Primar Dr. Klaus Vavrik *) Sozialpädiatrisches Ambulatorium, Wien Leiter der ÖGKJ-AG Entwicklungs- und Sozialpädiatrie
F: Mein Enkel ist zwei Jahre alt und spricht noch kein einziges Wort. Ist das normal? A: Das dem Alter Ihres Enkels entsprechende Sprachniveau würde einen Wortschatz von ca. 30 – 50 sicher verwendeten Wörtern sowie zumindest Zwei-Wort-Sätze erwarten lassen, wobei es aber eine große individuelle Schwankungsbreite auch ohne krankhafte Bedeutung gibt. Bleibt diese Entwicklung aus, müssen viele Fragen zur beschriebenen Symptomatik („spricht noch kein Wort") genauer geklärt werden: Bedeutet dies, dass Ihr Enkel noch keine Worte artikulieren kann oder bedeutet es, dass er Worten inhaltlich keine Bedeutung zumisst? Versucht er, lautmalerisch nachzuahmen (z.B. Tierlaute), eigene Phantasieworte zu bilden oder z.B. durch Zeigen oder Deuten zu „sprechen" oder zeigt er überhaupt kein Interesse am „Dialog", also am zwischenmenschlichen Austausch? Ganz wichtig ist eine standardisierte Hörprüfung, auch wenn Sie im Alltag den Eindruck eines guten Hörvermögens haben, wie auch die Frage nach der lautsprachlichen Entwicklung der anderen Familienmitglieder. Bedeutsam zum Verständnis der Symptomatik ist darüber hinaus der Verlauf der anderen Entwicklungsdimensionen, d.h. der motorischen, der geistigen und der psychosozialen Entwicklung. Der Bogen der möglichen Erklärungen für eine Verzögerung in der Sprachentwicklung reicht von allgemeiner Entwicklungsverzögerung über kognitive Minderbegabung, sprechmotorische Probleme, genetische Syndrome oder mit Epilepsie verbundene Krankheitsbilder bis hin zu psychodynamischen Gründen. Manchmal ist es auch eine Kombination mehrerer Ursachen. Um eine Abklärung mit Plan und Strategie zu veranlassen, empfehle ich Ihnen daher, eine/einen auf Entwicklungsdiagnostik spezialisierte/n Kinderärztin/ -arzt aufzusuchen. *) Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde
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