Klaus Hurrelmann und Wolfgang Settertobulte, Universität Bielefeld
Die Schule als Chance oder als Bedrohung?
Untersuchungen zum Entwicklungs- und Leistungsdruck bei Kindern und Jugendlichen Die internationalen Vergleichsstudien zum Leistungsstand von Schülerinnen und Schülern haben bei Lehrern und Eltern für Unruhe gesorgt. Zuletzt die „PISA"-Studie, die sich trefflich zur kollektiven Beschimpfung nicht nur der Kinder und Jugendlichen, sondern auch ihrer Lehrerinnen und Lehrer eignet. Völlig zu Unrecht, denn die Probleme liegen nach den bisherigen Studien in erster Linie in der Schul- und Unterrichtsstruktur und nicht bei den im System handelnden Personen.
Ich gehe in diesem Beitrag von der folgenden These aus: Kognitive Lernprozesse sind zwar durch eine Verbesserung des intellektuellen Trainings von Schülerinnen und Schülern beeinflussbar, eine durchgreifende Verbesserung ist aber nur möglich, wenn die gesellschaftliche und soziale Einbettung von schulischen Lernprozessen und ihre psychologische und physiologische Fundierung vollzogen werden. In der Reformpädagogik der 1920er Jahre wurde diese Erkenntnis in der Formel zusammengefasst, dass intellektuelles und soziales Lernen eine Einheit bilden müssen. Diese Erkenntnis ist heute besonders wichtig, weil aus dem gesellschaftlichen Raum ebenso wie aus der physischen Umwelt von Schülerinnen und Schülern viele Störimpulse kommen, die einem ungehinderten fachlichen Lernen entgegen stehen. Werden diese Störimpulse nicht berücksichtigt, ist keine durchgreifende Verbesserung der Leistungserfolge der Schülerinnen und Schüler möglich.
Gesellschaftliche Rahmenbedingungen des schulischen Lernens Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des schulischen Lernens haben sich in den letzten fünf Jahrzehnten deutlich verändert. Die soziologische Forschung spricht von einer „Individualisierung" der sozialen Strukturen in modernen westlichen Gesellschaften. Damit ist gemeint, dass immer weniger solche Faktoren wie soziale Herkunft, Geschlecht, Religion und Ethnie über einen Lebenslauf entscheiden, sondern statt dessen die von der einzelnen Person beeinflussbaren Faktoren der Lebensgestaltung. Dem individuellen Bildungsgrad kommt hierbei eine ungeheuer große Bedeutung zu. Nach gesellschaftlichem Verständnis haben Kinder und Jugendliche heute die individuelle Verantwortung für Erfolg oder Misserfolg in ihrer schulischen Laufbahn zu tragen. Ihr persönliches Leistungsverhalten entscheidet über ihre Position in Schule und Beruf, also über die Hierarchie von Belohnungen und Statuspositionen in der ganzen Gesellschaft. Jeder einzelne hat es nach dieser „Leistungsphilosophie" unserer Gesellschaft in seiner eigenen Hand, was aus ihm wird. Versagen gilt als ein persönlich zuschreibbares Verhalten - ebenso wie Erfolg.
Die soziologische Forschung zeigt, dass der Eintritt eines Kindes in das System der formalen Erziehung der erste wichtige Schritt über die engen primären Bindungen der Herkunftsfamilie hinaus ist. Die Schule ist die erste Sozialisationsinstanz, die eine Statuszuweisung und –differenzierung auf nicht-biologischer Basis institutionalisiert. Es zählt die individuelle Leistung, die durch eine formalisierte Beurteilung mit Zensuren und Zeugnissen und permanentem Loben und Tadeln verbunden ist. Auf diese Weise lernen die Kinder, wie man in der Gesellschaft einen sozialen Status erwirbt und ihn verlieren oder verteidigen kann. Der Leistungsstatus ist in unseren westlichen Gesellschaften die Basis für die Selektionsfunktion der Schule, nämlich die Vergabe von Zeugnissen, die für den Eintritt in spätere Berufspositionen Voraussetzung sind (Hurrelmann 2002).
Veränderungen der Bildungs- und Qualifizierungsanforderungen Schulisches Leistungsverhalten war schon immer durch angeborene persönliche Vorgaben (Intelligenz, Temperament, Motivation) und das damit eng korrespondierende soziale Umfeld in der Familie mitbestimmt. Die hohen gesellschaftlichen Erwartungen schon an Kinder in der Grundschule, die Schullaufbahn möglichst erfolgreich zu gestalten, können unterschwellig zu einer psychischen, psychosomatischen und körperlichen Anspannung und Belastung führen. Viele Eltern sind heute der Auffassung, schon mit dem Eintritt in die Grundschule beginne die Berufslaufbahn ihres Kindes, werde die entscheidende Weiche für den späteren gesellschaftlichen Erfolg gestellt. Eine „Schonzeit" für Kinder gibt es heute nicht mehr. Entsprechend nervös und unruhig reagieren sie schon auf die kleinsten Störungen in der Leistungskarriere und ordern bezahlten Nachhilfeunterricht wenn die ersten schlechten Beurteilungen ihrer Kinder ausgesprochen werden (Hurrelmann und Bründel 2003).
Die Entwicklung wird durch die „Bildungsexpansion" verschärft. Seit den 1950er-Jahren beobachten wir einen ständigen Anstieg der Anteile von Schülerinnen und Schülern eines Jahrganges, die in anspruchsvolle weiterführende Schulformen übergehen. Damit ist formal das Anspruchsniveau an Bildungsgänge und Qualifikationszertifikate angestiegen. Der Anteil der Realschüler und Gymnasiasten an der gesamten Schülerschaft in Deutschland hat sich von 1960 bis heute verfünffacht. 1960 erwarben etwa sechs Prozent eines Jahrganges das Abitur, heute sind es über dreißig Prozent. Ähnliches gilt für den mittleren Abschluss.
Parallel zu dieser Expansion von anspruchsvollen Bildungsgängen und ihren Abschlüssen ist der Arbeitsmarkt geschrumpft. Er ist heute durch harte Verdrängungswettbewerbe und einen hohen Sockel von Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. Die objektive Chancenstruktur für Jugendliche ist damit so beschaffen, dass nur ein Teil der jungen Generation Möglichkeiten für den Einstieg in anspruchsvolle Berufslaufbahnen hat, während ein anderer Teil am Arbeitsmarkt abgewiesen wird und das auch dann, wenn im Vergleich zu früheren Generationen ein anspruchsvoller Bildungsgang durchlaufen und ein hochwertiges Schulabschlusszeugnis erworben wurde.
Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass die Elternhäuser heute so nervös auf Rückschläge in der Schullaufbahn und Rückstufungen in der Leistungskarriere ihrer Kinder reagieren. Zu Recht wittern Väter und Mütter hier eine Gefährdung ihres erreichten sozialen Status.. Wenn ihre Kinder trotz formal höherer Schulabschlüsse und formal besserer Schulleistungen (zum Beispiel ausgedrückt durch ein viel günstigeres Zensurenniveau) keine aussichtsreichen beruflichen Laufbahnen einschlagen können, entsteht naturgemäß Statusangst. Diese Unruhe und Nervosität überträgt sich auf immer mehr Schülerinnen und Schüler, und zwar schon im Grundschulalter. Es bleibt den Kindern und Jugendlichen gar nichts anderes übrig, als sich auf die schulische Leistungstätigkeit wie auf eine industrielle, quasi den Gesetzen von Lohnarbeit folgende Arbeit einzurichten. Sie absolvieren diese „schulische Lernarbeit" mehr oder weniger zwanghaft und mechanisch, der „Lohn" ist das Zeugnis mit dem Tauschwert für vermeintlich erfüllendere Erlebnisse im späteren Leben, dem eigentlichen Erwachsenenleben. Wird aber ein Abschlusszeugnis mit hohem Tauschwert im Beschäftigungssystem nicht erreicht, dann sind Frustrationen für die Selbstdefinition und in der Folge Belastungen für Selbstwertgefühl und Gesundheit vorgezeichnet. Die Schulzeit kann unter diesen Umständen als eine „verlorene Lebenszeit" definiert werden, da sie den instrumentellen Wert des Zugangs zum Beschäftigungssystem nicht einlöst.
Psychische und physiologische Fundierung des kognitiven Lernens
Neben den kulturellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des kognitiven Lernens sind seine psychischen und physiologischen Fundierungen zu beachten. Ohne subjektive Leistungsmotivation und ohne die körperlich gegebene Bereitschaft, in der Schule zu lernen, lässt sich auf Dauer kein Schulerfolg erzielen.
In den Gesundheitswissenschaften gehen wir heute von einem Gleichgewichtsmodell der Bestimmung des Gesundheitszustandes eines Menschen aus. Gesundheit ist danach die gelungene Balance zwischen den inneren Anforderungen von Körper und Psyche, die aufeinander abgestimmt werden müssen, und den äußeren Anforderungen der sozialen und physischen Umwelt, die ebenfalls miteinander harmonisiert werden müssen. Gelingt das komplexe Wechselspiel zwischen den inneren und den äußeren Anforderungen, dann kann - immer nur vorübergehend – und stets prekär – das Stadium einer relativ hohen Gesundheit erreicht werden. Kommt es zu einem Übermaß von inneren und äußeren Anforderungen, denen die subjektiven Bewältigungsfähigkeiten im physiologischen, psychologischen und sozialen Bereich nicht entsprechen, dann rutscht die Balance zwischen Schutzfaktoren und Risikofaktoren ab, es kommt zu Veränderungen in Richtung einer relativen Krankheit (Hurrelmann 2000).
Der von der Weltgesundheitsorganisation Europa initiierte „Jugendgesundheitssurvey", der in 35 europäischen Ländern aufeinander abgestimmt durchgeführt wird, zeigt ein ungeschminktes Bild vom gegenwärtigen Zustand der Gesundheits-Krankheits-Balance bei Schülerinnen und Schülern. Die Studie mit dem offiziellen Namen „Health Behaviour in School Children" (HBSC) weist auf die neuralgischen Punkte in der gesundheitlichen Befindlichkeit von Schülerinnen und Schülern hin: Danach haben wir es heute in allen westlichen Ländern mit wenigen Infektionskrankheiten und im Vergleich zu älteren Generationen auch wenigen chronischen Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen zu tun. Viel stärker ist die Belastung durch Gesundheitsstörungen, die sich aus einer unausgeglichenen Balance zwischen inneren und äußeren Anforderungen ergeben. Insbesondere ist das Ernährungsverhalten, das Bewegungsverhalten und das Stressmanagement von Angehörigen der jungen Generation in einem unbefriedigenden Zustand, so dass es in der Folge zu psychosomatischen, aber auch soziosomatischen und ökosomatischen Störungen der Gesundheit kommt. Ziehen wir alle Ergebnisse unserer Studien zusammen (zuletzt publiziert bei Hurrelmann, Klocke, Melzer und Ravens-Sieberer 2003), müssen wir bei 25 bis 30% der Schülerinnen und Schüler mit unangenehmen Beeinträchtigungen der Gesundheit rechnen, die sich hemmend oder sogar hindernd auf die Leistungsfähigkeit auswirken.
Im Bilde gesprochen, kann man auch von einem hohen „Entwicklungsdruck" der Kinder und Jugendlichen sprechen. Die Anforderungen, das eigene Leben in Familie, Schule und Freizeit zu meistern, erscheinen ihnen sehr hoch, zugleich wird von ihnen eine höchst individuelle Gestaltung ihres eigenen Lebens erwartet. Eine Fülle von Entwicklungsaufgaben drängt sich in einer kurzen Zeit; die Pubertät verlagert sich gleichzeitig immer weiter im Lebenslauf nach vorne. Dieser hohe Entwicklungsdruck wird von einem Drittel der Jugendlichen durch problematische Formen der Auseinandersetzung mit den Anforderungen aufgefangen. Es handelt sich um unproduktive Formen der Bewältigung der Lebensanforderungen, die sich in drei Kategorien einteilen lassen:
Vor allem Mädchen richten den großen Druck meist nach innen und zeigen stärkere Symptome von psychosomatischen und soziosomatischen Gesundheitsbeeinträchtigungen. Vor allem Jungen reagieren stärker extrovertiert bis hin zu abweichendem Verhalten und Kriminalität, sie richten den inneren Druck also an ihre Umwelt. Beide Geschlechter greifen zunehmend auch zu einer dritten, ausweichenden Form der Belastungsbewältigung, nämlich dem Konsum von psychoaktiven Substanzen. In den letzten Jahren zeigen alle Studien ein Anwachsen des Gebrauchs von Arzneimitteln mit leistungssteigernder und teilweise auch beruhigender Wirkung, einen Hang zur pharmakologischen Begleitung von Aufmerksamkeits- und Leistungsstörungen durch psychoaktive Arzneimittel, aber auch einen immer früheren Einstieg in den Konsum von Zigaretten und Alkohol und später von illegalen psychoaktiven Substanzen.
Anforderungen an eine moderne Schul- und Unterrichtsorganisation Dieser kurze Überblick über wissenschaftliche Befunde zur körperlichen, psychischen und sozialen Befindlichkeit von Schülerinnen und Schülern macht deutlich, wie stark kognitives Lernen in der Schule durch soziale, psychische und körperliche Rahmenbedingungen beeinflusst wird. Im Idealfall benötigen Schülerinnen und Schüler deswegen eine Schule, die sie mit allen ihren Erfahrungen und Gegebenheiten annimmt und aufnimmt. Schulisches Lernen kann ein Prozess sein, der enorme Impulse für die Persönlichkeitsentwicklung mit sich bringt, weil er Bestätigung und Erschließung neuer Welten mit sich bringt. Schulisches Lernen kann aber unter ungünstigen Bedingungen eine Belastung und Beeinträchtigung der weiteren Persönlichkeitsentwicklung bedeuten.
Die Schule kann in diesem Sinne eine Chance oder auch eine Belastung für die gesamte weitere Leistungs- und Persönlichkeitsentwicklung eines Schülers und einer Schülerin sein. Von der Leistungs- und Persönlichkeitsentwicklung hängt die psychische und die körperliche Gesundheit nicht unwesentlich ab.
Einerseits ist die Schule ein Ort, in dem Wohlbefinden und persönliche Entwicklung ihren Platz haben, andererseits ist sie ein Platz, in dem Stress - und damit eine Belastung der Gesundheit – wahrscheinlich ist. Anders gesagt: Die Schule kann Gesundheit fördern oder schädigen..
Unter diesem Blickwinkel ist die Gesundheit der Kinder eng mit der Qualität schulischer pädagogischer Arbeit verbunden. Dabei geht es sowohl um die so genannte Prozessqualität, die produktive und möglichst stressfreie Zusammenarbeit aller Beteiligten, und die Ergebnisqualität, das Erreichen eines optimalen individuellen Schulerfolgs für möglichst viele Schülerinnen und Schüler.
Die Zusammenhänge zwischen Merkmalen der Schule und der Gesundheit der Schülerinnen sind vielfach untersucht worden. Die Ergebnisse unseres Jugendgesundheitssurveys bieten stichhaltige Argumente für die Auswirkungen der Schule auf die Gesundheit und die Notwendigkeit einer schulischen Gesundheitsförderung. Um die Gesamtheit aller schulischen Prozesse, die das Handeln, Lernen, Erziehen und die Beziehungen und Interaktionen der Beteiligten betreffen, zu erfassen und mit Gesundheit in Beziehung setzen, wurde das Konzept im Jugendgesundheitssurvey von Bilz, Hähne und Melzer der „Schulkultur" entwickelt. Dieses Konzept zeichnet sich durch seine Integration verschiedener Aspekte der schulischen Lebenswelt, ihrer Anforderungsstruktur sowie des Schulalltag aus. Es besteht aus 6 Dimensionen:
Dimensionen der Schulkultur - Die Qualität des Unterrichts: Das professionelle Handeln der Lehrer und die Qualität des Unterrichts aus Sicht der Schüler. Die Unterrichtsqualität wurde mit Fragen erfasst, welche die von den Schülern wahrgenommene didaktische Kompetenz der Lehrer beschreiben. Diese Fragen beziehen sich auf die Anschaulichkeit des Unterrichts, das Lerntempo, auf die Erklärungskompetenz der Lehrer und ihre Fähigkeit, einen abwechslungsreichen sowie einen nicht langweilig gestalteten Unterricht durchzuführen.
- Schülerpartizipation: Die Möglichkeiten der Schüler, an der Gestaltung ihres Schulalltags mitwirken zu können. Wenn sich Schüler aktiv am Schulalltag beteiligen können, ihre Interessen beim Lehrer oder der Schulleitung gewahrt sehen, kann dies für sie einen positiven Einfluss auf ihre Motivation, ihre Lernhaltung und das Engagement für schulische Belange haben. Die Schülerpartizipation wurde mit Fragen ermittelt, die sich auf die Möglichkeiten des Arbeitens nach eigenem Tempo, die freie Wahl von Partnern für Gruppenarbeiten und, ein Mitspracherecht über die Nutzung von Unterrichtszeit, Lerninhalten sowie Schüleraktivitäten richten.
- Schulische Kompetenz: Das Gefühl, im schulischen Unterricht gut mitzukommen. Hier geht es inhaltlich um die Fähigkeiten und Fertigkeiten hinsichtlich der Bewältigung schulischer Anforderungen. Die Schülerinnen und Schüler sollten ihre Zustimmung oder Ablehnung gegenüber folgenden Aussagen angeben: „Ich fühle mich genauso klug wie andere in meinem Alter"; „Ich bin ziemlich langsam bei der Schularbeit"; „Ich bin sehr gut bei der Klassenarbeit/in der Schule"; „Ich habe Probleme bei der Beantwortung von Fragen in der Schule". Diese Dimension beschreibt die Vorraussetzungen, unter denen die Schule zu arbeiten hat. Die schulische Kompetenz ist etwas, das nicht allein durch die Schule selbst zu verantworten ist. Der Grundstein dazu wird in der Familie gelegt. Dennoch kann Schule die subjektive Selbsteinschätzung und damit letztlich auch die Leistungsbereitschaft der Schülerinnen und Schüler fördern.
- Unterstützung durch Mitschüler: Die Möglichkeit, Unterstützung und Hilfe von Gleichaltrigen in der Schule zu bekommen. Der Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung der Mitschüler einer Klasse wurde durch Fragen gemessen, die sich darauf beziehen, ob die meisten Schüler einer Klasse gern zusammen sind, ob die meisten Schüler nett und hilfsbereit sind, ob Mitschüler unterstützt werden, wenn es jemandem in der Klasse schlecht geht und ob die meisten Schülerinnen und Schüler die eigene Person so akzeptieren, wie sie/er ist.
- Hilfe durch die Eltern: Das von Vater und Mutter gezeigte Interesse an der schulischen Lernarbeit. Hier wurde danach gefragt, in wie weit die Eltern ihre Kinder in schulischer Hinsicht unterstützen. Dazu gab es Fragen, die sich auf das Interesse der Eltern am schulischen Alltag der Kinder und auf die Hilfestellung bei den Hausaufgaben beziehen.
- Schulfreude: Die emotionale Bewertung der Schule. Die Freude an der Schule wird durch die subjektive Einschätzung der Schülerinnen und Schüler erfasst: „Wie gefällt dir derzeit die Schule?". Hierin drückt sich ein Gefühl der Integration in den sozialen Schulkontext, die Motivation zur Beteiligung am Schulleben, sowie auch das „Wohlfühlen" in der Schule aus. Die Ergebnisse zeigen, dass der Schulfreude, zusammen mit der Einschätzung der eigenen schulischen Kompetenz, eine bedeutsame Vermittlerrolle zwischen den Merkmalen der Schule und der Gesundheit zukommt. Schülerinnen und Schüler, die sich kompetent fühlen und sich in der Schule, aus welchen Gründen auch immer, wohl fühlen, sind gegen die Folgen des Anforderungsstresses gut geschützt.
