Bindung - Lösung - Übergänge: Der Bindungsbegriff heute sowie Betrachtungen über Bindung und Internet!
Von Marguerite Dunitz-Scheer
Zur Autorin: Habilitierte. Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde, Psychotherapeutin für integrative Kinder- und Jugendlichen Therapie (Gestalt), PSY Diplome I-III für psychosoziale, psychosomatische und psychotherapeutische Medizin der ÖAK, Stellv. Leiterin der Abteilung Psychosomatik & Psychotherapie an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz, Präsidentin der GAIMH (Deutschsprachige Gesellschaft zur Förderung der Seelischen Gesundheit in der frühen Kindheit), Mitglied der WAIMH, IACAP, AACAP, NCCIP. Klinische Forschungen über frühkindliche Eß- Fütterungsstörungen, frühe Bindungsstörungen, Eltern-Kind Interaktionsstörungen; derzeit Ausbildung in Unternehmensberatung und Non Profit Management, verheiratet, 6 Kinder.
Zusammenfassung: Bindung und Lösung ist kein eigentliches Symptom in der Kinder- und Jugendheilkunde im engeren Sinne, und doch ist die Dynamik von Bindung und Lösung in all ihren Erscheinungsformen und Übergängen ein tägliches und obligates Thema in der kinderärztlichen Praxis! Kein Säugling oder Kleinkind kann real, und ein Kind oder Jugendlicher zumindest in der Imagination, nicht unter dem Betrachtungsfokus seiner Bindungswelten betrachtet werden, das Kind kommt geradezu nur "in Bindung" vor! Gerade deshalb ist es wichtig und lohnenswert für Jeden, sich über seine eigenen und die von ihm beobachteten Bindungsrealitäten klar zu sein, um eine möglichst hohe Objektivität in die Welt der betrachteten Subjektivität einzubringen.
Einleitung:
Ich habe in den letzten Jahren viele Artikel, Abstracts und verschiedene Buchbeiträge geschrieben, mich etliche Tausend Stunden in und mit der eigenen Psychotherapie Ausbildung beschäftigt und etliche Zig Tausende Stunden mit Menschen unterschiedlichsten Alters und unterschiedlichen Leidenszuständen psychotherapeutisch gearbeitet. Ich kann also nicht behaupten, daß das Thema "Bindung" mich beruflich nicht zentral betrifft. Bindung und Lösung und Übergänge dazwischen ist jedoch ein so ubiquitäres Thema, daß es schwer ist, sich selbst davon zu distanzieren, sich heraus zu nehmen und es eben rein aus der professionellen Perspektive zu betrachten.
BINDUNGEN: Was ist Bindung überhaupt? Wir wissen es nicht! Der Leser wird über diese Aussage mit Recht erstaunt sein; man kauft doch nicht ein Buch über Bindungen, um zu erfahren, daß deren schlichte Existenz unklar, ungewiß, unbewiesen oder eben eine konstruierte Wirklichkeit im Sinne eines nützlichen, vielleicht sogar guten und praktikablen Modells ist?! Den Begriff der Bindung einfach und klar zu definieren ist schwierig bis unmöglich; vielleicht ist das Ziel, dies tun zu wollen, einfach falsch. Als Versuch möchte ich darstellen, wie der Begriff selbst durch die Assoziationen, die mit ihm ausgelöst oder in Verbindung gebracht werden, unterschiedlich verstanden werden kann, und deshalb eine einzige klare Definition wahrscheinlich gar nicht möglich ist.
Als Tochter eines Molekularchemikers, der sein ganzes Leben die Zwischenräume, Anziehungs- und Abstoßungskräfte zwischen Molekülen in Proteinen studierte, wuchs ich mit der Nomenklatur und Terminologie von Bindungen im chemischen, biologischen, wissenschaftlich atomaren, also submikroskopischen Bereich auf. Worte wie Interferenz, Schwingungsfähigkeit, Bindungsvariablen, Bindungsstabilisatoren waren in den letzten 40 Jahren für mich Alltag und Modelle mit Kügelchen, heute synchronisiert in phantastischen, dreidimensionalen Computergraphiken, sind die Umsetzung der Vorstellung dieser Modelle. Die Umsetzung dieser Atom - Bindungswelt mit der Theorie und Terminologie der psychologischen Bindungstheorie liegt auf der Hand und ist zugleich absurd. Mein Vater, der molekulare Bindungsforscher, wuchs sicher gebunden im grünen und nassen Schottland in einer jüdischen Gemeinde auf, die trotz Emigration aus Russland in der unmittelbar voran gegangenen Generation und vollständigem sozialen Neubeginn, mit tradierten und wertgeschätzten Bindungsressourcen gut ausgestattet war. Die Familie als Basis, als sichere Insel, die Besonderheit der Bindung der "jiddischen Mame" und das unterschiedliche, aber intensive Bindungsmuster des jüdischen Vaters, der für die Familie indirekter, aber dafür mehr für den Kontakt mit Gott verantwortlich war, war eine echt sichere und emotional innig gebundene Welt. Die Katastrophen am europäischen Festland wurden mit Bestürzung und großer Sorge aber aus einer sicheren Distanz und dafür Dankbarkeit betrachtet.
Wenn ich also das Wort Bindung höre und dabei an meinen Vater denke, ist es in mir ruhig, zuversichtlich, beständig, gut und sicher.
Ganz das Gegenteil wird ausgelöst, wenn ich den Begriff der Bindung höre und dabei an meine Mutter denke: Sie, 1932 in Berlin geboren verlor im Alter von 2 Jahren ihre Mutter in die Schizophrenie. Ihre Beziehungswelten in den Jahren des aufdrängenden Nationalsozialismus waren unsicher, wechselnd, unbeständig, bedroht und verunsichert. Wegen Rassenzugehörigkeit, oder eben falschen Gebundenheiten, wurden die Menschen in unterschiedliche Wertgruppen unterteilt. Gute Bindungen waren utopische, ersehnte und erträumte Phantasmen; des Vaterlandes und der Muttersprache beraubt, wortlos, versteckt, untergetaucht, verraten, die Mutter ermordet, der Vater verschollen. Meine Mutter hat, aus heutiger Terminologie betrachtet, psychisch schwer traumatisiert überlebt und mir während meiner Kindheit eine Mutter zu sein versucht. De facto war ich seit frühester Kindheit die ihre. In der psychiatrischen Literatur gibt er hierfür Fachausdrücke wie Parentisierung, unsicher - ambivalente Bindung, emotionale Dissoziation ect . Ich wurde mit 10-12 Jahren vor die Wahl gestellt, mich mit Psychiatrie beschäftigen zu müssen, mein Vater meinte nur, ich hätte die Freiheit zu wählen, auf welcher Seite des unsichtbaren Zaunes ich später stehen wollte! Bis heute ist mir die Psychiatrie deshalb ein seltsam Land, es ist mir drin so normal wie draußen, so daß durch den Zaun Innen- und Außenwelt, die Welt der angeblich Gesunden und die Welt der besagten Verrückten, austauschbar sind.
Der Begriff Bindung in Zusammenhang mit meiner Mutter ist also multifaktoriell und komplex belastet, es klingt irgendwie wie gebunden, geschunden, angebunden, unfrei, verkabelt und verkettet, nicht sehr schön. Ich liebe meine Mutter jedoch sehr, ich bewundere sie inzwischen, ich verehre und respektiere sie eigentlich ganz gleichwertig wie meinen Vater, aber Bindung??
Beide Erfahrungserlebnisse sind aus meiner Kindperspektive gleich wahr, gleich richtig und zugleich auch immer genauso unwahr. Damit zu leben, ist nicht so schwierig wie es auf den ersten Blick ausschaut. Der Begriff Nähe existiert nicht ohne die Erlebniswirklichkeit von Ferne und Distanz, Wärme nicht ohne die Erfahrung von Kälte und ebenso Bindung und Nähe ohne Lösung und der Einsicht der existentiellen Notwendigkeit von Distanz.
Babies gehen sehr existentiell während ihres ersten Lebensjahres durch diese Erfahrung und Erkenntnis. Die zunehmende motorische Geschicklichkeit verleiht neue und bisher ungeahnte Möglichkeiten der Exploration der Welt; Krabbeln, Rutschen, Greifen, Robben und dann als Krönung der motorischen Autonomie das selbständige und freie Gehen! In hunderten von selbst gesteuerten Bewegungsabläufen (Rapprochement) wird Nähe und Distanz zwischen ihnen und ihrer Bezugsperson verändert, getestet, variiert und der Explorationsradius anhand der gemachten Erfahrungen immer wieder neu definiert und ihr wachsendes Ichgefühl im Kontext der erfahrenen Bezogenheiten entwickelt. "Ich bin, also binde ich" oder eher "Ich binde, also bin ich", oder "Ich bin, weil sie/er (Mu, Va) mich bindet" oder "Ich werde gebunden, also bin ich" oder "Ich gehöre, also bin ich" sind Internalisierungen (internal representations) dieser getätigten präverbalen Erfahrungen. In diesem Zusammenhang sprechen wir vom elterlichen Bindungsangebot und Bindungsmuster (Attachment system) und vom genetisch determinierten, davon grundsätzlich indepenten, aber sich dependent entwickelnden Bindungsrepertoir- oder Bindungsverhalten (Attachment behaviour) des Kindes.
Die Untersuchung von 12-18 Monate alten Kleinkindern in der Fremden Situation (Strange Situation Test) stellt eine ethisch zumutbare standardisierte Trennungsprobe dar, in welcher durch Aktivierung von Trennungsstreß das kindliche Bindungsverhalten aktiviert wird und testpsychologisch verwertet werden kann. Nun weiß aber jeder Kliniker und Kleinkindforscher, daß das gefundene Ergebnis in seiner Potenz relativ reliabel ist, in ähnlichen Situationen ähnliches Verhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder sichtbar zu machen, doch kann selbstverständlich die individuelle Variabilität der Tagesverfassung und viele andere Variablen keine prognostisch sichere Voraussage über die weitere Entwicklungspotenz des Kindes im Bindungsverhalten machen.
Um so mehr irritiert es mich, wenn der Ausdruck der Bindung einerseits sehr frequent benützt wird, wir benützen die Begriffe täglich und denken uns oft nicht viel dabei. Andererseits wird große Unklarheit ausgelöst, wenn die einfach anmutende Frage nach der Definition des Begriffes an sich gestellt wird.
Die Definition der Bindung zwischen lebenden Menschen hat also eine unterschiedliche Bedeutung für verschiedene Menschen zu unterschiedlichen Zeiten und Lebensphasen in unterschiedlichen Situationen; gemeinsam ist jedoch mehr minder, daß der Begriff etwas Gutes und Wichtiges meint, der mit Nähe und Schutz zu tun hat und mit Kontinuität und das dies für das gesunde Heranwachsen von kleinen Kindern von großer Wichtigkeit ist.
Betrachten wir die Termini "sichere" und "unsichere" Bindungen ist die Wertungsproblematik evident und eklatant! "Sicher - Unsicher" sind zutiefst wertende Begriffe; "sicher" klingt gut, das möchte jeder sein und jeder möchte seinen Kindern Sicherheit weitergeben. "Unsicher" klingt gar nicht schön, ist sicher weniger gut. Das versuchen wir zumindest zu vermeiden. Die Stadien der von Mary Ainsworth gewählten Subkategorien und Klassifikationsgruppen sind inzwischen weiter verfeinert worden; man gewinnt dabei den Eindruck, als seinen beispielsweise die Ba, Bc, Cb, Ab`s plötzlich wissenschaftliche Kategorien ähnlich den Blutgruppen oder Himmelsrichtungen! Die verschiedenen Bindungskategorien klingen wissenschaftlich wie etwa die Normverteilung von Körpergewicht, Länge, Herzfrequenz oder welche menschlichen Attribute wir noch zu messen gedenken! Und genau diese scheinbare Klarheit; die sich noch subklassifizieren lässt, erweckt einen trügerischen Eindruck, weil sie nicht die Wirklichkeit sondern psychologische Namen für spezifische Reaktionsformen des zwischenmenschlichen Erlebens in ganz definierten künstlichen Untersuchungsszenarien abbildet!
Es mag erstaunen, das ich als Referentin und Fortbildnerin interaktioneller Diagnostik und Bindungstheorie mich so kritisch zu den bekannten, in der Literatur durchaus akzeptierten, aber doch konstruierten Bindungskategorien äussere! Ich mache dies sehr bewußt, meiner bekannt oppositionellen Grundnatur folgend, weil ich einfach auch der Gefahr einer zu grossen Vereinfachung und unhinterfragten Akzeptanz der Bindungstheorie skeptisch gegenüber stehe. Das Gedankengut der Bindungstheorie kann heutzutage mit allen Vor- und Nachteilen als Mode, Trend oder aus Zeitgeist oder fast Gegenzeitgeist gesehen werden. Da Alles heutzutage rast und die Technik über das Tempo ihrer eigenen Errungenschaften stolpert, bewirkt der technische Fortschritt, daß Hochschulabsolventen heutzutage in gewissen Fachgebieten bereits alt und unwissend gegenüber den Hochschuleinsteigern erscheinen!!
Um so wichtiger erscheint es mir in einem Buch für Eltern und Fachleute, bei aller positiven Wertung des Themas, auch kritisch zu sein und grundsätzlich eine Wachsamkeit gegenüber dem Konsum von konstruierten Wahrheiten haben zu dürfen.
Bindungen gehören zum menschlichen Leben. Sie helfen den Erwachsenen letztlich Kinder in die Welt zu lassen und sichern den geborenen Kindern eine notwendige Stabilität während der ersten Lebensjahre. Ob die Bindungserfahrungen und erlebten Bindungsmuster der ersten Lebensphase aber entscheidend für die Wahl und Art der eigenen späteren Bindungserlebnisse sind, ist wahrscheinlich, aber nicht bewiesen.
Die jüdisch - christliche Tradition hat sich jedoch sehr klar - wenn wir die Grundlage der 10 Gebote betrachten- stark auf einem Bindungen respektierenden und beachtenden Wertesystem entwickelt!
BRÜCHE Nun krachts! Das Einbeziehen des Begriffs Brüche, also Bruch in seiner Vielzahl in einem gemeinsamen Buchtitel verhindert an sich schon eine allzu einseitige oder zu harmonische Reflexion über Bindungen.
Brüche, Bruch, Max Bruch, Knochenbruch, Bruchharsch, Chromosomenbrüche, Steinbruch, Eisbruch, Durchbruch, Abbruch, Erbrochenes, Verbrechen, zerbrechen, brechen....
Ich denke, daß die mit dem Begriff in Verbindung stehenden Assoziationen klar die krisenhafte Bedeutung, die Gefahr, die Grenze zu etwas Neuem, abbilden.
Gerade aus der Arbeit mit polytraumatisierten Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen ist eindrucksvoll zu erkennen, wie unterschiedlich Brüche das Leben von Kindern treffen und zu Teil verändern.
Ein Beispiel: Tatjana und Erika, 10 und 7 Jahre alt, erleben am Vorweihnachtsabend - die Mutter bäckt gerade Weinachtsbäckerei - einen Ehestreit zwischen ihren Eltern. 10 Minuten später findet Tatjana ihre Mutter blutüberströmt am Küchenboden, reißt ihre bereits ins Bett gegangene kleine Schwester aus dem Bett und läuft zu den Nachbarn, um Hilfe zu holen. Als sie mit Hilfe von Feuerwehr und Notarzt in die Wohnung eindringen, sind beide Eltern tot; der Vater hat die Mutter erstochen, ihr den Kopf abgehackt und im Anschluß daran sich und die Wohnung angezündet. Der Bruch könnte nicht heftiger sein; nichts ist danach diesem Erlebnis gleich wie früher, die Kinder verlieren auf einen Schlag beide Eltern, ihre Wohnung und ihr gesamtes soziales Umfeld.
Ich treffe die beiden Mädchen am Unfalltag, einen Tag und eine Woche danach und im Abstand von 3 Wochen über weitere 6 Monate. In der psychologischen Terminologie handelt es sich um intelligente, gut geförderte und sicher gebundene Kinder. Sie werden von der Tante mütterlicherseits in die Familie aufgenommen, wo sie nun mit ihren 2 geliebten Kousinen in nahezu selben Alter heranwachsen. Es ist, da die Familie in der Lage ist, offen zu kommunizieren, keine psychische Einschränkung außerhalb der zu erwartenden angemessenen und gut in Worte zu hebende Trauer zu erkennen. Dieses krasse, aber nicht erfundene Beispiel kann aufzeigen, daß Kinder bei guten und gesicherten Bindungswelten in der Klein- und Großfamilie selbst mit einem so schweren Schicksalsschlag konstruktiv umgehen können.
Ein anderes Beispiel : Klein Robert, 2 ½ Jahre ist gesund und etwas lebhaft; für seine stark übergewichtige und an einer unklaren Erkrankung leidenden Mutter ist er eindeutig zu lebhaft, was zu ständigen Spannungen, Ermahnungen, Erziehungsdifferenzen, Belehrungen, Streitereien, Drohungen und Nörgeleien führt. Der Kindesvater versucht hilfreich zu intervenieren, die Differenzen scheinen aber zu groß, es kommt zur Trennung der Eltern. Die Ehe zerbricht, für das noch nicht 3 jährige Kind ein klarer Bruch, der ihn vorerst seinen Vater kostet.
Für Robert verändert sich die Welt und seine Möglichkeit, diese wahrzunehmen stark; er darf seinen Vater, dem die genetische Schuld an seiner übermäßigen und krankhaften Lebhaftigkeit zugeschrieben wird, nur mehr selten sehen. Die Mutter ist einerseits kurzfristig auf der Partnerschaftsebene entlastet, andererseits mit Robert nun noch mehr auf sich selbst gestellt, was zu noch größeren Überforderungen, Konflikten und Streitereien zwischen ihr und Robert führt.
Bindungsdiagnostisch sind beide Kindeseltern selbst unsicher - vermeidend an ihre Herkunftsfamilien gebunden; die realen und imaginierten Bindungswelten, die Klein Robert antrifft, sind zutiefst komplex, widersprüchlich, chaotisch, unsicher, unbeständig und schwierig. Dementsprechend ist seine Entwicklung desorganisiert!
Der reale Bruch durch die Trennung der Eltern hat dem Chaos aus der Perspektive des Kleinkindes die letzte Stabilität beraubt, die Entwicklung steht am Stand. In der therapeutischen Intervention wird versucht, den Vater wiederum 3x wöchentlich regelmäßig in das Leben des Buben einzubinden, was zu einer deutlichen Besserung der Situation führt .
So möchte ich im ersten Beispiel aufzeigen, daß ein Schicksalsschlag, der größer kaum vorstellbar ist, - der gewaltsame Tod beider Eltern durch Mord und Verstümmelung von einander -, bei sogenannt stabiler und sicherer Bindungssituation emotional verkraftbar ist, jedenfalls soweit wir dies durch eine sensible Selbst- und Fremdbefragung sowie durch projektive und deskriptive Untersuchungsmöglichkeiten nachweisen können. Mit dieser Aussage möchte ich das Ausmaß des psychischen Leides und die Trauer er betroffenen beiden Mädchen in diesem Beispiel keineswegs leugnen; Kinder sind jedoch in noch eindrucksvollerer Weise als Erwachsene adaptationsfähig, wenn ihre Bindungsstrukturen sicher waren und sind und sie damit auch rüsten, in einer veränderten Welt zurecht zu kommen.
Das zweite Beispiel zeigt eine äußerlich viel diskretere und in keiner Weise objektiv gewalttätige Veränderung der bestehenden Bindungswelt eines kleinen Kindes mit - soweit durch ähnliche Testverfahren überprüfbar,- viel größeren und negativen Auswirkungen auf die weitere Entwicklung des Kindes. Hier haben wir bereits in der Elterngeneration eine problematische und nicht gesicherte Bindungssituation der Eltern zu ihren Herkunftsfamilien. Das kleine Kind macht nun Probleme (die in einer anderen Familie vielleicht kaum auffallen würden) und anstatt daß die vorhandenen Großeltern hilfreich und stützend intervenieren, distanzieren sie sich noch mehr und lassen die Kindeseltern mit ihrer schwierigen und überfordernden Erziehungsaufgabe alleine. Gerade solche Situationen sollten und können als Konstellation im Sinne einer Risikofamilie für die Entstehung von unangemessener Gewaltausübung, Mißhandlung und Mißbrauch erkannt werden. Eine geringe zusätzliche Belastung kann das System zur Eskalation bringen, so daß im Extremfall oft nur eine Fremdunterbringung des Kindes als Notlösung gesehen wird und die Bindungsrealität für die Zukunft des Kindes dadurch meist noch problematischer wird!
Wir könnten die Wichtigkeit und Entwicklungsrelevanz frühkindlicher Bindungssituationen in weiteren unzähligen Beispielen darstellen, gemeinsam bleibt eine Nicht Korrelation zwischen Trauma und kindlicher Reaktion, bezw. eine Korrelation zwischen Bindungssicherheit und der emotionalen Reserve und Adaptationsfähigkeit für die Kompensation von unerwarteten Geschehen und Traumen. Kinder wachsen heute in der westlichen Welt in einer Beziehungsrealität auf, in welcher es immer seltener wird, daß ihre Geburt, frühe Kindheit, Schulzeit und Adoleszenz in der gleichen Familie stattfindet. Wurde bis vor kurzem der Terminus "Scheidungswaisen" als vor allem Mitleid auslösende Assoziation geprägt, wird dieses grobe Vorurteil durch zunehmende Erfahrungen und Studienergebnisse differenzierter analysiert.
Der und die Scheidungswaisen sind die Folgen der Scheidung, des formal legitimierten Zerbrechens der elterlichen Ehe, des Ehebruchs. Der Ehe-"bruch" könnte ja auch Eheende oder Eheschluss oder Eheaus oder Liebensende heissen?! Das Wort Ehebruch weist aber sehr deutlich auf eine dramatische, Schuldigkeit implizierende, negative, unerwünschte und unerwartete Situation hin. Wenn man die Dynamik ehelicher Beziehungen jedoch retrospektiv analysiert, ist es oft erstaunlich, über wie viele Jahre ein Stillstand in Liebesgefühlen und eine vollkommene Starre der vormals lebendigen Beziehung zu konstatieren ist. Eheerstarrung oder Ehelähmung wären Ausdrücke, die oft der erlebten Dynamik eher entsprechen würden, und vielleicht für die Kinder subjektiv anders klingen würden. Das Wort Ehebruch ist noch immer sehr negativ wertend, was die Voraussetzung für eine konstruktive Neuorientierung in den betroffenen Beziehungswelten nicht gerade erleichtert! Gerade für die in ihrer Entwicklung voran eilenden Kinder und Jugendliche ist dies sehr schade und psychodynamisch nicht wirklich günstig. Würde nämlich das "Scheitern" einer Ehe gesellschaftlich und innerfamiliär mehr positiv im Sinne einer Chance und eines Umbruchs mehr als eines Bruches interpretiert werden können, könnten sich viele Kinder und Jugendliche rascher und effizienter reorganisieren und würden weniger, niemandem nützenden, seelischen Schaden erleiden.
Gelingt es den sich trennenden ehemaligen Liebespartnern ihre Elternschaft verantwortlich und einander als Eltern ihrer gemeinsamen Kinder integrierend weiter zu leben, erlebt das Kind oft "mehr Nutzen als Schaden"! Das dies wirklich möglich ist, zeigen zahlreiche Studien nach untersuchter Kinder nach Scheidungen.
ÜBERGÄNGE Übergänge, Untergang, Durchgang, Unterführung, Gangsystem, Transversen, Brücken, von a nach b, Übergang verboten, Überbrückungen, Übergehen, übergehen, übergangen werden, Transfer, Transgression, Transit.
Urteile, Vorurteile, Postulate; es ist heute modern, sich der Relativität und Flüchtigkeit getätigter Ansichten, Meinungen und Lehrmeinungen bewußt zu sein. So ist der Terminus ÜBERGÄNGE bewußt in den Titel des Buches mit integriert worden.
Wir sind im Übergang, aber wahrscheinlich nicht mehr und nicht weniger als jede Generation vor und nach uns. Das Leben selbst ist ein einziger Übergang in sich. Vom Säugling zum Greis; von der Erde zur Erde, vom Sein zum Nichtsein! Jede Zeit hat Pessimisten und Optimisten, jedes Studiendesign und jede Auswertung einer Studie kann so hingebogen werden, dass eher die Abweichungen oder die Basalwerte in den Vordergrund der Analyse gerückt werden und so oder so interpretiert werden; so kann dieselbe Studie auf völlig unterschiedliche Weisen interpretiert werden und zu völlig unterschiedlichen Schlüssen führen. Der Begriff ÜBERGÄNGE symbolisiert jedenfalls Bewegung, nicht Stillstand. Es verleiht dem Subjekt die Kompetenz der Selbsteuerung und der Selbstorganisation!
Gerade in Lebensphasen der Veränderungen, in Krisen und Konflikten, sind wir oft gezwungen auf unser eigenes Bindungspotential und Bindungsrepertoir zurückzugreifen. Ist die Partnerschaft im Umbruch, nähern wir uns oft wieder den eigenen Eltern, die Annäherung und Versöhnung mit der Herkunftsfamilie rund um das 40.Lebensjahr ist das Produkt tragfähiger Bindungen und Beziehungswelten. Gleichzeitig öffnen sich oft neue Wege in der Gleichaltrigengruppe, ähnlich der Pubertät; alles gerät neu in Bewegung, in Umbruch, ist im Übergang!
DER ÜBERGANG INS NETZ: Bindung und Internet:
Hi there! Du da? Urcool, Du Lust? Zeit? Chatten wir? No, wie laufts? Was machst grad? Geh nicht weg! Bleib noch etwas! Wie geht's?
Unsere Jugend beginnt derzeit im Volksschulalter eine völlig neue Form der internationalen und Kultur- und soziale Grenzen überschreitenden Kommunikation durch das Internet kennenzulernen. Es ist eine vollkommen anonyme, autonom vom Kind selbst gesteuerte Kommunikation mit fremden Wesen und allen Vor- und Nachteilen der anonymen Kommunikation.
Die Kinder und Jugendlichen verbringen Stunden des Tages (2-5 Stunden täglich sind keine Seltenheit!) vor dem Computer; fasziniert von der Dichte und Relevanz der ins All gesendeten Botschaften und den darauf folgenden Reaktionen. Kritisch beurteilt müssen wir durchaus von einer neuen Sucht sprechen, wohlwollend können wir es als kreative und eher gewaltlose niederschwellige Kommunikationsform interpretieren.
Nun, was hat das Internet mit Bindung zu tun?? Einiges!
In erster Linie greift das Internet als Medium als Konkurrenz zu den real er- und gelebten intra- und extrafamiliären Kontakten und Beziehungen ein.
Das ist schon sehr viel; denn ob ein Kind 2 Stunden mit seinem Internetpartner chattet oder mit seinen Geschwistern spielt oder mit seinen Eltern diskutiert, ist ein großer Erlebnis- und Erfahrens-unterschied. Die Reflexion und Projektion und Verarbeitung realer Bindungserlebnisse wird in eine virtuelle Ebene verschoben und entzieht sich so dem realen Erleben. Nun könnte man einwenden, daß das Internet im Vergleich zu einem in die Phantasiewelt eines guten Buches versinkenden Kindes sogar viel interaktiver und deswegen besser sei; auf der Ebene realer Bindungs Erlebnisse ist es jedoch ein deutlich schwächerer Stimulus. In amerikanischen Schulen wurde kürzlich mit dem Hinweis auf negative Auswirkungen auf die kindliche Aufmerksamkeit und katastrophale Auswirkungen auf das Gruppen- und Sozialerleben die zur freien Verfügung gestellte Internetzeit von Schülern außerhalb der regulären Schulzeit von anfangs jeden Nachmittag auf 1 Nachmittag pro Woche pro Altersgruppe eingeschränkt!
Als Ich im September 99 meine erste Anfrage mittels Email aus einem kleinen Ort in der Nähe von Zürich erhielt, war ich sehr aufgeregt. Es war ein Vater, ein Bankier, der sich wegen der lebensbedrohlichen Untergewichtigkeit und Gedeihstörung seines halbjährigen Sohnes große Sorgen machte! "Ins Netz" gegangen war er, weil er die Nichtlösung seines Problems aus medizinischer Perspektive einfach nicht akzeptieren konnte. Resultat seiner Anfrage war ein persönliches Kennenlernen des schwer kranken Kindes und ein mehrwöchiger stationärer Aufenthalt, der den kleinen Buben schließlich vollständig gesund machte.
Heute, 2 Jahre später, erhalte ich täglich 3-5 neue Anfragen von Eltern, die sich über Internet mit sehr konkreten medizinischen und entwicklungspsychologischen Anfragen an mich richten. Die Email - Patientenbetreuung ist zu einem beachtlichen und unverzichtbaren Bestandteil meiner täglichen Arbeit geworden: Die Emailpraxis!
Was kann das Internet? Was stellt Internet für Bindungen her? Wie kann Bindungsdiagnostik übers Internet erfolgen oder Bindungszentrierte Therapieempfehlung? Was unterscheidet die Kommunikationsart und -qualität des Email vom Telefongespräch oder vom Briefkontakt?
Ein Beispiel:
A
n marguerite.dunitz@klinikum-graz.at:
Betrifft: Unser Kind kann nicht essen! Sehr geehrte Frau Professor! Ich wende mich heute mit einem Anliegen an Sie und hoffe, daß Sie uns helfen werden können. Unser Kind,.......(es folgt ein Word file, dass die gesamte Krankengeschichte aus der Erlebensperspektive der Eltern darstellt). Könnten Sie uns raten, wie wir vorgehen sollen?
Mit freundlichen Grüssen ihre erwartungsvolle Familie Meier!
An: hannes.meier@netline.de
Betrifft: Antwort auf ihre Anfrage
Liebe Familie Meier!
Ja , mein erster Eindruck ist, dass ich Ihnen und ihrem Kind bei seinem Problem gerne helfen kann.
Bitte beantworten Sie mir ganz kurz die folgenden Fragen:
1.Was ist zur Zeit das Wichtigste, das sich in ihrem Zusammenleben mit Franzl verändern sollte? Was sagt Papa dazu? Mama? Franzl selbst? Ihr Kinderarzt? Die Grosseltern? Ihre Freunde?
