Sozialdaten:Dr. Dunitz-Scheer, geb.1955 in Bethesada, USA, leitet gemeinsam mit ihrem mann Dr.Scheer als habilitierte Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde und Psychotherapeutin die Station für Psychosomatik und Psychotherapie an der Universitätsklinik für Kinder und Jugendheilkunde in Graz.
Seit 20 jahren lebt sie selbst in einer Patchworkfamilie. Das Ärztepaar hat acht Kinder (zwei von ihm, drei von ihr und drei gemeinsam).
Zusätzlich umfasst ihr Aufgabengebiet eine Vortrags- und Lehrtätigkeit sowie die Organisation vieler nationaler und internationaler Kongresse und Fachtagungen und interdisziplinärer Fortbildungen.
Ja, also gut zur Frage dann zum Konfliktpotential zu so einer Familie.
Ob es ein Konfliktpotential gibt?
Ja also es gibt kein Erhöhtes? Ist da irgendwas nachgewiesen?
Also es gibt in dem Bereich noch sehr wenig ernst zu nehmende Literatur. Es gibt gar keine prospektive Literatur. In der Forschung unterscheidet man zwischen retrospektiven und prospektiven Analysen; retrospektiv heißt du nimmst tausend Familien und schaust wie sie sich in den letzten zwanzig Jahren entwickelt haben, prospektiv heisst du nimmst tausend Neugeborene und schaust in den kommenden zwanzig Jahren wie sich ihre Familien entwickeln weden. Prospektiv gibt's zu diesem Thema keine Literatur, retrospektiv muss man sagen ist die Literatur sehr von Wertungen überlastet. Es gibt eine Fülle amerikanischer Literatur aus Ländern in welchen das gemeinsame Sorgerecht viel selbstverständlicher ist - das ist eher der angloamerikanische Raum - die "beweist, dass Kinder aus Kinder aus Familien deren Eltern sich im Lauf ihrer Kinderheit getrennt haben, in keiner Weise schlechter da stehen als Kinder aus sogenannten "intakten" Familien, sogar für manches besser gewappnet sind. Hier zeigen die Studien, dass teilweise die Kinder konfliktsensibler sind, also kompetenter und besser mit Konflikten umgehen können und früher reife selbständige junge Erwachsene sind. Dann gibt es nahezu ebenso viele aus der Psycho-Literatur, die von Träumen reden ja die also tausend Kinder gefragt haben, was war das Schlimmste in eurem Leben und bei einem Drittel oder was ist rausgekommen, dass es die Trennung der Eltern war. Insofern kann man sagen, die Literatur hilft da sehr wenig, weil du findest Forscher, die wollten beweisen, es macht nichts aus und man findet Forscher, die haben von Anfang an den Traumafaktor in den Vordergrund gestellt und insofern ist die Literatur da auch keine Hilfe. Was wir jetzt hier also für Österreich sagen , - damit hab ich mich beschäftigt - also in Österreich kann man sagen, dass in den letzten zwanzig Jahren das Phänomen Kind und Familienstruktur ganz gut studiert worden ist. Man muss aber unterscheiden zwischen einem Kind in einer akuten Trennungssituation und zweitens einem Kind nach Trennung in der Übergangsphase und einem Kind in der neu gewachsenen Patchworkfamilie. Das sind drei verschiedene Existenzzustände von Kindern und man kann nicht von vorneherein sagen, Patchwork ist gleich das andere und natürlich muss man sagen, Kinder in akuten Trennungssituationen geht es in der Regel grauenvoll. Das wird wahnsinnig heruntergespielt; es geht ihnen furchtbar, es geht ihnen dreckig, niemand redet mit ihnen, niemand weiß wie es weitergeht, das Kind traut sich keine Fragen zu stellen. Es ist existenziell verunsichert, ohne das ansprechen zu können. Wenn es so verunsichert ist durch etwas was man bereden kann, wie die Großmutter liegt im Sterben oder der Papa hat ein Karzinom, dann wird drüber geredet, auch wenn es nicht immer leicht ist. Aber beim Thema Trennung hat man das Problem, dass es ein Tabu berührt, dass niemand redet und diese Situation wird dramatisch unterschätzt. Es geht diesen Kindern ganz schlecht und man muss annehmen, dass in jeder Schulklasse gerade zwei oder drei Schüler zuhause ihre Eltern in einer wirklich belastenden akuten oder chronischen Partnerschaftskrise haben und das ist furchtbar für Kinder. Wenn das alles vorbei ist, wenn der Bruch geschehen ist, also nach der Trennung erlebt man eine unmittelbare Entlastung, ja sogar Kinder, bei welchen der Papa vor zwei Wochen ausgezogen ist oder die Mama ist vor zwei Wochen ausgezogen. Hier ist die erste Phase nach dieser schweren Lähmungsphase eindeutig fast immer eine große Entlastung. Sie können aufatmen und richten sich neu ein. Da kommt dann meist so eine Phase: das Zimmer wird umgestellt oder Wohnungswechsel; so quasi es gibt dann reale Aufgaben, die das Kind beschäftigen, wo man Möbel aussucht, Kinderzimmer neu einrichtet und so weiter, da geht's den Kindern eindeutig besser und dann ist Patchwork also ein möglicher Folgezustand nach der Trennung, die sogar oft als aufregend und positiv erlebt wird, da sich auch alle beteiligten Erwachsenen sehr Mühe geben. Nun kommt es darauf an, wie das Gleichgewicht zwischen mein Elternteil ist beschäftigt mit der neuen Beziehung und wie viel Valenzen hat er/sie für mich frei, verläuft. Diese Gleichgewichte sind sehr labil; wenn es eine Mutter schafft zwischen ihrer neuen Verliebtheit und ihrer Aufgabe als Mutter gut ein Gleichgewicht zu haben, dann kann man sagen, werden Kinder mit erstaunlich wilden Neuerungen locker fertig! wenn sie sagt, o.k. ich bin jetzt am Wochenende immer weg und ihr seid beim Papa, aber dafür gehen wir einmal in der Woche, da mach ich einen Tag nur für dich und am Nachmittag gehen wir ins Kino ... Also, wenn sie das kompensieren kann, dann können die Kinder auch etwas gewinnen und dann kann man sagen, dass Kinder grundsätzlich neue Dinge schon interessant finden; ja die sind sicher nicht abgeneigt, Neues kennen zu lernen und wenn durch das Neue auch für sie was drinnen ist - also ganz egoistisch - ist es überhaupt kein Problem. Wenn aber die Mutter oder der Papa praktisch vor lauter Liebesrausch vergisst, dass übrigens auch noch zwei, drei Kinder da sind, fühlen sich die Kinder natürlich verunsichert, vernachlässigt. Insofern würde ich unglaublich aufpassen, generelle Aussagen zu machen. Ich finde so wie wir nicht in der Medizin sagen können, Blinddarm ist etwas Harmloses für die Leute, nach drei tagen sind sie wieder zurück im Job: Es gibt Leute, die am Blinddarm sterben und es gibt Leute, die am Blinddarm zwei Jahre laborieren, aber Gott sei dank für die meisten ist es nach zwei Wochen fertig und manche gehen am dritten Tag aus dem Spital, als wäre gar nichts gewesen: Insofern kann man nicht über eine Sache ein allgemeines Urteil machen.
Ist also demnach die Eltern-Kind-Beziehung sehr wichtig?Ja, die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung und ihre gelebte Quantität und Qualität steht sicher im Vordergrund. Wenn das Kind einfach weiß, wenn die Mutter ihm zuflüstert "ich bin so schwer verliebt, ich liebe dich, aber ich muss jetzt mit dem Typen abhauen! Sei mir nicht böse, aber diese Woche wird's nix mit unserem Nachmittag", dann ist das immer noch leichter für das Kind als wenn es gar keine Zeit mit dem Elternteil hat: Also Qualität und Quanität hängen zusammen. Die Qualität der erlebten Beziehungsatmosphäre steht siche rim Vordergrund, aber wenn die Quanität zu wenig wird, geht's auch nicht! Dabei muss man sagen, dass Eltern die Balance zwischen Partnerschaftsverpflichtung und Elternschaftsverpflichtung sehr unterschiedlich bewusst wahr nehmen. Man Mütter schaffen es überhaupt nicht, mit einem neuen Mann zusammen zu kommen vor lauter Muttertierbeschäftigungen. Das kann ich doch meinem Kind nicht zumuten und um Gottes Willen usw.... Im Gegensatz dazu sagen andere; "jetzt bin ich zum ersten Mal im Leben wirklich verliebt; mit 18 hab ich ja gar nicht gewusst, was das ist und jetzt will ich es voll geniessen" und vergessen praktisch die Mutterschaft! Man kann grundsätzlich sagen, in einer Station wie unserer an der Kinderklinik, die sich mit den verschiedensten psychischen Reaktionen von Kindern beschäftigt, haben wir nicht mehr Kinder aus rekonstruierten Familien wie aus intakten und bei den psychosomatisch klassischen Erkrankungen wie Essstörungen haben wir eindeutig mehr Kinder aus so genannten intakten Familien. Oftmals aus dieser Lähmungsphase, in welcher sozusagen jahrelang nicht mehr miteinander gesprochen wird und so ein chronischer Spannungszustand belastet das Kind sehr. Wenn alles expansiver abläuft, mit Streit und Szenen ist es mehr auf die Oberfläche getragen; du kannst es ansprechen. Aber wenn Eltern einen sogenannten unaussprechbaren Konflikt haben, somatisieren die Kinder mehr, das kann man in der Psychosomatik schon sagen, also insofern haben wir, wenn man zum Beispiel Kinder mit Magersucht nimmt, häufiger solche Kinder aus so genannten intakten Familien. Ein Kind in einer akuten Trennung oder Patchwork tobt eher ab; das kriegt keine Anorexie, sondern es wird eher auf der Verhaltensebene ausgelebt oder Schulverweigerung oder Konzentrationsstörung. All diese Möglichkeiten nützt es eher, aber es somatisiert eher nicht.
Hat das Leben in der Teilfamilie auch Auswirkungen auf die Bildung der neuen Familie, also wenn die Mutter in der akuten Phase gleich mit einen neuen Partner kommt, würd's dann mehr Schwierigkeiten geben?
Na, ja, man kann sagen, es gibt ja Familien in einer Krise, die sich trennen und im Abstand von drei Monaten entsteht etwas Neues. Die Erwachsenen in einer ehelichenKrise trennen sich erst, wenn einer von beiden Krisenpartnern etwas Neues hat. Die meisten Paare brauchen einen Aussenauslöser um die Trennungsenergie aufzubringen. Es kriselt schon ewig, aber jetzt habe ich jemand Neuen kennen gelernt und jetzt mach ich einfach den Schritt und insofern kann man sagen, dass sehr viele Kinder relativ überrascht sind wenn der Schritt passiert. Manchmal verschweigt die Mutter oder der Vater, dass sie/er einen neuen FreundIn hat noch monatelang, aber im Prinzip wissen die Kinder implizit bescheid. Je früher die Kinder den neuen Partner real checken, desto leichter für sie. Ganz schwierig ist es für die Kinder, wenn ein Elternteil geht und der andere, meist die Mutter bleibt mit den Kindern "zurück". Wenn diese Phase lang dauert ist es sehr schwer, besonders wenn es nur ein Kind ist. Am schwierigsten ist es meist für allein erziehende Mütter mit einem Sohn; der Sohn hat dann die Position des Partnerersatzes; oft liegt er auch durchaus wieder bei der Mama im Ehebett, man kuschelt, man hat viel Zeit miteinander und dann kommt der Neue. Das ist oftmals eine Katastrophe; es ist ganz schwer! Es ist leichter für die Kinder, obwohl sie sich äürgern, wenn der Neue frühzeitig sichtbar ist und man sich an ihm reiben kann; man kann sagen "so ein Trottel, was darf der bei uns im Badezimmer die Zähne putzen, soll er's doch bei sich machen!" Es ist viel leichter, wenn die Kinder das ausleben können als wenn die Zwischenphase mit einem Elternteil alleine zu lange dauert. Weil dann gewöhnen sich die Kinder an diese Ausschließlichkeit des einen Elternteils, das aufzugeben ist danach viel schwerer.
Gibt es neue Kompetenzen die in erweiterten Familiensystemen erworben werden können?Ja, eindeutig! Du musst viel flexibler sein; wie soll man sagen, die neue Situation erfordert mehr Flexibilität und Kreativität. Eine klassisch entstandene Familie entsteht prozesshaft: man liebt sich, man wird schwanger, man kauft ein Häusl, man kauft eine Wohnung, man kauft ein Kinderzimmer, man wird wieder schwanger, man kauft ein zweites Kinderzimmer... Das ist so ein Prozess; dabei entsteht einmal die Familie klassisch: kleines Häuschen mit Papa, Mama, Bub und Mädl und dann wächst dieses System ins Kindergartenalter, dann ins Schulalter und so weiter ....! Alles ist immer sozusagen der Entwicklung des Systems angepasst; die Entwicklung des Kindes bewirkt den nächsten Entwicklungsschritt der Familie in der klassischen Kleinfamilie. Hier im Patchwork ist jetzt alles übern Haufen geworfen; plötzlich sind noch zwei Kinder da, plötzlich ist ein Vater da, der dich jedes zweite Wochenende holt, plötzlich ist ein Freund da, der jedes zweite Wochenende seine Kinder holt; es ist die Situation viel ungeplanter und herausfordernder und verlangt Lösungen für ungeplante Dinge. Was machen wir am Geburtstag, ganz banale Frage: Laden wir jetzt beide Väter ein? Den Neuen und den Altern? Laden wir die neue Frau meines geschiedenen Mannes ein? Jeder Termin ist - egal ob Matura oder Weihnachten oder Geburtstag oder Prüfung - eine an sich ungeklärte Herausforderung; wer holt mich ab vom Flugplatz, wenn soll ich fragen? Kränkt es die Mama wenn jetzt den Papa frag ob er mich holt? Alles ist nicht selbstverständlich und verlangt vom Kind auch viel mehr Eigenregie! Wenn zum Beispiel ein Kind dann sagt: "Ok mein 18. Geburtstag kommt; ich weiß, meine Eltern sind nicht so gut aufeinander zu sprechen, aber ich hab's in meiner Macht zu sagen, ich wünsch mir zum Geburtstag, dass ihr beide mit mir ins Kaffeehaus geht oder essen geht" dann ist das wichtig und toll für das Kind. Das Kind verlangt viel früher Eigenstrategiekompetenz. Ein Kind in einer normalen Mami-Papi-Situation würde viel eher kapitulieren und sagen, "ok ich leg mich auf den Rücken und schau, was die tun". Es ist also oft viel passiver. In einer Patchworkfamilie müssen die Kinder aktiver um ihre Dinge kämpfen und müssen selbst Äußerungen machen und aktiver Lösungen selbst vorschlagen.
Das wären dann auchgleich die neuen Herausforderungen solcher Familien? Absolut und zwar aus meiner Sicht sehr gesunde! Ich finde, dass unsere Gesellschaft ein sehr egoistisches verwöhntes Modell für die Kinder bietet. Mein Kinderzimmer, da lass ich niemand rein, meine Spielsachen, mein Bettzeug. Es gibt viele Kindern ein Gefühl von Selbstverständlichkeit, die passiv erlangt wird und in einer Patchworksituation bist du viel weniger fix; mehr wie auf Urlaub, wie soll man sagen sozusagen in einer unerwarteten neuen Situation. Du fährst auf Urlaub, kommst in ein neues Urlaubsquartier und sagst wie teilen wir die Zimmer ein? Wer schläft wo? Puh, da wird mal gestritten eine Stunde lang und dann wird eine Lösung gefunden: das ist das klassische bei Patchwork, dass du ununterbrochen improvisieren musst; wie viel sind heut zum Essen da? Oh je, wir haben nicht zehn grosse Teller, wer nimmt den kleinen Teller? Ununterbrochen musst du adaptieren auf unerwartete Situationen für die man nicht gerüstet ist weil niemand baut ein Haus oder hat ein Haus mit sechs Kinderzimmern, das kannst du vergessen! Das heißt, man muss von vorneherein Kompromisse beim Tisch, Kompromisse beim Schlafen, Kompromisse im Badezimmer machen! Ein Einzelkind hat ein Badezimmer und verbringt dort meistens in der Früh eine ganze Stunde drin; aber mach das mal mit vier bis acht Kindern, das geht nicht! Da hab ich die Erfahrung gemacht, dass man eher Patchworkfamilien mit Großfamiliensystemen gleichsetzen kann. Wenn du anschaust, eine Familie mit sechs, sieben, acht Kindern auch wenn die Kinder primär zusammen sind hat viel mehr patchworkähnliche Strukturen, einfach weil wenn acht Kinder da sind und einer bringt drei Freunde und einer hat auch noch Besuch, dann hat man schnell mal eine Situation mit zwölf bis fünfzehn jungen Leuten im Raum und insofern muss man aufpassen, dass man nicht Patchwork als Ursache von Problemen definiert nimmt, sondern die objektive Größe des Systems. Man kann natürlkich sagen, dass ein zweier-dreier-vierer System - wenn du es jetzt als System anschaust mit wie die Familientherapeuten ihre Kreuzeln machen und wer ist mit wem in Beziehung und so weiter - das geht irgendwie noch bis vier und ab vier wird es einfach tüchtig kompliziert und alles was größer ist als vier fängt an eine Eigendynamik eines Großsystems zu haben und genau das haben wir normalerweise bei Patchwork. Wobei bei einer Sechskinderfamilie oder Achtkinderfamilie es sozusagen so und bei einer Patchwork ist es mehr so das typische. Zum Beispiel unsere Familie finde ich seltsam Patchwork zu nennen, weil wir beide neue Eltern sind nun auch schon seit zwanzig Jahren zusammen. Wenn sie eine Dame treffen und die ist zwanzig Jahre verheiratet redet man nicht von Patchwork, da sagt man, ok das ist einfach ihre Familie, aber trotzdem ist dieses "es war einmal ein anderes System, und es gab einen Wechsel und die Strukturen des Wechsels, nämlich zum Beispiel meine drei großen Kinder un deren Papa sind einfach Teil des Lebens" und erinnern ständig durch ihr Dasein, dass es schon vorher zwei Familien waren. Meine drei großen Kinder haben die Trennung früh in ihrem Leben mitbekommen; die waren acht, sechs und drei Jahre alt, die Jüngste hat gar nie was anderes erlebt als eigentlich zwei Papas zu haben; eine MamaPapa und einen echten Papa; sie ist eigentlich mit zwei Mändern groß geworden und ist das normalste Kind der Welt! Sie hat auch keine psychische Verwirrung dadurch, das war immer schon so, der Papa hat immer schon eine neue Frau gehabt (ihre Stiefmutter) und die Mama hat immer schon einen neuen Mann gehabt (ihren Stiefvater). Sie hat sozusagen zwei Eltern und zwei Stiefeltern. Meine Älteste hat schon den Wechsel erlebt, sie hat dann in der Pubertät mit ihrem Papa mal eine kurze schwierige Phase, aber das hätte es vielleicht auch gegeben, wenn wir noch zusammen gewesen wären: Eine schwierige Pubertät als Alteste ist sowieso wahrscheinlicher, insofern soll man da keine kausalen Schlüsse zu ziehen versuchen; mein Sohn hat wahrscheinlich am meisten gelitten unter der Kränkung des Vaters; als Sohn so quasi mein Vater wurde für einen Anderen verlassen. Man sollte also genau darauf schauen, in welchem Alter trifft der Wechsel die Kinder: das ist ganz unterschiedlich, wenn es immer schon so war, wie bei einem zwei- bis dreijährigen Kind und alle sind nett zum Kind, dann ist es einfach so; dann ist es einfach so, ich bin auf die Welt kommen und meine Geschwister waren immer schon da oder ich bin auf die Welt gekommen und ide ersten zehn Jahre war niemand da; aber man muss da sehr schauen, in welchem Entwicklungsalter trifft der Wechsel das Kind und welches Zusatzsystem ist da um das Kind auch zu schützen. Geschwister: bei meinen Drei war das große Glück, sie waren zu dritt, waren drei, sie haben sich immer als Gruppe gehabt, was immer wir aufgeführt haben, die drei waren eine Gruppe. Die Anna hat ihre zwei kleinen Geschwister immer beschützt, sie war da, sie konnt reden über uns; das ist ganz anders als wenn das ein Einzelkind ist und insofern muss man immer sagen, die Noxen also die Veränderungsenergie, ist ein Faktor aber das Ressourcensystem ist das zweite! Wenn du supertolle Großeltern hast, die sagen Kinder, ihr könnts jederzeit zu uns kommen und die in der selben Stadt leben, das ist natürlich ganz was anderes oder nachbarn oder oder die besten Freunde oder die Patentante .... Wenn es einfach ein System gibt, wo das Kindern abfedern kann, wenn es Hilfe braucht ist es 100 zu eins, als wen dieses System nicht da ist! Diesbezüglich sind Familien sehr unterschiedlich, es gibt Familien die sind einfach in einem Großfamiliennetz eingebetet, wo dann andere auch einspringen, die laden dann das Kind mehr ein und nehmen es auch mal mit ein Wochenende oder sogar eine Ferienwoche und sagen "komm, die Mama ist jetzt mit dem Neuen unterwegs, die Ferien verbringst du jetzt eher mit uns und mit deinen Cousins" da hat das Kind schönsten Sommer. Kinder sind da durchaus egoistisch, sie sehen, was sie dadurch profitieren können und denken sich vielleicht so was wie: "Ja, bei dem Spinnen was meine Großen tun, da hab ich sowie keinen Einfluss" also mach ich das Beste