Zusammenhänge zwischen Schulkultur und Gesundheit Die gesundheitliche Lage wurde von den Schülerinnen und Schülern nach zwei Aspekten unterschieden:
- Die Schüler wurden gebeten, anzugeben, wie häufig sie in den letzten sechs Monaten unter psychosomatischen Symptomen wie etwa Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Rückenschmerzen, Nackenschmerzen, Schlafstörungen und Mattigkeit gelitten haben. Beinahe ein Viertel gibt an, fast jede Woche und öfter unter Kopfschmerzen zu leiden. Für den vegetativen Bereich sind häufig genannte Symptome Müdigkeit und Erschöpfung (bei nahezu der Hälfte der Mädchen), Gereiztheit und Einschlafprobleme. Mädchen berichten für alle Beschwerden höhere Auftretenshäufigkeiten als Jungen.
- Neben den psychosomatischen wurden auch mentale und psychische Probleme erfasst. Es zeigt sich ein Anstieg psychischer Probleme unter Jugendlichen in Form von Depressionen, Essstörungen und aggressiven Verhaltensweisen. In der überwiegenden Zahl der Fälle handelt es sich zwar lediglich um Auffälligkeiten, jedoch sind diese in vielen Fällen als Vorläufer von psychischer Erkrankung im Erwachsenenalter zu betrachten. So berichten über 15 % der befragten 10- bis 17-Jährigen, schon einmal in ihrem Leben an einer depressiven Störung erkrankt zu sein. Mädchen haben im Jugendalter zwei- bis dreimal höhere Depressionsraten als gleichaltrige Jungen. Depressive Kinder und Jugendliche weisen häufiger psychosoziale Beeinträchtigungen und schulische Probleme auf.
In einer Korrelationsanalyse wurden die einzelnen Dimensionen der Schulkultur mit psychosomatischen Beschwerden und psychischen Problemen bei den Schülerinnen und Schülern in Beziehung gesetzt. Dabei konnten unterschiedlich starke Zusammenhänge festgestellt werden.
Zusammenhänge zwischen Schulkultur und Gesundheit (nach Bilz, Hähne und Melzer, aus: Jugendgesundheitssurvey 2003)
| Psychosomatische Beschwerden | Psychische Beschwerden |
Mädchen | Jungen | Mädchen | Jungen |
Unterrichtsqualität | stark | schwach | stark | mittel |
Schülerpartizipation | | | schwach | |
Unterstützung durch Mitschüler | schwach | schwach | stark
| stark
|
Unterstützung durch die Eltern | schwach
| schwach
| stark
| schwach
|
Schulische Kompetenz | mittel | sta | sehtark
| rk
|
Schulfreude | st | schwach | sehark
| mittel |
Die Korrelationen zwischen physischer und psychischer Gesundheit und den Dimensionen der Schulkultur zeigen teilweise hohe Zusammenhänge. Diese fallen für Schülerinnen höher aus als für Schüler. Als besonders bedeutsam für das Auftreten psychosomatischer Beschwerden erweisen sich, wie die Abbildung zeigt, die von den Schülern wahrgenommene Unterrichtsqualität, die schulische Kompetenz und die Schulfreude: für die psychische Gesundheit stehen die selbst eingeschätzte schulische Kompetenz und ebenfalls die Schulfreude an erster Stelle.
Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass das Lehrerhandeln und das soziale Klima unter den Schülern Einfluss auf die schulischen Leistungen Schülerbefindlichkeiten und Schulfreude oder Schulangst nimmt.
Vorschläge für die Verbesserung der schulischen Gesundheitsförderung Die vorgestellten Studien sprechen für eine Verstärkung von Impulsen der schulischen Gesundheitsförderung und eine Intensivierung der Gesundheitsberatung in der Schule. Schulische Lernleistungen sind den Schülerinnen und Schülern nur möglich, wenn sie sich sozial sicher und akzeptiert fühlen und mental und körperlich in der Lage sind, intellektuelle Anregungen aufzunehmen. Folgende Vorschläge könnten dazu beitragen, die Schul- und Unterrichtskultur zu verbessern, die Arbeitsbedingungen von Schülern und Lehrern an der Schule günstiger zu gestalten und die Kompetenz von Ärzten und anderen Gesundheitsprofessionen stärker in die Schule zu integrieren.
1. Stärkung der Selbständigkeit jeder einzelnen Schule Mein wichtigster Vorschlag ist, die programmatische, personelle und finanzielle Selbständigkeit jeder einzelnen Schule zu stärken. Nur wenn Schulen ihr eigenes Programm entwickeln können, das auf ihre Schülerschaft und die spezifischen Anforderungen der Umwelt in Stadt und Gemeinde eingeht, können sie ein angemessenes Gesamtkonzept entwickeln. Hierzu benötigen sie auch eine finanzielle Entscheidungsfreiheit und die Möglichkeit, über das eigene Lehrpersonal selbst entscheiden zu können. Wichtig ist auch, nicht nur Lehrerinnen und Lehrer im Kollegium einer Schule zu haben, sondern viele andere pädagogische Berufsgruppen und auch Künstler, Regisseure, Handwerker und weitere Fachleute, die in den verschiedenen Facetten des Unterrichts mitarbeiten. Nur durch die Vergrößerung der Selbständigkeit der Schulen wird es gelingen, Schulen zu flexiblen pädagogischen Systemen zu entwickeln, die ihrer schwierigen Aufgabe gerecht werden können.
Schulen sind Dienstleistungseinrichtungen des Typs der „people processing organizations". Sie sind soziale Systeme, die die Aufgabe der Beeinflussung und Veränderung persönlicher Kompetenzen ihrer Klienten haben. Ihr Auftrag ist die kognitive und soziale Bildung der Persönlichkeit von Schülerinnen und Schülern. Es handelt sich um einen komplexen Auftrag, da es wohl keine vielschichtigere Arbeit gibt als die, einen Menschen in der Entwicklung seiner persönlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten sensibel zu begleiten, ihn anzuregen und anzuleiten. Der Auftrag lässt sich nur umsetzen, wenn die organisatorischen und ressourcenmäßigen Rahmengegebenheiten stimmen. Die professionelle pädagogische „Arbeit" an der Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler verlangt nach einer flexiblen Struktur der sozialen, inhaltlichen und zeitlichen Organisation von Bildung.
2. Stärkung der Unterrichts- und Schulkultur In einer offenen demokratischen Gesellschaft mit hohem Individualisierungsgrad müssen Schulen viel stärker als heute soziale Inseln sein, auf denen Jugendliche Halt und Unterstützung finden. Deswegen ist eine ausgeruhte und nach strengen Regeln ablaufende Schul- und Unterrichtskultur heute so wichtig wie nie zuvor. Auch dieses ist eine Forderung aus der Reformpädagogik der 1920er Jahre.
Kinder und Jugendliche sind heute unruhige Sucher. Sie sind so etwas wie „Egotaktiker". In einer offenen Gesellschaft sondieren sie sensibel ihr Umfeld und testen, welche Möglichkeiten und Chancen für ein Engagement und für ihre persönliche Entwicklung sich daraus ergeben. Sie fragen ständig: Was habe ich davon, wenn ich mich in einer bestimmten Weise verhalte oder engagiere? Was bringt es mir, was ergibt sich daraus? Angesichts der Lösung von historisch vorgegebenen Sozialformen und Bindungen, dem Verlust von traditionellen Sicherheiten durch Glauben und Autorität, suchen sie nach einer neuen Art und Form der sozialen Einbindung, die sie in ihrer persönlichen Entwicklung nicht hemmt (Shell-Jugendstudie 2002).
Diese Grundhaltung überträgt sich auf das intellektuelle und soziale Interesse. Auch schulischen Angeboten gegenüber stellen Jugendliche die Frage, was sie für sie persönlich bedeuten. Sie sind selbstbezogen und themenorientiert und bemühen sich, eigene Fähigkeiten und Kenntnisse einzubringen und weiter zu entwickeln. Die für die ältere Generation noch charakteristische Pflichtkomponente ist im schulischen und sozialen Engagement von Jugendlichen heute kaum noch enthalten. Die Motivation zur Mitarbeit ist stark an bestimmte Projekte und Themen und an feste Ziele gebunden. Man möchte nicht aus Prinzip für eine Sache engagiert sein, sondern deswegen, weil damit ganz bestimmte inhaltliche Ziele erreicht werden, die man selbst für wichtig und bedeutsam hält (Hurrelmann 1999; Jugendwerk 2000).
Diesen Wünschen und Neigungen kommt eine bürokratische Schulstruktur mit von Lehrern dominierten Unterrichtsveranstaltungen nicht entgegen. Den „Egotaktikern" muss viel Spielraum bei sehr klaren und festen Regeln gegeben werden, aber nicht eine minutiöse Mikrovorgabe von Arbeits- und Lernschritten. Erziehung ist die soziale Interaktion zwischen Menschen, bei der ein Erwachsener planvoll und zielgerichtet versucht, bei einem Kind oder Jugendlichen unter Berücksichtigung seiner Bedürfnisse und persönlichen Eigenart ein erwünschtes Verhalten zu fördern. Ziel der Erziehung ist es, Kinder und Jugendliche zu selbstständigen, leistungsfähigen und gesellschaftlich verantwortungsbereiten Persönlichkeiten werden zu lassen. Günstig sind ein offener und unverkrampfter Gebrauch von persönlicher, immer neu zu rechtfertigender Autorität der Erzieher und eine sensible Berücksichtigung der Bedürfnisse des Kindes. Das verlangt nach einer guten Kombination von Anerkennung, Anregung und Anleitung mit Regelsetzung.
3. Verbesserung der Arbeits- und Gesundheitsbedingungen der Lehrkräfte Das professionelle Personal in Kindergärten und Schulen muss unter den heute unzureichenden Arbeitsbedingungen versuchen, den öffentlichen Erwartungen an eine Steigerung der Leistungsfähigkeit von Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden. Zugleich wird es immer mehr in die Rolle gedrängt, wichtige Erziehungsaufgaben zu übernehmen, die Eltern zunehmend schwer fallen. Unter diesen Umständen kommt es zu immer mehr gesundheitlichen Belastungen der Erziehungs- und Lehrkräfte.
