Univ.-Prof. Dr. Michael Höllwarth *)
Vorstand der Universitätsklinik für Kinderchirurgie, Graz
F: Ab welchem Alter kann man feststellen, ob ein Kind an einer Trichterbrust leidet und gibt es Möglichkeiten diese zu behandeln?
Unter Trichterbrust versteht man eine trichterförmige Einsenkung, die vorne im mittleren und unteren Brustbeinbereich lokalisiert ist. Sie kann symmetrisch ausgebildet sein, aber auch asymmetrisch, sodass eine Seite des Trichters deutlich steiler und tiefer verläuft als die andere. Es handelt es sich primär um eine Veränderung des Skelettes im Brustkorbbereich. Die Ursache dieser Veränderung ist unklar.
Selten besteht eine Trichterbrust bereits bei der Geburt und wenn, dann nur in Form einer leichten Absenkung im vorderen Brustkorbbereich. Meist wird die Trichterbrust erst in der Wachstumsphase nach dem 6. bis 7. Lebensjahr wahrgenommen, aber von Patienten oder Eltern häufig noch nicht als störend empfunden. Knapp vor oder in der Pubertät kommt es zu einer weiteren Vertiefung des Trichters, die nun auch sehr störend empfunden wird, weshalb die meisten Patienten in diesem Alter ärztlichen Rat suchen.
Da es fließende Übergänge zwischen einer normalen Brustkorbform und einer leichten Trichterbrust gibt, wurden in der Vergangenheit Messparameter (so genannte "Indizes") erarbeitet, die normale Brustkorbformen von einer leichten bzw. mittleren oder schweren Trichterbrustform unterscheiden helfen. Diese Messparameter werden entweder anhand von zwei Brustkorb-Röntgenbildern im Winkel von 90° oder mit einer Computertomographie gemessen.
Detaillierte Untersuchungen von Lungen- und Herzfunktion zeigten, dass die Trichterbrust üblicherweise zu keiner Einschränkung dieser Funktionen führen. Wenngleich die Patienten manchmal über stechende Schmerzen oder Kurzatmigkeit insbesondere bei Belastung klagen, konnten unsere Untersuchungen medizinisch fassbare Lungen- oder Herzprobleme ausschließen. Der Hauptgrund für eine Behandlung ist daher in der Regel das psychische Problem, das mit dieser Körperfehlbildung einhergeht, welches aber vor allem im Jugendalter sehr belastend sein kann, so dass ein operativer Eingriff durchaus nötig und sinnvoll ist.
Konservative Behandlungsversuche führen zu keinem dauerhaften Erfolg, daher ist lediglich eine operative Korrektur sinnvoll. In früheren Jahren waren die Operationsmethoden vor allem auf eine ausgedehnte Rekonstruktion des Rippen-/Brustbein-Skeletts ausgerichtet und erforderten einen großen Schnitt. Die Universitätsklinik für Kinderchirurgie Graz führt seit über 5 Jahren eine neue minimal invasive Korrekturoperation durch, bei der lediglich zwei kurze Narben an der Seite des Brustkorbes (unter der Achselhöhle) verbleiben. Unter gleichzeitiger Brustkorbspiegelung wird eine vorgebogene Metallschiene eingeführt, die von innen her den Trichter nach außen drückt. Die Metallschiene wird für drei Jahre belassen, dann wird sie durch einen kleinen Eingriff wiederum entfernt. Die bisherigen Erfahrungen sind mit dieser Methode sehr zufriedenstellend, dies entspricht auch den Ergebnissen in anderen großen Zentren in Deutschland und den USA. Insbesondere die kurze Operationszeit, der Aufenthalt von wenigen Tagen im Krankenhaus und die Tatsache, dass auch alle Sportarten trotz liegender Schiene durchgeführt werden können, sprechen für die Methode. Dennoch sind in jedem Einzelfall ein Gespräch mit dem Patienten und eine fachlich fundierte Beratung erforderlich.
*) Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde