Primar Dr. Olaf Arne Jürgenssen *)
Vorstand der Kinder- und Jugendabteilung im Krankenhaus Wiener Neustadt
F: Meine beiden Kinder (9 und 11 Jahre) sind gegen Influenza geimpft. Wie verhalte ich mich in Bezug auf die Vogelgrippe? Kann ich meinen beiden Kindern im Bedarfsfall „Tamiflu"-Tabletten geben?
A: Grundsätzlich ist eine Impfung ein Vorgang, der durch rechtzeitig produzierte Antikörper eine Ansteckung verhindern soll. Tamiflu ist hingegen eine Therapie, wenn es doch zu einer Ansteckung gekommen ist, eben um den Krankheitsverlauf günstiger zu gestalten.
Ein gegen Influenza Geimpfter sollte an der aktuellen Influenza nicht mehr erkranken können. Nun hat aber das Influenza-Virus die unangenehme Eigenschaft, sich von Saison zu Saison modifizieren zu können, weswegen jede Saison neu geimpft werden muss, während zB. bei Masern im Grunde eine Impfung lebenslangen Schutz erzeugt.
In Südostasien leben Menschen, Federvieh und Schweine in einem so engen Kontakt, dass dort wie in einem Bio-Labor Viren die Artengrenzen überspringen können, was eben zu den oben erwähnten Virus-Modifikationen führen kann. Daraus folgt, dass zunächst die Impfung das Wichtigste ist. Wenn es aber dann doch zu einer Erkrankung kommt, weil die Impfung nicht angegangen ist (= keine Antikörper produziert worden sind) oder aber die Virus-Modifikation vom Impfstoff nicht erfasst worden ist, dann kann man mit Tamiflu noch immer behandeln, da dies eine der ganz seltenen Substanzen ist, die Viren angreifen können.
Unabhängig davon gibt es nun die Vogelgrippe, die als Geflügelpest ja ohnedies immer vorgekommen ist, die eine gewisse Affinität zum Influenza-Virus aufweist und naturgemäß von der Influenza-Impfung nicht erfasst wird. Derzeit hilft hier ohnedies nur Tamiflu, gleich ob eine Grippeimpfung nun erfolgt ist oder nicht. Das heißt, erkranken ihre Kinder, gleich wie der Impfstatus ist, dann können, ja müssen sie mit Tamiflu behandelt werden, vorausgesetzt dass diese Substanz zu diesem Zeitpunkt überhaupt zur Verfügung steht.
Allerdings gibt es bis heute keinen Hinweis, dass die Vogelgrippe von Mensch zu Mensch übertragen wird, was aber die Voraussetzung für den Ausbruch einer Pandemie wäre. Die bislang weltweit ca. 65 Toten haben sich immer nur direkt bei Vögeln angesteckt.
Nun hat man aber aus Permafrostleichen den Erreger der Spanischen Grippe von 1918 isolieren können und eine sehr große Ähnlichkeit zur Vogelgrippe/Influenza festgestellt, dh. dass schon einmal Vogelgrippe und Influenza eine unheilige Allianz eingegangen sind und Millionen von Opfern gefordert haben. Allerdings besteht die Hoffnung über diesen Erreger der Spanischen Grippe doch zu einem Impfstoff gegen Vogelgrippe zu kommen.
Kinder sind bis jetzt eher nicht Influenza geimpft worden, weil die Todesopfer nahezu ausschließlich aus der Reihe der Senioren kommen. Das sieht man nun ein wenig anders und es wird in den letzten Jahren empfohlen, auch die Kinder zu impfen, wie Sie es ja auch getan haben: 1. weil man eine auch bei Kindern unangenehme Erkrankung verhindern kann, 2. weil der sogenannte Kohortenschutz eben auch die ältere Generation zusätzlich schützt, in der es jedes Jahr tausende vorzeitige Todesfälle gibt, und 3. weil die jährliche Impfung eine bessere Bandbreite des Impfschutzes garantiert.
Es ist nur darauf zu achten, dass Kinder bis zum vollendeten 3. Lebensjahr mit einer Juniordosis und Kinder bis zum 8. Lebensjahr bei der Erstimpfung zweimal im Abstand von 4 – 6 Wochen geimpft werden sollen. Der sogenannte Seniorengrippeimpfstoff ist hingegen so reaktogen (= reich an Nebenwirkungen), dass er im Kindesalter nicht angewendet werden soll.
*) Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde