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Psychodynamische Grundlagen der Adoleszenz
Nach einem Vortrag gehalten am BG Wien XIX, Gymnasiumstr. 83 Dr. Alexandra Schein, Hofstattg.22, Wien Mitarbeiterin in der psychotherapeutischen Praxis f. Kinder & Jugendliche- Prof. Dr. M. Dunitz-Scheer & Prof. Dr. P. Scheer, Kerschhoferweg 14, Graz
Einleitung
Dichterisch wird die Adoleszenz "Sturm und Drang" Zeit genannt, auch der Ausspruch "Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt" bezieht sich auf die Wechselhaftigkeit der Jugend. Die Adoleszenz ist die Zeit der Widersprüche, der Stimmungswechsel. Man kann hier nicht einmal mehr von Stimmungsschwankung sprechen, es sind regelrecht Wechsel, die von einer Stunde zur anderen vollzogen werden. Was im Umgang mit Jugendlichen jedoch im Vordergrund steht ist, dass diese Emotionen als Realität in der Situation erlebt werden. Das was der Jugendliche fühlt, was ihn beschäftigt ist zur Zeit so intensiv wie er es darstellt. Es sollte daher nicht relativiert werden, nicht strittig gemacht werden, sondern höchstens der Versuch dem Jugendlichen das eigene Relativieren beizubringen angestrebt werden.
Der Wunsch, das Verhalten von Jugendlichen zu verstehen, beinhaltet also das Wissen, Verstehen und die Akzeptanz des Hauptmerkmals der Pubertät, der Widersprüchlichkeit. Dies verlangt Humor, Liebe, Freude am Handeln und Verhandeln, Freude am Diskutieren und Streiten und eine hohe Flexibilität. Wenn Erwachsene sich Gedanken zum Thema Pubertät machen, stoßen sie nicht nur auf Widersprüchlichkeiten die dem Jugendlichen angehören, sondern auch auf welche die von ihm unabhängig sind, auf die eigenen. Wenn Jugendliche beschrieben und verstanden werden sollen, sollte man im Hinterkopf haben, dass man selbst dazu neigt sie zu verherrlichen oder zu verunglimpfen.
Es hat zwar jeder unterschiedliche Erinnerungen an die eigene Pubertät, an die eigenen besonderen Leistungen und Versagen, an "beste" Freunde und Lehrer, glückliche und unglückliche Verliebtheiten, Elterngeschichten und an die Sichtweisen aus dieser Zeit. Das Gefühl "war ich damals nicht kindlich" oder "eigentlich habe ich damals schon reif reagiert" mag in unterschiedlicher Qualität und Quantität erinnert sein, jedoch als Gefühle von heute, in bezug auf damals. Was eher in Vergessenheit geraten ist, ist wie sich die Adoleszenz angefühlt hat. Die Intensität der Gefühle, vor allem die Vielfalt der Launen, die Facetten der Stimmungen die durchgemacht wurden und die Ängste die so deutlich waren, sind durch die Affektisolation der eigenen Pubertät in Vergessenheit geraten.
Aristoteles sagte bereits "Wenn die jungen einen Fehler begehen ist es immer den der Übertreibung und des Exzesses, sei es Liebe oder Hass, sie sehen sich allwissend und sind positiv in ihren Ansichten."
Was ist Pubertät / Adoleszenz
Die Pubertät ist die Zeit der biologischen Reifung des Körpers. Der kindliche Körper entwickelt sich über einige Jahre, durchschnittlich vier, zum erwachsenen, geschlechtsreifen Körper. Bei Mädchen handelt es sich hier um die Behaarung der Achseln, Beine und des Genitalbereichs, die Entwicklung der Brüste und unterschiedlich auch der Hüften, die Menstruation und den Eisprung, die Fähigkeit schwanger zuwerden und zu Gebären.
Bei Buben handelt es sich um die Behaarung im Brust- und Genitalbereich, der Beine, Arme und vor allem um den Bartwuchs, um den Stimmbruch und um die Fähigkeit zu ejakulieren, dass heißt die Fähigkeit zu zeugen.