2.Wie merken Sie, was Franzl selbst kann, will sowie nicht kann und nicht will?
3.Wie lösen Sie Interessenskonflikte mit ihm? Wer "kämpft" mit welchen Mitteln und mit welchem Erfolg?
4.Bei welcher Beschäftigung können Sie mit Franzl entspannt und glücklich sein, und sein Problem ganz oder fast vergessen?
5.Was wäre ihre Vorstellung eines "Märchenwunsches", der das Problem lösen könnte?
6.Was müsste der Zauberer im Märchen zaubern, um ein Happy End zu erwirken?
In der Anlage finden Sie 3 Wordfiles mit Infomaterial zu dem von Ihnen geschilderten Problem ihre Sohnes; Mit herzlichen Grüssen Ihre MDS
An marguerite.dunitz@klinikum-graz.at:
Betrifft: Antwort auf Ihre Fragen!
Liebe Frau Professor! Danke für Ihre lustigen Fragen, wir beantworten Sie gerne! Siehe attachtes Word file, meine Frau und ich haben Ihre Fragen getrennt beantwortet, da wir zu viele unterschiedliche Antworten hatten, wir hoffen, das stört nicht! Danke auch für die tollen Infos, wir haben gar nicht gewußt, daß Franzl`s Problem auch so viele andere Kinder und deren Eltern betrifft! Ganz tröstlich! Wir haben sie beide gelesen und auch für unseren Kinderarzt ausgedruckt. Brauchen Sie eigentlich auch die Arztberichte über Franzl? Wir haben auch ein Video über Franzl Schwierigkeiten gemacht, das wir Ihnen gerne schicken möchten, geht das?
An: hannes.meier@netline.de
Betrifft: Antwort auf Antwort
Liebe Familie Meier!
Ad getrennt antworten: kein Problem, sogar ganz super, Danke!
Ad Video: Gerne! Bitte bald! Grüsse MDS
An marguerite.dunitz@klinikum-graz.at:
Betrifft: Wie geht's weiter?
Liebe Frau Dunitz! Habe heute das Video an ihre Klinikadresse geschickt; unser Kinderarzt meint, es wird bei Franzl ohne Klinikaufenthalt schwer gehen, möchte aber die von Ihnen vorgeschlagenen Therapietips gerne ambulant ausprobieren; was halten Sie davon?
An: hannes.meier@netline.de
Betrifft: Probieren geht über Studieren!
Liebe Familie Meier! Danke herzlichst für das Video; die gute alte Post auch nur 2 Tage gebraucht!! Ich habe es mir angeschaut, und finde einen ambulanten Versuch auf alle Fälle lohnenswert; wir können nichts verlieren und es belastet Franzl mit keinem unzumutbaren Risiko. Meiner Erfahrung nach können Kinder in kurzer Zeit erstaunlich viel nachlernen, wenn es den Eltern, also Ihnen gelingt, in bei seinem Lernen zu begleiten ohne zu drängen. Sie wissen ja, daß gerade kleine Kinder eine gesunde Portion von Oppositionellem Verhalten und Trotz in sich haben, und dies soll nicht geknickt sondern nur umlistet werden! Bitte geben Sie meine Email Adresse auch Ihrem Kinderarzt, so daß er sich sehr gern, falls er medizinische Rückfragen hat, mit mir kurzfristig in Verbindung setzen kann. Grüsse und viel Glück! MDS
An marguerite.dunitz@klinikum-graz.at:
Betrifft: Ein Wunder!
Liebe Frau Dunitz! Ich hoffe, Sie sind nicht beunruhigt gewesen, daß wir uns seit über 1 Woche nicht gemeldet haben; wir haben mit Hilfe unseres Kinderarztes Ihren Rat befolgt und als hätte Franzl etwas gespürt, ist er viel lockerer und zugänglicher geworden. Natürlich haben wir auch Einiges kapiert und helfen uns gegenseitig, nicht in die alten und stressigen Fütterungsmuster zurückzufallen und machen jetzt wirklich viel weniger Druck! Anbei finden sie die Gewichtskurve seit 2 Wochen in einer Exxeldatei! Unser Kinderarzt scheint keineswegs beunruhigt und macht uns Mut, dass wir es so schaffen könnten.
Was meinen Sie dazu?
An: hannes.meier@netline.de
Betrifft: Gratuliere Ihnen Allen!
Liebe Herr und Frau Meier, lieber Franzl!!
Finde die Nachrichten toll und bin durch ihre Beschreibungen und den Verlauf ganz sicher, dass das gut ausgehen wird! Genießen sie die neue Situation! Falls es doch - was ich aber nicht glaube - in den nächsten Monaten wieder schwieriger werden sollte, melden Sie sich bitte gleich und warten Sie nicht, bis wieder alle in Angst und Panik sind. Sicherheit gehört gehegt und gepflegt! Falls Sie Ihre Erfahrungen an andere Eltern weitergeben möchten, stehen Ihnen verschiedene Eltern Foren im Internet zur Verfügung.
Anbei eine Linkliste und vorerst "Aufwiedermailen" und Alles Gute!! Ihre MDS
An marguerite.dunitz@klinikum-graz.at:
Betrifft: Spät aber doch!
