Univ.-Prof. Dr. Rainer Seidl *) Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Wien
F: Mein Enkel, acht Jahre, riecht seit ca. einem Jahr nichts. Vom Arzt wurde ein Spray mit Kortison geraten, was kann man sonst tun? A: Riechstörungen werden grundsätzlich unterschieden in sinunasale und nicht-sinunasale Störungen. Unter sinunasal werden jene Formen zusammengefasst, bei denen die Ursachen durch Erkrankungen der Nase oder ihrer Nebenhöhlen entstehen. Hier entsteht die Riechstörung als Folge von Veränderungen im Atmungstrakt, wobei das eigentliche Geruchssystem nicht betroffen ist. Bei den nicht-sinunasalen Ursachen steht die nachhaltige Schädigung des Geruchssystems im Vordergrund (Riechepithel, Riechbahn). Man unterscheidet eine komplette Anosmie (d.h. vollständiger Verlust des Riechvermögens), eine funktionelle Anosmie mit sehr deutlicher Einschränkung des Riechvermögens, sowie eine partielle Anosmie mit im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung deutlich verminderter Empfindlichkeit gegenüber einem bestimmten Duftstoff bzw. einer Duftstoffgruppe. Letztere hat keinen Krankheitswert. Im Kindesalter stellen Riechstörungen nach Virusinfektionen (40%) die häufigste Form dar, in absteigender Häufigkeit gefolgt von Anosmie nach minimalen Schädelhirntraumata (30%), chronischen Infekten der Nase und Nasennebenhöhlen, toxischen (z.B. Chlorinhalation) und angeborenen Ursachen (1%). Zusammenfassend empfehle ich für Ihren Enkel eine Vorstellung an einer HNO-Spezialambulanz, um die Vorgeschichte nochmals zu erfassen und einen eventuellen zeitlichen Zusammenhang zu oben erwähnten Ursachen herstellen zu können. Danach werden neben einem standardisierten Riechtest auch weitere Untersuchungen (z.B. Kernspintomographie des Gehirns und der „Riechbahn") nötig sein. Nach Klärung der wahrscheinlichsten Ursache kann eine Therapie der Riechstörung empfohlen werden und der weitere Verlauf (Prognose) eingeschätzt werden. Als Therapie kommen je nach Ursache Substanzen wie Kortison, Antibiotika, Vitamine, aber ev. auch HNO-Operationen in Frage. *) Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde
|