreten können, gibt es
eine Vielzahl von Krankheitsbildern, die den Internisten nicht
bekannt sind. Die Physiologie und Pathophysiologie des wachsenden
Organismus muss in Therapieentscheidungen mit einbezogen
werden. Komplexe Erkrankungen betreffen oft nicht nur ein
Organ. Hier ist die ganzheitliche Sichtweise unserer Kinder- und
JugendärztInnen von Vorteil.
Mehr als in der Erwachsenenmedizin spielen auch psychosoziale
Aspekte bei der Betreuung eine wichtige Rolle. Ich formuliere
es immer so: Mit einem Bein bleiben wir Allgemeinpädiater,
mit dem anderen widmen wir uns einem speziellen Fachgebiet.
Und dort, wo es notwendig ist, suchen wir von uns aus den Kontakt
und die Zusammenarbeit mit anderen medizinischen Fachdisziplinen.
PräventionEin besonders wichtiger Aspekt unseres Faches ist die Prävention, die vor
allem durch den Mutter-Kind-Pass ermöglicht wird. Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen haben zu einem signifikanten Rückgang der Schwangerschaftskomplikationen und der Säuglingssterblichkeit geführt.
Früherkennung bedeutet rechtzeitige Therapiemaßnahmen und Vermeidung
von Spätfolgen. Schwächen in der Früherkennung gibt es noch im psychosozialen Bereich, in der Erfassung von Teilleistungsstörungen
bzw. beim Problem der Vernachlässigung. Arbeitsgruppen
der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde
arbeiten an Strategien, um dem entgegenzuwirken.
Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen werden mit zunehmendem Alter
der Kinder leider seltener in Anspruch genommen. Gerade Familien
mit höherem Risiko für die zuvor angesprochenen Defizite kommen
selten zur Vorsorge. Verpflichtende Untersuchungen wären eine
wirksame Strategie, um den Kindern und Familien zu helfen.
ImpfungenImpfungen waren im letzten Jahrhundert ein wesentlicher Fortschritt
für die Entwicklung der Volksgesundheit. Ein Großteil der
Bevölkerung nimmt Impfungen sehr gut an. Es gibt aber eine kleine
Gruppe von fanatischen, kritiklosen Impfgegnern, die mit unseriösen
Argumenten Angst verbreiten. Medial werden mögliche
Impfschäden leider auch immer wieder unkritisch und nicht ausreichend
recherchiert dargestellt.
Wir Kinderärzte sind verpflichtet, mögliche Impfkomplikationen
zu melden. Wir tun dies auch. Ein Rückgang der Impffrequenzen
bedeutet für Kinder ein erhöhtes Erkrankungsrisiko. Das sollten
alle, die sich mit der Impfthematik befassen, stets vor Augen haben.
Mit den einzelnen Beiträgen des Themenschwerpunktes Pädiatrie
möchten wir Ihnen nun einen Einblick in die Vielfalt der Kinder-
und Jugendheilkunde geben, und ich bedanke mich im Namen
der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde
für die Möglichkeit, unser Fach einer breiten Öffentlichkeit
darzustellen!
Prim. Univ.-Prof. Dr. KLAUS SCHMITT,
Präsident der Österreichischen Gesellschaft
für Kinder- und Jugendheilkunde