Prim. Dr. Karl Pallasmann *)
Vorstand der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde, LKH Villach
F: Meine Tochter und mein Schwiegersohn arbeiten beide ganztags. Meiner 10-jährigen Enkelin erfüllen sie sofort jeden Wunsch, aber meist muss sie alleine spielen oder sie sitzt vor dem Fernseher oder vor dem Computer. Ist das heutzutage normal, dass die Kinder ständig sich selbst überlassen bleiben?
A: Leider trifft das auf einen Großteil der Kinder zu. Menschen, die Eltern werden, sind sich selten bewusst, welche „Knochenarbeit" Kindererziehung bedeutet und nehmen sich nicht die Zeit, sich mit ihren Kindern wirklich auseinander zu setzen.
Es ist doch einfacher, den Fernseher oder Computer einzuschalten, als gemeinsam aktiv die Freizeit zu gestalten. Es ist leichter, große Summen an Taschengeld zu geben und teure, unnötige Spielsachen zu kaufen, als sich Zeit zu nehmen für gemeinsame Spiele. Und es ist bequemer für Eltern, ihre Kinder zu verwöhnen, als ihnen eine gewisse Frustrationstoleranz beizubringen und zu zeigen, dass das Erfüllen bestimmter Wünsche erst verdient werden muss oder ein materieller Wunsch einfach einmal nicht erfüllt wird.
Als Kinderarzt fühle ich mich verpflichtet, auf mögliche Konsequenzen eines solchen Erziehungsverhaltens hinzuweisen: Desorientierung, Drogensucht, Sinnverlust und weiter zunehmende Gewalt unserer Kinder und Jugendlichen könnten wir so in Zukunft noch mehr zu spüren bekommen.
Kinder sind unser kostbarstes Gut und sie geben unserem Leben Wert und Sinn. Daher rate ich Ihrer Tochter und Ihrem Schwiegersohn, Ihrem Mädchen Zeit zu schenken, wann immer es geht, denn genau diese Zeit können Eltern und Kinder später nie mehr nachholen.
Außerdem empfehle ich auch eine professionelle Erziehungsunterstützung, denn das Wissen um eine kindgerechte Erziehung kann nicht vorausgesetzt werden. Sprechen Sie mit Ihrem Kinderarzt, oder beanspruchen Sie eine Elternberatung beim Gesundheitsamt.
*) Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde