Depression bei Kindern und Jugendlichen
Autoren: cand. med. Dr. phil. Andreas Baranyi und Univ. Prof. Dr. med. Peter Scheer, AG Psychosomatik & Psychotherapie, Univ. Klinik für Kinder- u. Jugendheilkunde, Graz, Email: peter.scheer@klinikum-graz.at
Zusammenfassung:
Dieser Artikel ist in mehrfacher Hinsicht Grenzen überschreitend. Er wurde von einem Jungen und einem Älteren verfaßt; einem Medizin studierenden Psychologen und einem Philosophie studierend habendem Mediziner! Er richtet sich an interessierte Betroffene jedes Alters, an Eltern, Angehörige und Kollegen.
Er versucht, ohne Hoffnungslosigkeit auslösen zu wollen, die Ernsthaftigkeit und Bedeutung des Begriffs Depression kritisch und informativ zu beleuchten und stellt keine aussichtslose Perspektive in den Raum. Lesenswert!
1. ) Einleitung Die Depression zählt heute zu den häufigsten psychiatrischen Diagnosen. Sie tritt in jedem Lebensalter auf, findet sich aber mit zunehmendem Alter immer häufiger. Das Alter der Erkrankten bestimmt die Symptomatik . Depressive Zustandsbilder sind schon lange bekannt.
Schon Hippokrates beschäftigte sich 400 v. Chr. mit der Melancholie ( abgeleitet vom griechischen melan (schwarz) und choler (Galle)). Der kappadokische Arzt Aretaeus ( 200 n. Chr. ) sah erstmals einen Zusammenhang zwischen der Melancholie und der genau entgegengesetzten Stimmungslage, der Manie ( abgeleitet von dem griechischen Wort mainesthai (wahnsinnig ) ).
Der deutsche Psychiater Emil Kraepelin beschrieb schließlich im 19. Jahrhundert die zwei Hauptformen der Psychose, die Schizophrenie und den manisch - depressiven Zustand. Vor allem in den letzten Jahren hat es einen beachtlichen Wissenszuwachs über Ursachen und Therapiemöglichkeiten gegeben, der auch zu einer immer effizienteren und nebenwirkungsärmeren Behandlung führen sollte.
2.) Beschreibung typischer depressiver und manischer Zustandbilder beim Erwachsenen: Typische Symptome einer unipolaren Depression sind ( nach Davison, Neale et al. (1996 )) starke Traurigkeit und Niedergeschlagenheit, Gefühle der Wertlosigkeit und Schuld, sozialer Rückzug, Schlafstörungen und der Verlust von Appetit und sexuellem Verlangen. Meistens verlieren Depressive das Interesse und die Freude an alltäglichen Handlungen. Die Konzentrationsfähigkeit ist häufig sehr stark eingeschränkt : Depressive haben Probleme Gelesenes zu erfassen oder einem Gespräch zu folgen. Jedes Gespräche wird so mühsam, und viele Patienten bevorzugen es daher alleine und still dazusitzen. Sie sprechen wenig, leise, langsam und mit langen Pausen. Ihre Stimme ist monoton.
Aber auch das Gegenteil kommt vor: übermäßige Erregung. Stillsitzen fällt den an dieser Form der Depression Erkrankten schwer. Sie sind lieber ständig in Bewegung. Stöhnen und Klagen prägen das Bild.
Depressiven Menschen wird jedes Problem unlösbar und es kommt sehr häufig zu Selbstvorwürfen. Viele vernachlässigen auch die Körperpflege und die äußere Erscheinung. Hypochondrische Klagen über Schmerzen und Beschwerden ohne eine körperliche Grundlage sind nicht selten. Sorge, Angst und Verzagtheit bestimmen das Denken.
Wenn zumindest einige dieser typische Symptome vorhanden sind wird, die Diagnose Depression gestellt. Die starke Traurigkeit darf natürlich in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Lebenssituation des oder der Betroffenen stehen. Depressionen treten in Phasen auf. Dazwischen herrscht oft eine weitgehende Beschwerdefreiheit. Eine frühe Behandlung ist wichtig, da eine depressive Episode sonst sechs bis acht Monate und länger dauern kann und ein hohes Selbstmordrisiko besteht. Auch die Gefahr, dass die Depression chronisch wird, ist bei einer fehlenden Behandlung gegeben.
Die Manie: Eine intensive, aber unbegründete gehobene Stimmung, Hyperaktivität, Geschwätzigkeit, Ideenflucht, Ablenkbarkeit, Gedanken über nicht durchführbare große Pläne oder nwandlungen zielloser Aktivität prägen das Bild. Bei einigen Patienten wechseln periodische Episoden der Depression mit manischen Phasen ab (bipolare Störung). Eine reine Manie ist sehr selten. Die bipolare Störung (Myers et al. 1984) tritt bei Männern und Frauen ungefähr gleich häufig auf. Sie ist aber insgesamt weitaus seltener als die Major Depression (= schwerste Form der unipolaren Depression).
Die Manie entwickelt sich meistens innerhalb von ein oder zwei Tagen. Bleibt der Patient unbehandelt, können die Episoden einige Tage, aber auch mehrere Monate dauern.
Unterschiede zwischen unipolarer und bipolarer Depression: nach Davison, Neale et al. (1996 )
| Variable | Unipolar | Bipolar |
|---|
| Motorische Aktivität: | meist agitiert | bei Depression meist retardiert |
| Schlaf: | Einschlafschwierigkeiten | schläft bei Depression meist länger als üblich |
| Alter bei Beginn: | Ende 30 bis Anfang 40 | um die 30 |
| Familiäre Belastung: | Verwandte ersten Grades haben hohes Risiko für unipolare Depressionen | Verwandte ersten Grades haben hohes Risiko für bipolare Depressionen |
| Geschlecht | bei Frauen viel häufiger | bei beiden Geschlechtern gleich häufig |
| Biologische Behandlung | geringe Reaktion auf Lithium, besser auf tri-zyklische Antidepressiva | Lithium |
3. ) Die Depression bei Kindern und Jugendlichen Die ( Rossmann ( 1993 )) ursprünglich für Erwachsene entwickelten Konzepte gelten heute auch für Kinder und Jugendliche. Die Grundlage ist das DSM - IV ( Saß, Wittchen et al. ( 1996 )). Die schwerste Form eines depressiven Syndroms, die ,, Major Depression ", wird dort von einer milderen, aber chronifizierten Form, der ,, Dystymen Störung ", unterschieden. Daneben werden noch mehrere bipolare ( manisch - depressive )Varianten beschrieben. Eine gefährliche Komplikation der Depression ist das erhöhte Risiko des Selbstmord.
4. ) Wie erkennt man eine Depression bei Kindern bzw. Jugendlichen:
A. ) Major Depression (= Unipolare Depression) Die Major Depression kann in jedem Alter auftreten und auch schon in der Kindheit beginnen. Die Symptome ( Saß, Wittchen et al. ( 1996 )) der Major Depression sind nach DSM IV:
a. ) Traurige, niedergeschlagene Stimmung Bei Kindern und Jugendlichen ( Petermann ( 2000 )) kann statt dessen auch eine gereizte Stimmung vorherrschen - sie ist mit andauernder Verärgerung, der Tendenz zu jäh- zornigem Verhalten oder verringerter Frustrationstoleranz verbunden. Die verringerte Frustrationstoleranz führt oft bei kleinen Anlässen zu einem unbeherrschten, wütenden oder sogar aggressiven Verhalten.
b. ) Appetit- und Gewichtsverlust oder gesteigerter Appetit und Gewichtszunahme
Bei Kindern ( Petermann ( 2000 )) ist das Ausbleiben der im Rahmen der alters- mäßigen Entwicklung zu erwartenden Gewichtszunahme auffallend.
c. ) Schlaflosigkeit; Einschlafschwierigkeiten Nächtliches Aufwachen und anschließende Schlaflosigkeit; frühes morgendliches Er- wachen; bei manchen depressiven Patienten auch das Bedürfnis, den größten Teil des Tages nach Möglichkeit zu verschlafen.
d. ) Veränderung des Aktivitätsniveaus in Richtung Lethargie (psychomotorische Hemmung) oder Agitiertheit
Bei Kindern und Jugendlichen ( Petermann ( 2000 )) herrscht oft Unruhe ( z.B. auf- springen, nicht still sitzen können, mit Armen und Beinen zappeln ). Es kommt zu einer Verlangsamung der Sprache, des Denkens und der Bewegung.
e. ) Verlust von Interesse und Vergnügen an gewohnten Aktivitäten.
Bei Kindern und Jugendlichen ( Petermann ( 2000 )) äußert sich dies auch oft in einem aktiven "Vermeidungs- und Verweigerungsverhalten - Dieser Rückzug des Kindes oder Jugendlichen hat oft ungenügend entwickelte soziale und motorische Fertigkeiten zur Folge. Schon bestehende Fertigkeiten auf diesen Gebieten können so wieder verlernt werden. Die Folge sind Selbstwertprobleme und Gefühle der Wertlosigkeit.
f. ) Antriebsverlust, große Müdigkeit
g. ) Negatives Selbstkonzept; Selbstvorwürfe und Selbsttadel; Gefühle der Wertlosigkeit und Schuld
h. ) Konzentrationsschwierigkeiten, wie etwa verlangsamtes Denken und Unentschlossenheit Bei Kindern und Jugendlichen ( Petermann ( 2000 )) kommt es oft zu einem plötzlichen Leistungsabfall in der Schule. Die Misserfolge verstärken das negative Selbstbild und es kommt zu Schuld und Schamgefühlen. )
i. ) Wiederkehrende Todes- oder Suizidgedanken Familiäre Probleme ( z.B. Scheidung der Eltern, Erkrankungen einer nahen Person ), Selbstwertprobleme, Sinnkrisen und intensive Traurigkeit( Petermann ( 2000 )) sind bei Kindern und Jugendlichen Ursachen für Suizidgedanken. Die formale DSM-IV-Diagnose einer Episode der Major Depression bzw. einer Depressiven Episode nach ICD-10 setzt das Vorhandensein von mindestens fünf Symptomen über mindestens zwei Wochen voraus. Dabei muß entweder die depressive Stimmung oder der Verlust an Freude oder Interesse eines der fünf Symptome sein.
B. ) Die dystyme Störung Das Hauptkennzeichen ( Petermann ( 2000 )) bei Kindern und Jugendlichen ist die Gereiztheit. Sie dauert bei Kindern und Jugendlichen mindestens ein Jahr, bei Erwachsenen wird eine Dauer von zwei Jahren gefordert.
C. ) Die bipolare Störung Wie die Major Depression ( Saß, Wittchen et al. ( 1996 )) tritt auch die bipolare Störung meistens wiederholt auf. Die Symptome der bipolaren Störung sind nach DSM IV :
a. ) Erhöhung des Aktivitätsniveaus - bei der Arbeit, in sozialer oder sexueller Hinsicht
b. ) Ungewöhnliche Geschwätzigkeit, schnelle Rede
c. ) Ideenflucht oder der subjektive Eindruck, dass die Gedanken rasen
d. ) Es wird weniger als die übliche Zeit an Schlaf benötigt
e. ) Übertriebenes Selbstwertgefühl; die Überzeugung, über besondere Talente, Macht und Fähigkeiten zu verfügen
f. ) Ablenkbarkeit; die Aufmerksamkeit gleitet leicht ab
g. ) Übermäßige Beteiligung an Aktivitäten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit negative Auswirkungen haben (z.B. unbedachte Ausgaben). Die manische Episode ist bei Kindern und Jugendlichen ( Petermann ( 2000 )) oft mit Schuleschwänzen, Schulversagen, antisozialem Verhalten, Drogenmissbrauch und psychotischen Symptomen verbunden.