Liebe Frau Professor! Anbei ein Bild unseres Franzl`s; sie werden ihn wahrscheinlich kaum wieder erkennen; er ist nun fast so "dick und rund" wie alle gesunden Kinder, mit denen er spielt und lacht fast den ganzen Tag. Er ist wirklich so ein Sonnenschein geworden, seit er die Ernährungssonde nicht mehr braucht und wir können es noch immer kaum glauben, das wir das zusammen geschafft haben. Als kleines Dankeschön haben wir uns erlaubt eine Spende auf das Konto des Vereins zur Förderung der Seelischen Gesundheit in der frühen Kindheit zu überweisen und möchten uns nochmals für die große Hilfe bedanken! Wir wünschen Ihnen und Ihrer Familie auch alles Gute für die bevorstehenden Feiertage und verbleiben mit herzlichen und dankbaren grüssen: Franzl, Heidi und Dieter Meier!
In diesem kleinen Beispiel wird Verschiedenes ersichtlich. Jeder Leser liest wahrscheinlich Unterschiedliches heraus, jeder Leser würde den Dialog mit der Familie unterschiedlich führen. Wie bei einem Briefwechsel ist das Medium recht persönlich und nicht wenig detailliert, fast möchte man sagen intim. Dadurch entsteht sehr rasch viel Nähe und, wenn`s eben "von der Chemie her stimmt" eine gute und lockere Kommunikationsatmosphäre. Die Jugend hat dafür den Ausdruck "cool", der schwer zu übersetzen ist. Das spezifische und neue an der Internet Kommunikation ist also die relative Unkompliziertheit, ihre Niederschwelligkeit, deshalb ist die Kosten - Nutzen Relation günstig.
Das zitierte Beispiel hat auf beiden Seiten nur wenige Minuten der Kontaktaufnahme gekostet, man bemüht sich im Internet auf kurze und prägnante Botschaften; es ist kein Medium für Romane. Die Eltern lernen sehr rasch, wie früher beim Telegramm schreiben, sich auf das für sie Wesentliche zu beschränken, in einer realen Gesprächssituation würde ein Erstkontakt bei einem solchen oder ähnlichen Problem unter einer Stunde undenkbar sein! Das Beispiel zeigt auch auf, daß Selbstorganisationsfördernde Interventionen ohne Risiko angeboten werden können (Infomaterial, Gespräch mit Kinderarzt vor Ort, Aufforderung zu wünschen und träumen und Neues auszuprobieren) und der Klient Zeit und Gelegenheit hat, damit autonom seine eigenen Ziele zu erproben. Aber er bracht den Schutz und die Sicherheit, eben die Bindung des Netzes im Hintergrund!
Die vernetzte Kommunikation kann auch sehr rasch aufzeigen, wenn`s "nicht stimmt". Und sie läßt auch ohne großes beidseitiges Risiko einen Rückzug aus einem begonnenen Kontakt zu, wenn einer oder beide Kommunikationspartner einfach ein seltsames Gefühl haben und nicht weiter mailen wollen. Dies geht hier sehr einfach und unkompliziert; anders als z.B. wenn ein Brief geschrieben wird und die Erwartung einer Antwort fast verpflichtend ist. Menschen mit sehr zwanghaften Persönlichkeiten oder einem ausgeprägten Kontrollbedürfnis tun sich da schwerer, auch Menschen mit unsicher - vermeidenden Bindungsstrukturen können das Internet als Medium nicht so leicht nutzen, das es ihnen schwer fällt, ihre Bedürfnisse prompt, klar und deutlich wahrzunehmen und zu äußern! Andererseits ist es auch ein Medium, in welchem gefahrlos geübt werden kann. Ähnlich einer Reise ist eine vollkommen neue Kultur ohne Möglichkeit der vertrauten verbalen muß im Internet effizient, minimalistisch, experimentell und sparsam kommuniziert werden.
Die Zeiten des unmündigen und nur hilflosen Patienten oder Klienten sind vorbei; nicht zuletzt durch den zensurlosen Zugriff auf Informationen aller Arten sind unsere Klienten heute deutlich besser vorbereitet und stellen durchaus realistische und klare Anforderungen an den Helfer.
Das sich anbinden können an ein weltumspannendes Informations- und Kommunikationsnetz verbindet Menschen neu miteinander; der Beginn von später realen Liebesbeziehungen durch das Internet ist keine Seltenheit, die Schwelle von der virtuellen zur realen Welt wird jedoch durch das Medium selbst nicht kleiner. Insofern kann und soll das Internet nicht notwendige Bindungserlebnisse, besonders bei Kindern, ersetzen.
Das Internet kann als Erweiterung unserer technischen Möglichkeiten bei kritischer Reflexion seiner möglichen Nebenwirkungen auf heranwachsende Kinder und Jugendlichen gewertschätzt werden. Reale Bindungserlebnisse und Erfahrungen können jedoch nicht ersetzt werden. Dies sollte als Schwäche und als Stärke des Mediums zugleich gesehen werden.
Weiteres Informationsmaterial über psychologische und medizinische Inhalte finden Sie unter
www.gaimh.de und
www.docs4you.at