Ein deutliches Signal hierfür sind die immer früher eintretenden Berentungen aus gesundheitlichen Gründen. Etwa die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer wird schon mit 60 Jahren in den Ruhestand versetzt, das Dienstalter von 65 Jahren erreicht praktisch kein Lehrer und keine Lehrerin. Damit liegen diese Werte unter den Durchschnittwerten in der öffentlichen Verwaltung. Lehrerinnen und Lehrer dürften damit unter denjenigen Berufsgruppen in Deutschland sein, die gesundheitsbedingt die höchsten Belastungen aufweisen (Müller-Limmroth 1993).
Noch problematischer sind die psychischen Belastungen. In aktuellen Untersuchungen (Rolff u.a. 1998) wurden starker Zeitdruck, hohe Verantwortung sowie Überforderung durch Arbeitsmenge und komplizierte Aufgaben als besonders anspannend herausgearbeitet. Die psychischen Belastungen kumulieren im Erschöpfungssyndrom (Burn-Out), das durch eine nachlassende Leistung bei eingeschränkter Wahrnehmung, angespanntem Verhalten und nachlassender Motivation bei zunehmender sozialer Isolation und emotionaler Verunsicherung gekennzeichnet ist. Die Folgen sind körperliche Krankheiten, psychosomatische Beschwerden, Rückenleiden, Muskelverspannungen und Missbrauch von Medikamenten und legalen und illegalen Drogen.
Die pädagogische Arbeit des „People Processing" verlangt eine kontinuierliche, auf jedes Individuum ausgerichtete Konzentration mit hohem Einfühlungsvermögen. Die Vielzahl der Kontakte aber, die durch die heutige Unterrichtsorganisation im 45-Minuten-Turnus zustande kommt, bewirkt eine permanente soziale Überforderung und verunmöglicht enge persönliche Kontakte (Koch-Riotte 1999).
Auch die mangelnde Teamarbeit ist ein erheblicher Belastungsfaktor. Lehrerinnen und Lehrer sind meist Einzelkämpfer hinter verschlossener Tür. Was zunächst nach vollständiger Arbeitsautonomie aussieht, entpuppt sich als eine diffuse Überforderung, weil alle sozialen und inhaltlichen Prozesse der Gruppendynamik einschließlich von Disziplinproblemen persönlich gesteuert und verantwortet werden müssen. Die Unterrichtsvorbereitung und -nachbereitung wird von jedem Lehrer individuell, oft in Konkurrenz zueinander vorgenommen. Die Vereinzelung jeder Lehrkraft kostet psychische und körperliche Kräfte, die im Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern fehlen.
Lehrkräfte erhalten nur selten direkte Rückmeldungen über ihren Erfolg. Die Anerkennung über die geleistete Arbeit gegenüber den Schülerinnen und Schülern erfolgt im Schulalltag nur selten und meist indirekt. Die Wertschätzung von Eltern wird oft erst nach dem Schulabgang der Kinder ausgesprochen. Im kollegialen Austausch ist ein Lob unüblich. Zu allem Überfluss fehlt es an jeder Form der fachlichen Supervision durch geschulte Kräfte, wie sie bei anderen Berufen in „People Processing Organizations" wie Ärzten, Sozialarbeitern, Pflegepersonal, Therapeuten und Beratern üblich und teilweise sogar vorgeschrieben ist.
Der Lehrerberuf ist in der Praxis ein Beruf mit einer starken Kommunikations- und Moderationskomponente. In Ausbildung und Praxis wird dieser Komponente aber wenig Rechnung getragen, hier wird nur auf die fachliche Seite Rücksicht genommen. Dadurch kommt es zu einer ständigen Spannung zwischen der fachsystematischen und der gruppendynamischen Kompetenz, die nur von wenigen Lehrkräften gut bewältigt werden kann.
Aus diesen Erkenntnissen lässt sich schließen, dass eine Organisationsreform überfällig ist. Für Lehrerinnen und Lehrer geht es um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen durch Organisationsentwicklung und die Steigerung der Arbeitsplatzqualität der Schule, auch um eine Veränderung der Aus- und Weiterbildung mit Training im sozialen Lernen. Für Schülerinnen und Schüler geht es um Lernbedingungen, die ihre persönlichen Voraussetzungen berücksichtigen. Alle diese Schritte können besonders wirksam eingeleitet werden, wenn jede einzelne Schule flexibel und selbstständig Entscheidungen über Finanzen, Programm und Personal treffen kann.
Insgesamt muss die Kompetenz des in der Schule arbeitenden Fachpersonals, neben dem fachlichen Unterricht auch Persönlichkeitsbildung und Stärkung der Lebensbewältigung zu fördern, unbedingt unterstützt werden. Diese sollte auch durch eine Anreicherung der professionellen Kompetenz der Lehrerkollegien durch Fachleute aus Kinder- und Jugendhilfe sowie der Jugendarbeit geschehen. Nur durch die Kooperation zwischen Schule und Jugendarbeit kann ein reichhaltiges und pluralistisches Angebot im unterrichtlichen und nebenunterrichtlichen Bereich entwickelt werden. Allein mit schulischen, also unterrichtsbezogenen Mitteln würde ein Ganztagsbetrieb nicht die Abwechslung und die Entspannungsfunktion aufnehmen können, die Kinder und Jugendliche im Tagesablauf benötigen.