5. ) Weitere altersspezifische Merkmale bei Kindern und Jugendlichen: Das Alter ( Saß, Wittchen et al. ( 1996 )) der Betroffenen bestimmt sehr stark die Symptome der Depression:
A. ) Säuglingsalter: Die Symptome einer Säuglingsdepression nach dem NCCIP sind : angeborene Faulheit, Trägheit, Entwicklungsverzögerung, Kontaktarmut und eine überlange Schlafdauer. Die Diagnose in diesem Alter ist jedoch sehr schwierig und problematisch.
B. ) Präpubertäre Kinder mit einer Episode einer Major Depression: Somatische Beschwerden ( z.B. Bauch- und Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindelgefühl, Schwitzen, Rückenschmerzen ), psychomotorische Unruhe und stimmungskongruente Halluzinationen ( gewöhnlich spricht nur eine einzige Stimme zum Kind ) bestimmen das Erscheinungsbild. Es kommt ( Petermann ( 2000 )) auch häufig zur Enuresis und Enkopresis. Weitere Symptome ( Scheer ( 1993 )) sind : Inappetenz, Lustlosigkeit, Schlafstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste und Ticks.
C. ) Schulkindalterdepression:
Auslöser sind
1. ) Schulphobien ( das Kind glaubt zu Hause aufpassen zu müssen, z.B auf die alkoholkranke Mutter ;
2. ) Schulängste ( das Kind traut sich nicht in die Schule, z. B. aus Angst vor dem Lehrer, Mitschülern... );
3. ) Schulversäumer ( Sie haben etwas Wichtigeres " zu tun.)
D. ) Adoleszens: Negativistische oder antisoziale Verhaltensweisen ( Saß, Wittchen et al. ( 1996 )) sowie Alkoholkonsum oder die Einnahme von verbotenen Drogen sind häufig. ( Dies rechtfertigt dann eine Reihe zusätzlicher Diagnosen : Störung mit oppositionellem Trotzverhalten, Störung des Sozialverhaltens, Missbrauch oder Abhängigkeit von psychotropen Substanzen ). Der Wunsch, das Elternhaus zu verlassen, oder das Gefühl, nicht verstanden und nicht anerkannt zu werden, sind oft festzustellen. Ruhelosigkeit, schlechte Laune, Aggressivität treten verstärkt auf. Empfindsamkeit, Ablehnung der Teilnahme an Familienausflügen und Rückzug von sozialen Aktivitäten mit Einigeln im eigenen Zimmer sind ebenfalls häufige Merkmale. Schulschwierigkeiten entwickeln sich leicht. Die äußere Erscheinung wird manchmal vernachlässigt und eine gesteigerte emotionale Reagibilität mit einer besonderen Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisungen in Liebesbeziehungen kommt vor.
Eine depressive Erkrankung ( Ivarsson et al. ( 2000 )) ist sehr häufig auch mit Essstörungen verbunden. So leiden 4 von 5 an Anorexia nervosa Erkrankte zumindest einmal auch an einer Form der Depression. Bei älteren Menschen ist dagegen die Depression häufig durch Ablenkbarkeit und Gedächtnisprobleme gekennzeichnet.
6. ) Die Häufigkeit der Depression bei Kindern und Jugendlichen Die Major Depression ( Kessler et al. ( 1994 )) zählt generell zu den häufigsten psychiatrischen Störungen. So liegt die Lebenszeitprävalenz für Männer bei ca. 13 %, die der Frauen bei ca. 21 %. Die ebenszeitprävalenz der Dystymen Störung beträgt für Männer 4,8 %, für Frauen 8 %. Die Manie hat bei Männern eine Lebenszeitprävalenz von 1,6 % und bei Frauen 1,7%. Das durchschnittliche Ersterkrankungsalter der Major Depression liegt zwischen 30 und 40 Jahren, wobei Frauen häufiger erkranken.