draus! Was ich merke bei meinen eigenen Kindern und bei etlichen Kindern, die ich näher kennen gelernt habe nach der Trennung ist, dass das Phänomen Beziehung für sie viel, viel bewusster ein zu pflegendes Konstrukt geworden ist. Im Gegensatz zu wenn das einfach selbstverständlich Eltern und ein Paar sind. Normalerweise wachsen Kinder auf und sagen, na klar sind meine Eltern zusammen, na klar, die werden sich schon gern haben, alles andere will ich gar nicht wissen. Sie denken nicht darüber nach und sind nicht dafür gerüstet, die vielleicht hinter der Türe stattfindenden Konflike zu erkennen und sobald es Trennung ibt wird geschrieen und gestritten und einander Vorwürfe gemacht und die Kinder kriegen das mit und leiden sehr. Unsere fünf großen studierenden Kinder sind alle sehr beziehungsbewusste junge Menschen. Als ich in dem Alter war wie sie, war mir das keineswegs so bewusst wie ihnen, das nämlich Beziehung etwas ist, das du pflegen musst, wo du auch Konflikte haben darfst und musst wo es sogar gut ist, wenn diese Konflikte früh sichtbar werden, weil du dich damit auseinandersetzen kannst. Viele Patchworkkinder haben 'eltern, die sehr früh Eltern wurden, deren eigene Beziehungsentstehung also eher zwischen zwanzig und fünfundzwanzig stattgefunden hat, dann schief gegangen ist, dass heißt, die Eltern eher noch unreif waren. Die meisten Patchworkeltern sind mindestens zehn Jahre älter und das ist natürlich auch ein Unterschied in der Reife, die man entwickelt mit einer Situation umzugehen. Mit Zwanzig ist man einfach anders als mit Dreißig, mit Fünfundzwanzig anders als mit Fünfunddreißig und insofern kriegen die Kinder mehr Mündigkeit, mehr Autonomie mit und sind sehr oft reifer in einem jüngeren Alter. Vor allem reifer in ihrer Einstellung zu Beziehungen, sie sind reifer, selbstbewusster, sie checken viel mehr, sie trauen sich auch mehr sie sagen: "'Also der Typ geht mir irrsinnig auf den Keks, also wenn ich das nicht sagen kann, dann kann er mir gleich gestohlen bleiben." Das sagt man mit achtzehn eher selten, wenn man frisch verliebt ist und das Gefühl hat, wenn ich dem ein einziges Wort sage, dann geht er! Sie sind sozusagen reifer, mutiger und realistischer und das find ich einen Vorteil. Die Statistik wird erst zeigen, ob die ungeheure Trennungsrate, die wir jetzt erleben bei sehr niederer Kindergeburtenrate in zwanzig wieder stabilere längere Beziehungen entstehen lassen wird und ob die nächste Generation eher wieder konservativer und langlebiger in ihrer Paar-Beziehungen wird oder nicht.
Wie funktioniert denn allgemein die Rollenverteilung in so einem Familiensystem?
Das kommt ganz auf die Persönlichkeit der beteiligten Erwachsenen an; also es gibt ja Familien, wo der Papa der klassische Workaholic ist und die Mama das Hausmütterchen und alles läuft traditionell ab und es gibt Familien, wo es genau umgekehrt ist: der Papa kocht, die Mama ist die Sportlerin und düst herum und organisiert alles und insofern ist vielmehr die Persönlichkeit der beteiligten Erwachsenen massgebend.
Spielt dann demnach auch die Persönlichkeit der Kinder im Umgang mit dem neuen elternteil eine Rolle?
Sicher ist seine Persönlichkeit und seine Kommunikationskompetenz gefordert; also hat ein Kind gelernt und ist es alt genug, dass es für sich denken kann, für sich organisieren kann. Die Gefahr der klassischen primären Familien ist die Überprotektion und die das Kind zu sehr unter einen Glassturz stellen. Wenn wir hier unsere Patienten anschauen, da haben wir immer wieder Kinder die mit vierzehn so sind wie man eigentlich mir vier sein sollte, also vollkommen bindungsverstrickte und eher selbstunsichere Kinder: ich stell dem Kind eine Frage, es schaut seine Mutter an und die Mutter antwortet: Das würde ein Kind in einer Patchworkfamilie fast nie tun: das ist viel früher in die raue Welt, in den Wind gestellt worden und musste lernen zu sagen es will, weil sonst kannst nicht überleben, weil wenn ich nicht schrei, ich will mein Bett aber behalten und ich will aber nicht mit jemand teilen, dann organisieren die Anderen alles und dann komme ich unter die Räder! Das finde ich eine ganz gesunde Lebensschule: ich find in unserer Gesellschaft kommt das oft zu kurz: hier ist nicht nur zuviel Ernährung da, sondern auch Übersättigung an materiellen Gütern und ich finde das Kinder drunter leiden, dass Kinder im transkulturellen Vergleich sehr unselbständig und unreif sind. Viele 15jährige hier können nicht selber ihr Bett machen, ihr T-Shirt waschen, sie können sich kein Spiegelei machen! Es ist erschütternd und das ist die Überverwöhnung, das ist die materialistisch übersättigte Jugend und darum müssen Kinder in Patchworkfamilien sich früher auf die Beine stellen. Sie müssen auch öfter zum Beispiel auf ihre kleinen Geschwister schauen, am Wochenende selber zum Papa reisen, weil der jetzt dort ist , also vielmehr Herausforderungen erleben die eigentlich entwicklungsfördernd. Man muss sagen, dass Patchwork ein Phänomen ist - auch so wie Magersucht ein Phänomen ist der überernährten Gesellschaft ist - Patchwork ist ein Phänomen der materiell genug gesättigten Gesellschaft. Je ärmer die Länder, desto weniger Trennungen, ja das ist einfach so. Um aus einer Einfamilie zwei neue Familien entstehen zu lassen, müssen die materiellen Möglichkeiten da sein und es kostet einfach mehr. Du musst manche Dinge doppelt kaufen, die Kinder haben aber meistens auch doppelt soviel Urlaub, was zum Beispiel auch wieder für sie positiv ist. Das haben unsere zum Beispiel irrsinnig geschätzt, dass ein zehnwöchiger Sommer plötzlich eine Mamahälfte und eine Papahälfte plötzlich gehabt hat und mit beiden hat man wirklich was Schönes gemacht. Früher hatten wir miteinander nur die Hälfte mit Urlaub gefüllt und die Kinder haben dadurch sozusagen Sekundärprofite. Oder mit beiden wird Geburtstag gefeiert kannst sagen, des ist ein Trauma das ich nicht an meinem Geburtstag beide Eltern am Tisch hab, aber kannst auch sagen des ist super, weil ich hab einen Mamageburtstag und einen Papageburtstag, jetzt also es hat durchaus Vor- und Nachteile!
Gibt es Schwierigkeiten die in jeder Familie auftreten können oder ist es von Familie zu Familie unterschiedlich?
Das ist sehr unterschiedlich! Der typische, der klassische Patchfamilienkonflikt ist: wie integriere ich einen neuen Menschen der Anspruch erhebt auf Erziehung und wenn sie unser Buch gelesen haben und es soweit verstanden haben bin ich und mein Mann ganz stark der Meinung, dass Blutsbande immer stärker sind, nämlich die biologische Elternschaft gegenüber Steifelternschaft völlig unvergleichbar. Das Stiefkind hat immer - so wie das Adoptivkind und das Pflegekind - die Waffe „von dir lass ich mir nix sagen" immer in der Tasche! Kein kluger Erwachsener sollte sich auf dieses Glatteis begeben; in einer normalen, also in einer primären Familie, hat das Kind, wenn der Vater auf den Tisch haut, hat das Kind keine Ausweiche; es muss sich unterwerfen, weil es nichts anderes gibt. Das Patchworkkind weiß immer, ich kann sie im Notfall den Elternteil und den Stiefeltern gegeneinander ausspielen: Dann geh ich eben zur Mama ja also wenn du mir zu heavy kommst, oder drohst oder ungut wirst! Ich hab ja immer eine Ausweiche und das kann ein Kind als Machtmittel ausspielen und das ist dann saublöd für die Erwachsenen! Da fangen die Erwachsenen, an um ihr Kind zu werben, und damit das nicht geschieht ist es tunlichst zu vermeiden, sich als Stiefelter sich als Pseudoelter auf zuspielen. Ich hab das wirklich erlebt, wie die Kids ungefähr zwölf waren, zum Beispiel haben wir alle acht gehabt, also die beiden Töchter von meinem Mann haben damals in Wien gewohnt und waren halt viele Wochenenden und Urlaube bei uns und da war zum Beispiel das Kinderzimmer völlig chaotisch und ich habe gewusst, wenn ich jetzt sag „räumt’s das Kinderzimmer auf!" krieg ich eine blöde Antwort von den nicht-meinen Kindern! Dann sage ich zu meinen Dreien „räumt’s das Kinderzimmer auf!" Die sagen dann, warum sagst du es nicht auch Anna und Judith, die haben ihre Sachen doch auch überall rumliegen. Sag ich, von denen krieg ich sicher nur eine blöde Antwort. Dann machen die Kinder die ganze Sache unter sich aus; sagen dann, „aber deine Sachen räum ich nicht weg" und dann war’s natürlich den Zweien peinlich dass ihre drei Stiefgeschwister sozusagen den ganzen Dreck allein machen und sofort haben sie geholfen. Aber wenn ich von Anfang an sag ihr macht’s das gemeinsam jetzt; da hätten sie gesagt, das muss ich aber zuhaue nicht machen oder meine Mama die macht mein Bett für mich oder was auch immer. Das heißt du musst als Stiefelternteil strategischer denken und hast nicht den Bonus der natürlichen Autorität die Blutsbeziehung und ich finde das hat Vor- und Nachteile. Ich war zum Beispiel für meine beiden Stieftöchter eine echt coole Tante, ich war die, mit der man über Sexualität reden konnte, die die die Pille einem verschafft hat, ect. Ihre Mama lieben sie sehr, aber mich schätzen sie, weil wir eben so verschieden sind, da haben sie zwei ganz konträre Frauenmodelle. So mit zwölf dreizehn haben sie genau diese Unterschiedlichkeit irrsinnig genossen, zwei so verschiedene Frauen als Mutter und als Stiefmutter weil mit der einen hast das besprochen und erlebt und mit den anderen ganz was anderes. Meine beiden Stieftöchter sind jetzt 27 und 25 und ich bin wahrscheinlich fast die zweitwichtigste erwachsene Frau in ihrem Leben und ich habe viel Kontakt mit ihnen ich hab es ist einfach schön und anders als mit en eigenen beiden Töchtern. Ich maile und kommuniziere und telefoniere eigentlich mit allen vieren gleich viel wobei die Qualität der Beziehung sicher eine unterschiedliche bleibt. Meine Jüngere ist jetzt grad in Berlin und hat gerade eine Krise wegen den Studienplätzen und heult halt gestern ins Telefon und natürlich ist das eine andere Sache; sie ist mein Blut und das ist ein anderes Muttersein, eine Mamaschulter als wenn ich das für die Judith mach aber de facto fühle ich mich nicht als Stiefmutter sondern eher als Tante. Sie sind mir wichtig und ich bin ihnen wichtig aber das Wort Stiefmutter hat so a bissl an blöden touch, die nennen mich auch Stiefmutter sondern meistens meinen Namen oder große Mami. Die „number of indentification figures" ist einfach grösser, wenn du ein heranwachsender Bub bist und nur deinen Vater hast, hast du nur die Schiene; das ist mein Modell und das kann jetzt ein Problem sein bei einem übergroßen Vater zu folgen. Weil der ein top Manager ist und ein Superheld kann es sein, dass der Bub das Problem hat, den erreich ich nie, so toll wie mein Vater kann ich eh nie werden oder das pure Gegenteil; alles was ich im Leben will, ist sicher nicht so zu werden wie er ist! Grad bei Mädchen haben sie häufig in der Pubertät die Identifikation oder Antiidentifikation mit oder gegen die eigene Mutter; also wenn dreizehnjährige Mädels interviewt werden, die finden, entweder die Mama ist so das Allerletzte und alles nur nicht so wie die Mama ist! Oder sie ist einfach die coolste sie ist wie meine Freundin blabla bla …: Und genau das passiert auch mit Stiefeltern, aber du erhöhst die Anzahl der Modellfiguren, also du hast nicht nur den und die sondern du hast ein paar und meistens sind diese Eltern ja unterschiedlich und es erhöht einfach die Auswahl an Menschen, mit denen sich das Kind identifikatorisch auseinandersetzt kann. Ich find Probleme gibt’s nur mit Stiefeltern, die nicht verwinden können, dass der biologische Vater/Mutter die wichtigere Figur bleibt! Das find ich also auch eine Frage von Reife oder von Primitivität wenn der das nicht verwinden kann. Auch wenn oder obwohl der Vater seine Kinder nur drei mal im Jahr sieht trotzdem anzuerkennen, dass der biologische Vater die wichtigere Bindungsperson bleibt. Auch wenn er als Stiefvater die Kinder täglich in die Schule führt er , er trotzdem weniger zum Mitreden hat. Das muss man einfach akzeptieren, er muss akzeptieren, wenn ich eine Frau mit Kindern übernehme, dann bleibe ich bei den Kindern number two und wenn du das nicht bereit bist zu schlucken dann kannst oder sollst dich nicht drauf einlassen. Weil’s immer Probleme geben wird wenn man sich aufspielt, weil die Kinder können gar nicht so klein sein, das sie das nicht merken und kommen mit blöden Antworten
Das heißt das zu akzeptieren wäre eine Bewältigungsstrategie. Gibt es auch noch andere?