4. Einbeziehung von Ärzten und Gesundheitsberufen in den schulischen Alltag
Zu den Berufsgruppen, die neben Lehrerinnen und Lehrern in der Schule ständig präsent sein sollten, gehören auch Ärztinnen und Ärzte sowie andere Gesundheitsprofessionen, insbesondere Pflegekräfte, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Psychologen und Psychotherapeuten. Eingangs wurde die These vertreten, schulische Lernarbeit habe einen potentiell Kreativität steigernden Effekt. Dieser Effekt kann nur freigesetzt werden, wenn die psychischen und physiologischen Voraussetzungen für das intellektuelle Lernen freigesetzt werden.
Ein Lernen mit dem Kopf setzt voraus, dass auch der Bauch und die Hand selbstständig eingesetzt werden können – auch dieses eine alte Erkenntnis der Reformpädagogik. Die Lern- und Entwicklungspädagogik von Schülerinnen und Schülern sollten deswegen vom ersten Schultag an eine ärztliche Begleitung erfahren. Eine genaue Diagnose der körperlichen Voraussetzungen ist wichtig, damit eine Lehrkraft einen Schüler angemessen fordern und fördern kann. Hierzu gehört auch eine Beratung der Lehrkräfte, die mit einem beeinträchtigten oder behinderten oder einem Kind mit einer chronischen Krankheit am geschicktesten umgegangen werden kann.
Ein weiteres wichtiges Feld der schulischen Gesundheitsförderung ist die direkte medizinische, psychologische und psychotherapeutische Gesundheitsberatung in der Schule. Hier haben wir in Forschungsprojekten an der Universität Bielefeld gute Erfahrungen mit Sprechstunden gemacht, die in den Unterrichtsvormittag integriert sind. Die Barrieren von Kindern und vor allem von Jugendlichen, bei gesundheitlichen Problemen professionelle Hilfe durch Ärzte oder andere Gesundheitsfachleute aufzusuchen, sind nach wie vor hoch. Deswegen ist es dringend wichtig, im Sinne einer aufsuchenden Arbeit auf die Klientel zuzugehen und sie dort zur Beratung einzuladen, wo sie sich tatsächlich aufhält. Das gilt vor allem für sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler.
In den nächsten Jahren ist eine systematische Weiterentwicklung der Kooperation von Lehrkräften und Gesundheitsberufen anzustreben. Eigentlich gehört in jede Schule ein Arzt oder eine Ärztin und eine Krankenpflegerin oder ein Krankenpfleger, und sei es nur für ein oder zwei Stunden in der Woche. Schulen dürfen nicht länger ein „arztfreier Raum" sein, weil das Aufschließen der Entwicklungs- und Lernpotentiale eben auch voraussetzt, die körperlichen und physiologischen Ausgangsbedingungen für Lernen und Entwicklung zu berücksichtigen. Deswegen ist es wichtig, in der Schule sowohl den Schülerarzt als auch den Lehrerarzt zu haben, am besten eine Konzeption, die in Richtung eines „Schulbetriebsarztes" geht.
Literatur Bildungskommission NRW (1995): Zukunft der Bildung – schule der Zukunft: Denkschrift. Darmstadt: Luchterhand
Bilz, L., Hähne, C. & Melzer, W. (2003): Die Lebenswelt Schule und ihre Auswirkungen auf die Gesundheitssituation. In: K. Hurrelmann, W. Melzer, A. Klocke & U. Ravens-Sieberer (Hrsg.): Jugendgesundheitssurvey – Internationale Vergleichsstudie im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO. Juventa Verlag.
Deutsche Shell (Hrsg.) (2002): Jugend 2002. Frankfurt: Fischer
Fend, H. (1980): Theorie der Schule. München: Urban
Hurrelmann, K. (2003): Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. Weinheim: Juventa (7. Auflage) Hurrelmann, K. (2002) Einführung in die Sozialisationstheorie. Weinheim: Beltz
Hurrelmann, K. (2000) Gesundheitssoziologie: Weinheim: Juventa Hurrelmann, K. & Bründel, H. (2003) Einführung in die Kindheitsforschung. Weinheim: Beltz Hurrelmann, K., Klocke, A., Melzer, W. und Ravens-Sieberer, U. (Hg.) (2003) Jugendgesundheitssurvey. Weinheim: Juventa
Koch-Riotte, B. (1999): Gesunde Schule auch für Lehrerinnen und Lehrer? In: Gesundheit und Schulentwicklung. Stuttgart: Raabe Verlag, S. 73-90
Müller-Limmroth, H. (1993): Arbeitsbelastung im Lehrerberuf. In: Bildung und Wissenschaft, Heft 12 #
Rolff, H. G. u.a. (Hg.) (1998): Jahrbuch der Schulentwicklung. Band 10. Weinheim: Juventa