Die Depression ( Hirschfeld et al. (1982 )) findet sich öfter bei Angehörigen der unteren sozioökonomischen Schichten.
Im Vorschulalter ( Rossmann ( 1993 )) treten ernste depressive Störungen extrem selten auf
( weniger als 1 % ( Petermann ( 2000 )). Bei der Untersuchung ( Petermann ( 2000 )) von Kindern im Schulalter wurde eine ,, Major Depression " bei etwa 2 % der Untersuchten festgestellt. Mit zunehmendem Alter nimmt auch die Häufigkeit des Auftretens depressiver Störungen stark zu. Ab dem 12. Lebensjahr findet man eine Depression bei Mädchen wesentlich häufiger ( Ursachen : geschlechtsspezifische Sozialisation, biologische Veränderungen in der Pubertät).
Der stärkste Anstieg der Zahl der Erkrankten ist zwischen dem 14. und 15. Lebensjahr festzustellen. Die Hauptrisikoperiode für die Entwicklung einer Major Depression liegt zwischen 14 und 16.
Bei den Jugendlichen ( Rossmann ( 1993 )) liegt der Anteil von Probanden mit einer Major Depression daher bereits bei 5 %, wobei die Mädchen in der Überzahl sind. Leichtere depressive Verstimmungszustände treten natürlich noch viel häufiger auf.
Bei Jugendlichen ( Petermann ( 2000 ) und Heranwachsenden mit einer rezidivierenden Major Depression liegt ein Risiko von 15 % vor, im weiteren Verlauf auch eine bipolare Störung zu entwickeln, wobei die Auftretenshäufigkeit für eine gemischte Episode überhaupt für Jugendliche und Menschen über 60 erhöht zu sein scheint.
Manische Störungen werden bei Jugendlichen leicht mit anderen psychischen Störungen verwechselt. Ein früher Beginn depressiver Störungen beeinflusst die soziale, persönliche, familiäre und schulische Entwicklung von Kindern negativ. Ein früher Beginn dürfte das Risiko für Substanzmissbrauch erhöhen und gefährdet den beruflichen Erfolg.
7. ) Die Depressionsdauer bei Kindern und Jugendlichen: In ( Petermann ( 2000 )) vielen Fällen verläuft die Depression bei Kindern und Jugendlichen chronisch. Die durchschnittliche Länge liegt bei etwa 30 Wochen. Rückfälle sind sehr häufig, wobei das Rückfallrisiko durch einen niederen sozioökonomischen Status noch mehr erhöht wird.
8. ) Die Ursachen der Depression:
A. ) Psychologische / Psychoterapeutische Erklärungsmodelle der Depression Eine gute Übersicht dazu stammt von Eberhard ( 1997 ).
a.) Vereinsamte Depressivitat aus ungetrösteter Trauer Durch den Verlust eines geliebten Menschen (oder der Gruppenzugehörigkeit, Heimat etc.) kommt es zu einem Schwanken zwischen Verlustschmerz und Schmerzverdrängung und zur unstillbaren Sehnsucht und vergeblichen Suche nach dem verlorenen ,, Objekt ". Es entsteht das Bedürfnis nach mitfühlenden und mitleidenden Menschen als Trostsuche - aber der Erfolg bleibt wegen der Selbstunterdrückung der Trauerartikulation ( Unfähigkeit zu trauern ) oder des Ausbleibens der erhofften Resonanz ( Unfähigkeit zu trösten ) aus. Ein folgender depressiver Rückzug ohne Ablösung der auf das verlorene Objekt fixierten Libido führt zu einem Verlust der verbliebenen emotionalen Beziehungen und zu einer vereinsamten Depressivität.
b. ) Erschöpfungsdepressivität aus überfordernden Notlagen Eine lebensgefährliche oder als lebensgefährlich erlebte Situation ( z. B. eine Über- schwemmung oder Verschüttung ) bzw. eine sozial bedrohliche Lebenslage ( z. B. Vertreibung, Flucht, Hungersnot, Obdachlosigkeit oder berufliche und private Überbelas- tung ) führen zu hochintensiven, aber letztlich erfolglosen Rettungsanstrengungen und Bewältigungsbemühungen und schließlich zu einer psychophysischen Auszehrung und zur Verzweiflung. Die Folge ist eine Erschöpfungsdepressivität.
