Wie in vielen Bereichen der Medizin hat auch dieses Fachgebiet in den letzten Jahrzehnten eine stürmische Entwicklung mitgemacht. Frühgeburten und Geburtskomplikationen hat es ja schon immer gegeben, nicht aber diese Möglichkeiten, diese Kinder auch heil und gesund über die Runden zu bringen.
Heutzutage gibt es völlig gesunde Kinder, die mit 500g auf die Welt gekommen sind. Man möge sich einmal vorstellen, wie groß so ein 500g Kind tatsächlich ist ....
Diese Fortschritte verdanken wir einerseits der verbesserten Medizintechnik, andrerseits aber auch den zunehmenden Erfahrungen und den vermehrten Erkenntnissen der Physiologie und Psychologie dieser so kleinen Menschen. Wie nie zuvor kommt nun der viel aufwendigeren, ausgeklügelteren Pflege wesentlich mehr Bedeutung zu, die von auf die Physiologie Rücksicht nehmenden Lagerungstechniken bis zu der Einbeziehung der Eltern reicht, was aber erst recht ein hochgeschultes Personal voraussetzt. Bevor ich aber fortfahre, erlauben Sie mir bitte, ein paar Begriffe, die Sie sicher alle schon gehört haben, etwas genauer zu definieren. Ein reifes Neugeborenes wird in der Regel zwischen 2700g 4500g schwer und 48-53 cm lang sein. Der Kopfumfang beträgt 32-36cm. Die Schwangerschaft selbst umfaßt erstaunlicherweise recht exakt 40 Wochen (abgekürzt SSW =Schwangerschaftswochen) gerechnet von der letzten Monatsblutung an. Das Gestationsalter (GA) wird wiederum von der tatsächlichen Zeugung an berechnet. Die sogenannte Geburt am Termin bringt ein reifes Neugeborene und umfaßt die 38.-42.SSW. Als Frühgeborene (FG) bezeichnen wir alle Kinder, die vor der 38.SSW geboren werden. Die sogenannten Reifezeichen (Finger- u. Fußnägel, Genitale, Hautlinien, Brustwarzen, Ohrknorpeln etc.) erlauben uns eine recht exakte Altersbestimmung, auch dann, wenn das FG viel zu klein für sein Alter ist (small for date = SFD). In den letzten Jahrzehnten ist es gelungen, auch sehr kleine Frühgeborene gesund bleiben zu lassen, obschon der schützende Mutterleib fehlt. Heutzutage darf man davon ausgehen, daß das kleine Frühgeborene etwa ab der 27.SSW resp. ab 850g routinemäßig (freilich die Routine einer entsprechend spezialisierten Station) behandelt werden kann. Zwischen der 24. und 26. SSW gibt es eine Grauzone, wo auch eine sehr erfahrene Intensivstation nicht immer einen Erfolg garantieren kann, denn je unreifer ein solches Kind ist, umso leichter kann es zu Gehirnblutungen kommen diese winzigen Blutgefäße sind allzu empfindlich. Unterhalb der 24.SSW aber geraten wir m.E. derzeit in einen eindeutigen experimentellen und damit auch sehr schnell in einen ethisch umstrittenen Bereich.
Die Kunst liegt darin, mit so wenig Technik als nur möglich auszukommen, ohne aber auf das Notwendige zu verzichten. Seltsamerweise gibt es immer wieder Einwände gegen die Medizintechnik als solche. Nur ist Technik und das betrifft natürlich vorzugsweise Intensivstationen immer nur so gut wie der Anwender selbst. Technik um der Technik willen ist Unfug.
Diese Fortschritte der Medizintechnik erlauben uns heute auf eine sehr schonende und rücksichtsvolle Weise alle vitalen (=lebensnotwendigen) Parameter zu überwachen. Sobald wir aber diese vitalen Funktionen des Organismus garantieren können, haben wir viel mehr Möglichkeiten auf die persönlichen Bedürfnisse dieser sehr kleinen Menschen Rücksicht zu nehmen. Auch hier sind die Fortschritte geradezu spektakulär gewesen. So ist noch Anfang der Siebziger Jahre 1 Stunde Besuchszeit die Norm gewesen, allerdings nur am Sonntag, die ganze übrige Woche gab es keinen Besuch. Man fasse es kaum! Die Kinderzimmer der Entbindungsstationen haben fest abgeschotteten Festungen geglichen, wo man das eigene Kind auf ein Klingelzeichen nur durch eine dicke Fensterscheibe zu sehen bekommen hat. Dieser auf der Furcht vor Infektionen beruhende Umgang ist glücklicherweise Vergangenheit. Heutzutage gibt es keine Intensivstation mehr, wo nicht die Eltern von vornherein integriert werden zum Nutzen aller Beteiligten. Das, liebe Eltern, verstehe ich eben unter medizinischem Fortschritt, der es natürlich auf der Medizintechnik beruhend ermöglicht, uns auf eine ganz andere Art und Weise auf die Bedürfnisse auch der Kleinsten unserer Patienten einzustellen.
Prim.Dr.Olaf Arne Jürgenssen
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