Und die Versöhnung mit der Vergangenheit des neuen Partners! Ich finde man muss akzeptieren, dass der Partner ein Vorleben hat, die seine erste Liebe seine erste Liebe bleibt und ich kann ihm nicht lebenslang vorwerfen, dass er ein Vorleben hatte, das ist einfach absurd, auch wenn eben gerade Kinder und ein Expartner auch da sind! Ich kann nicht, auch wenn ich noch so glücklich bin, eifersüchtig sein, dass er einmal vor zehn Jahren andere Frauen oder eben Männer hatte: Ich nenne das die Versöhnung mit der nicht Exklusivität! Das find ich schon sehr wichtig weil es eher unwahrscheinlich ist, dass man jemand trifft der noch nie mit einer anderen Frau gegangen ist. Das ist noch viel eher unwahrscheinlich mit Mitte Dreissig als mit Sechzehn und man kann sagen, ich will alles erfahren von deinen Vorbeziehungen und dann sich Eifersüchteleien züchten. Das ist einfach blöd, ich hab das Vorleben des neune Partners so zu akzeptieren, wie dass er wahrscheinlich Eltern hat mir denen ich mich werde auseinandersetzen müssen. Da kann ich auch mehr Glück haben oder weniger Glück haben und man soll sich schon sich selbst gegenüber vor allem sich selbst gegenüber seinen Vorbeziehungen nicht böse sein. Ich find auch das Leute nach Trennungen das Schöne bewahren sollen und nicht nur das Schwierige! Das finde ich auch für die Kinder, vielleicht bin ich da zu praktisch veranlagt, aber wenn aus einer Beziehung die zehn Jahre gedauert hat und zwei Jahre eine Krise hatte; wenn ich mir dann die acht guten Jahre bewahre ist es einfach für mich psychologisch gescheiter als wenn ich die zwei Krisenjahre als zentrales Thema bewahre! Aber das ist halt so wie die alte „a Glasl ist halb voll oder halb leer Lebenseinstellung"! Ich finde man tut sich selbst nichts Gutes immer nur das Negative zu bewahren und leider nach Trennung ist es häufig so, dass Menschen alle positiven Anteile die sie mit diesem Menschen geteilt haben und sogar ein Kind mit ihm bekommen oder mehrere einfach nicht zulassen und verdrängen, weil die Kränkung so groß ist, dass sie sich nicht eingestehen dürfen ich war eigentlich bei meiner ersten Hochzeit saumäßig verliebt und saumäßig glücklich es ist halt alles anders gelaufen als ich mir damals vorgestellt habe. Insofern ist es mehr eine Frage der Reife: ich begründe mein Glück und Unglück eher aus meinem eigenen „Verschulden" als aus dem des Anderen und ich bin mit meinem Exmann auch noch nach 20 Jahren ihm vertrauend, ich respektiere ihn, ich find ihn einen wunderbaren und großartigen Papa, ich find ihn als einen tollen Menschen. Unsere Liebesbeziehung hat das erste Jahrzehnt nicht überdauert aber ich schätz ihn nicht nur für meine Kinder in jeder erdenklichen Hinsicht enorm. Er ist sicher der Mensch, bei dem ich jederzeit mit ihm rechnen könnte und ich finde, wenn man das sich bewahren kann, dann hast du einen Freund gewonnen fürs Leben und es ist sozusagen ein Schicksal, dass man damit fertig werden dass die Ehe nicht lebenslang gehalten hat. Ich mach mir Vorwürfe, ich war zu jung, ich hab mit achtzehn mich verliebt uns war mit zwanzig verheiratet und das ist das Einzige was ich mir selbst vorwerfe und sicher nicht meinem ersten Mann. Viele Menschen können nur sich organisieren, wenn sei sich selbst als ok erklären und alle anderen für Trotteln. Ich bin dann das Opfer der widrigen Umstände! Es ist vielmehr eine Frage der Persönlichkeit zu sagen, ich bin der Täter meines Lebens und wenn ich Schwierigkeiten habe, hab dann bin ich wahrscheinlich selber mitbeteiligt und darum muss ich mich damit auseinandersetzen was für mich schwer ist und kann es nicht meinem Ex anhängen. Ich finde, man muss seinen eigenen Anteil an jeder Krise analysieren, ganz egal in welcher Lebensphase und muss irgendwie was draus lernen, das man sagt mit zwanzig als junger Mensch noch unreif ist. Manche haben das Glück in ihrem Leben ein bisserl zu lernen, wie viel können wir uns schon uns verändern!? Aber vielleicht können wir ein wenig älter werden und dabei ein wenig gütiger und vielleicht sogar ein wenig gescheiter und evt. sogar ein bisschen weniger impulsiv! Mein vierzehnjähriger Sohn hat gerade eine Freundin und es ist einfach verrückt wie heute das Alles früher läuft, alles ist erlaubt, alles ist o.k.; aber wie kann man mit Vierzehn ernsthaft schwer verliebt sein, wie kann das funktionieren? Das ist vielleicht das Problem unserer freien liberalen Kultur, dass die Leute nicht mehr bis fünfundzwanzig warten müssen sondern zu früh zuviel dürfen. Es hat ja wohl seinen Sinn, dass bei den meisten die Beziehung - die sich mit zwanzig kennen lernen – nicht ihre Lebensbeziehung sein wird. Dann würde ich davor warnen in einer Analyse von Patchworksystemen so zu tun, als wäre das ein modernes Phänomen, weil Patchwork ist eine der ältesten Familienstrukturen; ja in der Zeit vor der Antibiotikaerfindung vor 1950 waren Todesfälle von jungen Eltern Müttern im Kindbett sehr häufig und der Verlust eines Elterteils durch Tod war weit häufiger wie wir uns das heute vorstellen können sodass jemand verwitwet war mit dreißig und jemand anders also eine Witwe und ein Witwer sich zusammengetan haben und sie hat zwei Kinder und er drei mitgebracht war vor hundert Jahren ganz häufig. Was neu ist in den letzten fünfzig Jahren ist nicht so sehr die Auflösbarkeit der Ehe als die Option für Frauen die Möglichkeit zu sagen zu können, ich wähle eine Alternative wirtschaftlich und bildungsmäßig. Wart es noch früher selbstverständlich dass dein Mann dich wird erhalten können so war es nur bei vielleicht zwei Prozent bei den Aller Reichsten denkbar, eine Trennung zu finanzieren. Du behältst das Schloss, ich nehme das zweite Schloss! Das war ja nicht die Realität für die Grosszahl der Familien. Erst die Emanzipation der Frauen, die Bildung der Frauen hat die Basis geschaffen, dass heute eine Frau sagen kann, wenn es mir nicht passt, dann geh ich einfach, du kannst mich nicht einfach halten, du kannst nicht verhindern dass ich als Frau abhängig sein kann. Auch zu wissen, auch wenn er nicht zahlt, dann mach ich trotzdem den Schritt, ich bin nicht abhängig, ich habe die gleiche Möglichkeit mich zu erhalten wie er und das ist natürlich auch eine Infragestellung der Abhängigkeit.
Ich habe mir auch die Frage gestellt inwieweit die soziale Zugehörigkeit eine Rolle spielt
Sie meinen die Schicht?
Ja
Sicher hat das eine grosse Bedeutung.
Wahrscheinlich durch die Abhängigkeit wie sie gerade gesagt haben?
Ja das hängt sehr stark zusammen. Ich glaube, man weiß aus Hollywood, dass viel Geld in keiner weise immer beziehungsstützend ist, aber genug Geld haben, um zu trennen ermöglicht erst die Möglichkeit einer Trennung. Also, Geld ist eine Basis, wenn es zuviel ist, wird wieder wahnsinnig gestritten und da gibt’s offensichtlich ein Bereich, in dem die Erfahrung zeigt, dass Trennungen und anschliessende Neuorgansiationen von Familienstrukturen weicher und atraumatischer von statten gehen, wenn dafür genug Geld da ist, und wenn nicht über jede zusätzliche Ausgabe gestritten werden muss.
Das heißt andererseits auch wenn man das so sagen kann, dass sich durch die soziale Zugehörigkeit manche Problemfelder stärker und mancher weniger entwickeln können?
Ja sicher je weniger Geld da ist, desto mehr muss darum gestritten werden und desto mühsamer ist das Leben für alle. Stellen sie sich vor, ganz banal, eine Familie hat sehr sehr wenig Geld und jede Frage, wer das Kind wem bringt, wer holt die Kinder, bringt die Mutter das Kind, holt der Vater das Kind, gibt man dem Kind das Geld für die Busfahrt…. wenn jedes mal jeder Euro ein Thema ist: „wenn er die Kinder haben will, soll er sie selber holen, ich zahl doch nicht auch noch die Bahnkarte dorthin"! Bei uns war das so, dass jeder Elternteil die Hälfte aller zusätzlich notwendigen Ausgaben für Schule, Hobbies und Gesundheit übernommen hat und es gab darüber sehr selten Uneinigkeit; jetzt wo die Kinder größer sind gibt’s natürlich auch Sachen wo die Kinder selbständig sind; also nicht mehr Alles mit uns ausmachen; also einmal zahl ich, einmal zahlt er, es war nie ein Thema, wo wir streiten mussten. Unsere Älteste hat in Wien studiert und die Frage, wer jetzt die Zugkarte nach Graz zahlt wurde einmal so und einmal so gelöst. Aber so locker kann es erst gehen, wenn genug Geld da ist, damit eben zwanzig Euro kein Problem darstellen. Oder jetzt geht sie schon wieder mit ihren Freunden ins Kino, wen zapft sie an? Das heißt, man muss nicht reich sein aber wohlhabend genug um mit den Kindern nicht über jeden Euro streiten zu müssen. Oder so Sachen wie dass die Kinder verlieren ihre Jacke, ihre Handschuhe, ihre Mütze, ständig irgend etwas; das kann in manchen Familien Dramen auslösen, die die Kinder wirklich belasten, wo sich dann natürlich die Stiefeltern auch einmischen: „jetzt hast deinem Kind schon wieder eine neue Jacke kaufen müssen, unser Kind kriegt nicht soviel; kann es nicht besser aufpassen?" da ist es sicher so, dass man sagen kann, wenn eine gewisse Mittelschichtigkeit gibt, ist es leichter, eindeutig! und viele Mühsamkeiten entstehen weil man nicht einfach locker und flexibel sein kann. Ein Beispiel: ein Kind wird vom Vater am Wochenende abgeholt und will früher heim und wenn man sagen kann, soll der Papa dir das Geld geben und kommst früher heim ist es kaum ein Thema. Wenn das kein Thema ist dann sind meist andere Dinge auch eher leichter möglich, ja und insofern betrifft das ja nicht nur Patchworksysteme, sondern auch alle Familien, die ehre am Existenzminumum sind. Wenn also wenig Geld da ist, kann Geld Konfliktstoff sein und wenn wenig Geld in Patchworkfamilien da ist, dann ist es halt auch ein zusätzliches Thema. Wir hatten schon gewisse Dinge doppelt, die Kinder hatten wahrscheinlich doppelte T-Shirts, weil sie in jedem Haushalt welche hatten aber so Sachen wie Schiausrüstung hat man halt in einem Haushalt gehabt; man kauft ja nicht alles doppelt aber natürlich haben die Kinder mehr oder die Großeltern geben den Kindern für diesen Urlaub dies und das. Also materielle Absicherung ist in jeder Familie wichtig und materielle Belastung ist immer auch ein zusätzlicher Belastungsfaktor in der Patchworkfamilie.
Aber ist es zum Beispiel auch möglich dass Problemfelder oder Bewältigungsstrategien anders werden?
Wenn jetzt zum Beispiel der Vater stirbt, dann lebt man in der Teilfamilie und dann kommt ein neuer Partner hinzu, ändern sich dann Problemfelder und Bewältigungsstrategien oder besteht kein Unterschied zu einer Scheidung zum Beispiel?
Also sozusagen Stiefeltern nach Trennung durch Tod?
Ja.
Nein, i glaub das hängt ganz von der Persönlichkeit und der Reife der Betroffenen ab
Außer der außerhalb lebende Elternteil ist nicht vorhanden
Richtig, das hat einige Vorteile und einige Nachteile; zum Beispiel hat der Stiefelternteil ständig das Problem, dass er/sie ständig mit dem meistens idealisierten Toten verglichen wird und wenn einer tot ist, idealisierst man ihn ja noch eher als wenn er lebt, also das Foto des toten Vaters am Kamin und da zieht sich dann das Kind zurück und sagt niemand versteht mich, außer der, der gestorben ist. Es ist sicher anders, und man kann nicht sagen, grundsätzlich nur leichter
Wie wird denn dann mit dem außerhalb leben Elternteil versucht umzugehen, sich zu arrangieren?
Man muss immer reflektieren, dass schon das Wort „ausserhalb lebend" eine Frage der Perspektive ist. Ausserhalb von was? Von wem? Wenn man „ausserhalb" sagt und denkt, dann konstruiert man ein innerhalb, ein Dazugehören und ein nicht dazugehören. Und das ist engstirnig und nicht fein für die Kinder. Mit innerhabl wird meist die neue Familienkonstruktion nach der Trennung gemeint und von denjenigen benützt, die aktiv am Aufbau des Neuen mitgemacht haben. Das schafft die Vorstellung von Neuen und Alten, von Aktiven und Zurückgelassenen, von Weitergehenden und Opfern. Das ist alles sehr polarisierend und für die Kinder nicht gut, eigentlich für niemanden, es fixiert nur starre Rollen. In einer guten klassischen Patchworksituation hat das Kind meist eine gleichwertige Mamafamilie und eine Papafamilie, oft ein Mamahaus und ein Papahaus und du kannst nicht sagen innen und außen, das ist eine viel zu enge Definition. Wenn es so wäre, dass eine Mami mit zwei Kindern zurückbleibt und der Papi rauscht ab mit einer zwanzig jährigen neuen Freundin, das war vielleicht vor zwanzig Jahren das klassische Modell; da hat man die Situation: Mama bleibt mit Kindern sitzen und Papi kümmert sich nicht und mutiert bestenfalls zu einem verwöhnenden Wochenendpapi; ja da könnte man sagen, dass Kind bleibt im Haus und der Vater ist „außerhalb" lebend, aber in ganz vielen Trennungen ist das nicht mehr passend. Heute haben immer mehr Kinder neue Lösungsmodelle: drei Nächte bei Mami und vier Nächte bei Papi, nächste Woche umgekehrt oder wir erleben viele Kinder, die wochenweise wechseln oder monatsweise oder halbjahrsweise wechseln; also wo es dieses „Innen- Außen" Denken nicht mehr gibt. Mamafamilie und die Papafamilie wären als Wortschöpfung besser und insofern gibt es den Stiefelternteil im Mamasystem und den Stiefelternteil im Papasystem und das kommt wieder sehr auf die Bereiche der Persönlichkeit der beteiligten Erwachsenen an, wie die und ob die die Reife haben, einander zu sagen „laden wir meinen Ex mit seiner Neuen zur Hochzeit oder zur Taufe oder zur Matura ein? Oder setz i mich mit der neuen Frau meines Ex an einen Tisch, kann i mich sogar mit ihr befreunden?" Ich zum Beispiel bin zehn Jahr jünger als mein Ex war und seine zweite Frau mit der er noch zusammen ist, ist nochmals zehn Jahr jünger, das heißt mein e Nachfolgerin war nur wenig älter wie meine älteste Tochter und die war für mich von Anfang an einfach unkompliziert, gerade und angenehm. Sie hat Ja gesagt, wenn sie Ja gemeint hat, hat Nein gesagt wenn sie Nein gemeint hat. Das war für mich völlig neu, einem so klar einfach die Meinung zu sagen. Wir haben von Anfang an miteinander können und das heißt nicht befreundet sein, sondern das heißt irgendwie auf beiden Seiten einander respektieren und akzeptieren, dass sich die Positionen jetzt gewechselt haben und sie hat nie sich wichtig gemacht, wenn es um meine Kinder ging, also und die gemeinsamen zwischen meinem Exmann und ihrem neuen