Wie sich lebensbedrohliche Situationen bei Kindern auswirken, wurde in einer Studie der Abteilung für Psychosomatik der Universitätsklinik für Kinder und Jugendheilkunde, Graz untersucht : In einer standardisierten Evaluation von Dunitz, Scheer et al. ( 1991 ) wurde überprüft , ob bei Kindern eine Krebserkrankung zum Auftreten einer Depression führt.
Dazu wurden 34 an Krebs erkrankte Kinder, die an der onkologischen Abteilung der Universitätsklinik für Kinder und Jugendheilkunde, Graz behandelt wurden, wiederholt auf Anzeichen einer Depression untersucht. Die Rate an Depressionen war höher als bei einer gesunden Stichprobe.
Ein wichtiges Ergebnis dieser Studie war jedoch, dass sie aufzeigte, wie flüchtig depressive Verstimmungen bei diesen Patienten sein können. Die exakte Diagnose der Depression durch zumindest zwei speziell trainierte Untersucher sollte daher vor jeder medikamentösen Therapie erfolgen. Literaturberichte, die den Anstoß zu dieser Untersuchung gaben, dass fast jedes krebskranke Kind mit Psychopharmaka zu behandeln sei, konnten im Lichte der Untersuchung relativiert werden.
c.) Klaglose (oder entsagende) Depressivität aus hingenommener Ohnmacht Übermächtige ( Eberhard ( 1997 )) oder als übermächtig erlebte Lebensumstände ( z. B. gesellschaftliche Konventionen, politische Zwänge, langjähriger Freiheitsentzug, progrediente Körperbehinderung ) und / oder eine Unsteuerbarkeit zentraler Bezugspersonen (z.B. unberechenbarer brutaler Ehemann, chronisch depressive Mutter, heroinabhängiges aidskrankes Kind) führen zu Kampf- und Handlungsverzicht und schließlich zu der Dauererfahrung des hilflosen Ausgeliefertseins und einem Gefühl der Ohnmacht. Dies führt zur klaglosen (oder entsagenden ) Depressivität.
Sexuelle und / oder körperliche Misshandlungen ( Scheer ( 1993)) führen ebenfalls oft zu Depressionen im Kindesalter.
d.) Dissoziale Depressivität aus emotionaler Deprivation Eine Trennung von Pflegepersonen oder Vernachlässigung in der frühen Kindheit bewirkt eine vergebliche Wut und Angst und führt zur ,, anaklitischen Depression ". Es kommt zum Rückzug und zur Abkapselung und zu einem Urmisstrauen statt Urvertrauen. Es entsteht eine Unfähigkeit vertrauensvolle Liebesbeziehungen zu entwickeln und es kommt zum Ausweichen bzw. Entweichen einer solchen Beziehung. Eine mangelhafte Zuverlässigkeit im zwischenmenschlichen- und Arbeitsbereich führt zu negativen Reaktionen der Umwelt und es bildet sich dadurch ein hasserfülltes Welt- und Menschenbild heraus und schließlich eine dissoziale Depressivität ( ,, dissocialitas desperatione" ).
Ein Mangel an Betreuung ( Scheer ( 1993)) kann schon im Säuglingsalter zur Depression führen. Diese Form wird als reaktive Bindungsstörung des Säuglings und Kleinkindes bezeichnet. Rene`Spitz hat diese Form erstmalig bei Säuglingen in der Kinderkrippe der Kinderübernahmestelle der Stadt Wien in den 30 -iger Jahren beschrieben. Er konnte beweisen, dass eine ,, fehlende Gesichtsstimulation " ( also das Zeigen von Augen, Nase oder Oberlippen ) für das Kind einen Mangel auslöst, der sich als schwere Depression äußert.
