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Böses Kind, Univ.-Prof.Dr.Marguerite Dunitz-Scheer
Univ.-Prof. Dr. Marguerite Dunitz-Scheer *)
Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Graz



F: Meine Nachbarin behauptet, ihr dreijähriges Kind sei "böse" und "bösartig". Wie kommt eine Mutter dazu, so etwas über ihr eigenes Kind zu sagen?


A: Im ersten Augenblick empfindet man als Zeuge einer solchen Aussage Mitleid mit dem Kind, aber auch eine Wut oder gar einen Vorwurf an die Mutter. Beide Reaktionen sind verständlich, aber nur die eine Seite der Medaille.

Bereits kleine Kinder im Alter unter 3 Jahren können ihre Eltern, Mütter wie Väter, so nerven und zur Weißglut bringen, dass sich selbst bemühte Eltern oftmals nicht zu helfen wissen und den Kleinen einerseits pädagogische Vorträge halten oder sie "sinnvoll" zu bestrafen versuchen. Beides ist sicherlich falsch.

Aggressives Benehmen oder extrovertiertes Verhalten sind in diesem Alter Ausdruck einer Entwicklungsphase, in welcher die eigenen Vorstellungen und Empfindungen des Kleinkindes eine Grenze bei den erwachsenen Bezugspersonen suchen, aber oft nicht finden. Es ist die Phase der Entwicklung des "moralischen Selbst", der eigenen Identität und des Wissens um Gut und Böse, also der Beginn der Gewissensbildung.
Jede Situation wird zum Testfall, jede Gelegenheit ausgenützt, Aktion und Reaktion lustvoll auszuprobieren. Die Kleinen "Monster" steigern ihr Verhalten dann oft provokant und scheinen die bisher geliebten Personen scheinbar absichtlich zu ärgern. So beginnt ein schlimmer Teufelskreis, in welchem das Kleinkind meist als Sieger aussteigt und sich die Eltern zunehmend hilflos, schuldig und verzweifelt fühlen. Der Ausdruck "bösartig" beschreibt gleichzeitig die mütterlichen Gefühle und interpretiert aus ihrer Sicht das unverständliche kindliche Verhalten.

Eine Lösung aus solchen sehr belastenden Beziehungssituationen oder gar "Fallen" ist der Versuch der Reflexion, die eigenen Handlungen und Gefühle zu analysieren und draufzukommen, weshalb es einem so schwer fällt, rechtzeitig eine klare Grenze zu ziehen und zu lernen, seine eigenen Gefühle klar und deutlich zu äußern. Ist die Sache aber bereits sehr verfahren, sollte unbedingt die Beratung einer/s Kinderpsychologin/en oder Kinderpsycho-therapeutin/en in Anspruch genommen werden.


Dieser Artikel wurde bereits als Pressetext in der Kategorie "Die Ganze Woche - Österreichs Kinder- und JugendärztInnen beantworten Leserfragen", Artikel aus dem Jahr 2005, publiziert, zu sehen unter böses Kind.


*) Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde
Erstellt am 30.8.2010