Mann. Dass das Kind bei einem Elternteil hauptsächlich ist, das ist nicht mehr die Realität für Viele und insofern gibt es auch Familien, die das wirklich sehr smooth meistern. Zum Beispiel bei uns gab es schon gemeinsame Urlaube mit meinem Ex und seiner Frau und deren neuen zwei Kinder, unseren gemeinsamen Kindern un den Neu dazu gekommenen Kindern. Das war für die Kinder schon sehr schön und des haben meine Großen schon sehr genossen auf der Piste zu sein, irgendwie zehn Kinder, sechs Erwachsene, es war für sie einfach schön und das es halt ein bis zwei mal vorgekommen ist war fein. Es war nicht ständig aber es hat ihnen irgendwie gezeigt, die benehmen sich normal und ich glaube, das ist ein ganz tiefer Wunsch von Kindern, das die Eltern normal sind. Kein Kind will aus der Norm fallen und kein Kind will, dass die Mutter in der Schule rumschreit, und dass sie verbietet, dass der Vater die Schule betreten darf, oder dass die Mutter nackt in die Schul rennt! Kinder haben dabei einen sehr angepassten und egoistischen Anteil, der einfach sagt, wie auch immer die das arrangieren, es soll so normal wie möglich sein und insofern ist jedes Kind eine Herausforderung und zwingt seine Eltern letztlich auch ein Stück weit vernünftige Lösungen anstreben zu müssen weil Extremlösungen untragbar sind aber wenn eine Frau kategorisch ablehnt und sagt: „mit der Neuen meines Ex rede ich nicht" das kann man nicht drei Jahre lang durchhalten, da macht man sich lächerlich vorm Kind und ich finde auch das war das, was mich wahrscheinlich auch bewogen hat, mich mit dem ganzen Thema auseinanderzusetzen. Da war das schreckliche Wort „Scheidungswaise"! Ich habe gefunden, das Wort Scheidungswaise ist so eine Stempelung, wie eine Tätowierung. Die Scheidung ist ein Zeitpunkt, ist eine Krise, ist ein Trauma aber mit dem Wort Scheidungsweise belegst zu die gesamte weitere Entwicklung des Kindes mit einem negativen Label, mit einem Opferlabel und das ist einfach unfair! Du kannst auch nicht ein Kind, weil es seine Eltern verloren hat mit drei Jahren, sein Leben lang das arme Waisenkind nennen. Wir hatten zwei Pflegekinder, die haben als 2 und 4 Jährige ihre Eltern bei einem Autounfall verloren. Sie haben gemeinsam mit einem Schlag beide Eltern verloren und das hat schon die Kindheit dieser Kinder dramatisch traumatisiert und verändert, aber nach fünf Jahren war das das Leben weiter geschritten; sie hatten zwar ihre Eltern verloren und waren dann sehr fröhliche und normale Kinder; sind jetzt erwachsene großartige herzige junge Menschen! Es kann auch einfach sein, der eine hat diesen Schicksalsschlag und der andere einen anderen und ich finde, dass Eltern ihren Kinder schulden, dass sie ihm irgendwie vermitteln, wir haben nur dieses eine Leben und je respektvoller und je froher wir mit dem, was dran gut ist umgehen lernen, desto eher kann ich euch vermitteln, das Leben ist gut zu uns. Aber wenn ich zwanzig Jahr an Dingen festhalte, mein Ex hat mich betrogen, mich verletzt, dann verletzt man sich immer wieder selbst damit und was tut man seinen Kindern an, dass man als Mutter nicht aus diesem Opferstatus rauskommt. Das war ja früher die klassische Situation: Mutter bleibt sitzen mit ihren Zwei und weiß nicht, was sie mit ihrem Leben machen soll. Sie hat keine Existenzbasis, er macht sich fröhlich das zweite oder dritte Leben, fängt immer wieder von vorne an, aber das entspricht heut nicht mehr der Realität. Das Modell „Männer holen sich alle zehn Jahr eine Jüngere" das ist irgendwie ein Jahrhundertwende Modell und zwar des letzten Jahrhunderts.
Ab wann suchen Betroffene institutionelle, professionelle Hilfe auf es gibt ja zum Beispiel in Graz das Patchworkfamilienservice?
Ich glaube, es gibt Eltern, die suchen die Hilfe präventiv auf; im Voraus. Es gibt Eltern, die sagen es steht Trennung im Raum und wir möchten, dass unsere Kinder darunter möglichst nicht leiden, wir lassen uns beraten wie macht man so was so wenig dramatisch wie möglich. Es gibt Eltern, die erst in der Krise sich gewahr werden, dass es da noch Kinder gibt und überhaupt erst a halbes Jahr später, wenn die Schulleistungen kaputt sind überhaupt erst merken dass die Kinder darunter leiden und es gibt Eltern da muss das Kind erst schwer krank werden bis sie es checken, dass da eine Belastung da ist. Ich glaube, man kann nicht sagen dass Patchworkfamilien anders sind wie die Gesamtbevölkerung in der Variabilität unter welchen Umständen Hilfe aufgesucht wird und ich weiß auch nicht wirklich ob diese Hilfen allen helfen. Ich bin selber Psychotherapeutin, aber dieses „ganz miteinander weinen, miteinander heulen" Kinder in Gruppen setzen, wo alle sagen, mir geht’s auch so schlecht wir dir, ist nicht Jedermanns Sache. Ich finde Kinder brauchen positive Erlebnisse, die ihnen zeigen, dass sie selber auch ihr Leben gestalten können und nicht nur das passive Element sind. Zu sagen: Ich such mir halt einen Fußballverein und ich fang an mich mit Fußball zu beschäftigen, und die Eltern mit ihrem Streiten können mich kreuzweis! Also da kann beispielsweise Fussballspielen sicher gleich viel bringen wie Psychotherapie. Ich will damit sagen, es sind nicht alle Hilfen, die sich als Hilfen nennen, auch wirklich hilfreich. Jeder Dritte findet Selbsthilfegruppen, die da miteinander reden, einfach abstossend und des ist Antipsycho und dann ist es sicher nicht Hilfe. Sondern Hilfe ist, verunsicherten Eltern zu sagen, das man ihr Kind kennen gelernt hat und mit ihm die Situation besprochen hat und zum Schluss kommt, dass ihr Kind schwer in Ordnung ist, dass es die Situation emotional packt, das sie können beruhigt sein, sie haben ihr Kind so erzogen, dass es sich klar und gut äußert und momentan keine Therapie braucht. Andererseits kommen auch oft Eltern mit einem zwölfjährigen Kind und ich rede eine Stunde mit ihm und sag dann den Eltern der braucht keine Therapie, der ist ok, aber das Kind braucht, dass sie eine realistische Entscheidung über die Zukunft der Partnerschaft in einem absehbaren Zeitraum treffen.. Dann beruhigen sie sich und lösen ihr Leben, kriegen es wieder auf die Reihe. Leider muss man sagen, dass manche Hilfeinstitutionen so gierig sind, Klienten zu kriegen, dass sie den Leuten leider auch nicht sagen können wenn sie es nicht brauchen. Das mach ich denen manchmal zu Vorwurf! Nicht jeder, der um Hilfe ansucht, braucht dasselbe wie ein anderer und viele der Gruppenangebote sind gut für manche Kinder, aber viele Kinder wollen das nicht, wollen nicht das Stigma. Die soziale Verarmung von Beziehungen ist ja vielmehr das Problem von Kindern heutzutage als die Frage ob die Eltern mir der oder in der Konstruktion leben. Dass unsere Welt je mehr sie technisiert, desto mehr vereinsamt sie und so viele Kinder hocken Zuhause und weder Mama noch Papa noch Freunde sind da und haben nur mehr ihren Gameboy oder was auch immer. Das ist oft das grössere Problem und nicht nur, ob Mama mit einem Neuen lebt oder mit dem Alten.
Das war es?
Ja danke für das interview.
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