An einer unterregulierten Interaktionsstörung leiden Kinder, die ein Mehr an Aufmerksamkeit und Stimulation brauchen. Sie sind vermehrt raunzig und inappetent.
e.) Selbstverachtende Depressivität aus oraler Fixierung Eine orale Verwöhnung in der frühen Kindheit bewirkt eine orale Fixierung und führt so zu einer mangelhaften Fähigkeit für Triebaufschub, Triebverzicht und kontinuierliche Arbeits- leistung. In der Folge kommt es zu einem Rückzug der ,, parasitär " überbeanspruchten Bezugspersonen, was zu einer oralen Entschädigung durch suchthaftes Essen, Trinken und Rauchen führt. Es kommt zu einem Leistungs- und Sozialversagen und zu Minder- wertigkeitsgefühlen ( Scham-Depression ) und zu verstärkten Suchttendenzen. Ein Versinken in eine selbstverachtende Depressivität ist die Folge.
f. ) Regressive (eventuell klagende) Depressivität aus dekompensierter Überanpassung Eine pflichtbewusste Versorgung des Kleinkindes, aber ohne adäquate Reaktionen auf dessen emotionale Signale und eine unvermittelte Reduktion dieser halbherzigen Zuwendung(meist schon im 2. Lebensjahr), einhergehend mit überhöhten Unterordnungs- und Leistungs-forderungen, führen beim Kind zu Versagens- und Verlustängsten und bewirken bei ihm unterwürfige Willfährigkeit und eifrige Strebsamkeit als Werbung um emotionale Anerkennung. Ein Scheitern dieser Strategie im Jugend- oder Erwachsenenalter führt zu einem ängstlichen Rückzug in die Introversion und es kommt zu regressiven Ver- schmelzungs- und Todessehnsüchten ( oft mit Fürsorglichkeit einklagender Anspruchs-haltung ). Dies führt zu einer regressiven (evtl. klagenden oder fordernden ) Depressivität.
g.) Demonstrative Depressivität aus einer histrionischen Persönlichkeitsentwicklung Histrionische Affektivität und Egozentrik (z. B. auf der Grundlage einer hysterischen Psychoneurose) verursachen Beziehungsprobleme und es kommt zu depressiven Ver- stimmungen, die zu einem Gewinn von Aufmerksamkeit und Macht und damit zu einem sekundären Krankheitsgewinn führen. Die Instrumentalisierung der depressiven Tendenzen führt zu einem Ausbleiben der eigentlich angestrebten befriedigenden Liebesbeziehungen und zu einer Steigerung der demonstrativen Depressivität und zur Interventionsbedürftigkeit.
h. ) Autodestruktive Depressivität aus verinnerlichten Ambivalenzkonflikten Massive Enttäuschungen von Seiten der geliebten Identifikationsperson oder deren unerklärliches Verschwinden führen zu einer Unterdrückung der Enttäuschungswut und Rückwendung der liebesuchenden Aufmerksamkeit auf sich selbst. Es kommt zu einer Internalisierung der nicht nach außen adressierbaren Liebe - Hass - Ambivalenz und in der Folge zu einer narzisstischen Liebesunfähigkeit und zu ,, niederschlagenden " Selbstanklagen gegen den von der Identifikationsperson übernommenen Persönlichkeitsanteil mit Selbst- verurteilung, Selbstbestrafung ( Schuld-Depression ) und Suizidtendenzen. Dadurch bildet sich eine autodestruktive Depressivität mit Interventionsbedürftigkeit heraus.
i. ) Leere Depressivität aus unerfülltem Narzissmus Durch die Projektion idealer Erwartungen und Hoffnungen der Pflegepersonen auf das Kind ohne eine gleichgewichtige Freude an dessen eigensinniger Kindhaftigkeit kommt es zur Bewunderung und Selbstbewunderung für Annäherungen an die herangetragenen und internalisierten Ideale. Dies führt zu einem am falschen Selbst orientierten Narzissmus und einer zunehmenden Diskrepanz zwischen dem Idealselbst und der dagegen zurückfallenden Realität. Es kommt bei Fortfall der unentbehrlichen Bewunderung von innen und außen
(gedemütigter Hochmut) zu depressiven Krisen und in der Folge zu einem Verlust des falschen Selbsts ohne Rückgriffsmöglichkeit auf ein tragfähiges eigenes Selbst. Das Resultat ist die leere Depressivität und eine Interventionsbedürftigkeit.
j. ) Larvierte Depressivität aus internalisiertem Depressionsverbot Depressionstendenzen unterschiedlicher Genese (z. B. aus Ohnmacht, aus ungetrösteter Trauer, aus unerfülltem Narzissmus) in Verbindung mit internalisiertem Trauer und Depressionsverbot führen zu einer Verdrängung der Trauer- und Depressionsgefühle. Es kommt zur Verschiebung auf so oder anders verursachte somatische bzw. psychosomatische Störungen mit einer hypochondrischen Krankheitszentriertheit. Irrtümliche und / oder unvollständige Selbst- und Fremddiagnosen führen zu jahrelangen Fehlbehandlungen und es kommt zu einer Chronifizierung der larvierten Depressivität (zunehmende Unentbehrlichkeit der somatischen oder psychosomatischen Erkrankungen).
Die pessimistische Grundhaltung und die gelernte Hilflosigkeit depressiver Kinder und Jugendlicher: Beck et al. ( 1986 ) beschreibt in seiner kognitiven Theorie die pessimistische Grundhaltung, die sich bei vielen depressiven Menschen - unabhängig vom Alter - findet. Sie führt zu einer negativen Selbsteinstellung zu sich sebst, zur Umwelt und zur Zukunft. Depressive Jugendliche ( Petermann ( 2000 )) machen sich für alle negativen Erfahrungen verantwortlich und sie fühlen sich hilf- und hoffnungslos. Ihre Zukunft scheint ihnen unsicher. Sie sehen sowohl ihr generelles Verhalten als auch die sozialen und schulischen Fähigkeiten negativ - Hier setzt auch die kognitive Therapie der Depression an. Aufgabe der Therapie ist es, solche unrealistische Überzeugungen zu finden und zu modifizieren.
Seligman ( Seligman ( 1986 )) schildert in seinem Buch die Tendenzen von Depressiven, sich auch in objektiv keineswegs ausweglosen Situationen hilflos fremden Einflüssen ausgesetzt zu fühlen und sich entsprechend zu verhalten. Dies wird von Seligman als gelernte Hilflosigkeit bezeichnet.
10. ) Das familiäre Klima bei depressiven Kindern und Jugendlichen Das familiäre Klima spielt eine wichtige Rolle ( Rossmann ( 1993 )) bei der Entstehung und Aufrechterhaltung depressiver Zustandsbilder bei Kindern. Chronifizierte Konflikte innerhalb der Familie haben einen ausgesprochen destruktiven Einfluss auf die Befindlichkeit der Kinder ( und nicht nur der Kinder ). Negativ wirkt sich auch ( Petermann ( 2000 )) eine dysfunktionale Eltern - Kind Interaktion aus. Ebenso schwierig für Kinder ist aber auch eine mangelnde emotionale Ausdrucks- und Reaktionsfähigkeit der Eltern.
Eine weitere Belastung für Kinder stellt eine Erkrankung eines Elternteils an einer Depression dar.
11. ) Die Erfassung der depressiven Störung bei Kindern durch Selbst- beurteilungsfragebögen:
Bei Kindern häufig verwendete Verfahren sind:
- Reynolds Child Depression Scale "
- Children`s Depression Inventory "
- Depressionstest für Kinder ( DTK )" von Rossmann
- Children´s Depression Rating Scale ( CDRS ) " von Poznanski
- Self - Report Symptom Checklist for Major Depressive Disorders (SCMDD)" von Kashani et al.
Fortsetzung unter