Der Grund warum diese offensichtlichen körperlichen Veränderungen aufgezählt werden ist, um sie zu vergegenwärtigen. Dadurch wird es vorstellbar und erinnerbar wie es ist, den Körper den man sein Leben lang, seien es 10, 12 oder 14 Jahre, kennen gelernt hat zu verlieren und einen neuen kennen zu lernen. Die biologischen Entwicklungen verändern den Körper derart, dass man ihn nicht mehr so unter Kontrolle hat wie man es gewohnt war.
Die körperlichen Entwicklungen gehen unbeirrt von der psychischen Fähigkeit mit ihnen umzugehen voran. Die emotionalen und intellektuellen Fähigkeiten diese Prozesse anzunehmen, sie zu verstehen, sie auszuhalten und mit ihnen umgehen zu können, entwickeln sich nicht nur nicht zeitgleich, sondern langsamer und unabhängig.
Die Aufgaben der Adoleszenz
Integration des neuen Körpers zu einem neuen Selbstbild
Die Beziehung zum eigenen Körper ist in der Adoleszenz eine ganz besondere. Seit Freud (1923) wissen wir, dass sie die Bildung des psychischen Apparats beeinflusst. Der Zusammenhang des eigenen Körperbilds und der Ausbildung und Entwicklung der Ich-Funktionen liegt darin, dass sie (Körperbild und Ich-Funktion) die Wahrnehmung (von mir und anderen) und die Realitätsprüfung gestalten. So werden zum Beispiel aus den "Tomboy-Mädchen" Frauen und aus "Peter Pan- Buben" Männer. Die Geschlechtlichkeit bekommt durch die Bedeutung der Sexualität eine neue Bedeutung, sowohl in der Phantasie wie auch real.
Unter Ich-Funktionen werden Spannungstoleranz, Selbstwahrnehmung, Intelligenzentwicklung, Anwendung von Urteilsvermögen und Logik verstanden. Diese Fähigkeiten gilt es zu entwickeln und an den kulturellen und gesellschaftlichen Normen zu orientieren.
Die Frage des "Eigentums am eigenen Körper" entsteht unweigerlich mit den biologischen Entwicklungen. Sie soll dahin gehend gelöst werden, dass der Jugendliche beim Ausprobieren die Erfahrung macht umgehen zu können, sowohl mit den sexuellen Phantasien wie auch mit der Realität der Sexualität. Der einem bekannte Körper des Kindes hatte einen mit Stolz erfüllt, zum Beispiel, dass man die Ausscheidungsorgane kontrollieren konnte. Stolz auf sich sein, weil man Etwas geschafft hat und kontrollieren können (wie etwa die Blase beherrschen und keine Windel brauchen), gehören zu den wichtigsten Attributen der Entwicklung. Nun ist der neue Körper des Buben zum Beispiel vollkommen unkontrollierbar, in den unmöglichsten und öffentlichsten Situationen erigiert der Penis, was unweigerlich zu Scham und Pein führt. Jeder intensive Affekt, selbst Angst oder Wut, kann den jugendlichen Körper zur Erektion ja sogar zur Ejakulation bringen, und ein 14 Jähriger befindet sich in einer nassen Hose. Kontrollverlust, führt zu Angst, Wut und auch Hilflosigkeit. Auch die anziehende Wirkung von Mädchen und Frauen kann zu diesem körperlichen Kontrollverlust führen, weshalb viele Jugendliche von vornherein Mädchen gegenüber eher aggressiv und böse auftreten oder sie sogar lächerlich machen, in der Hoffnung ihnen so die "Macht" zu entziehen.
Ähnlich ergeht es den Mädchen in bezug auf die Menstruation. Wenn sie an die Medien und Werbungen denken so ist deren Aufmacher immer der selbe: dieses Produkt bietet vollkommenen Schutz und absolute Sicherheit. Die beängstigende Pein des heranwachsenden Mädchen, ist es einen Blutfleck an der Kleidung zu haben und so der Öffentlichkeit ihre Geschlechtsreife darzustellen.
Die Störung wird jeweils anders ausgedrückt und dargestellt, dennoch ist sie entstanden durch die Sicht des Jugendlichen von seinem Körper und durch die Zurückweisung des sexuellen Körpers. In dieser Entwicklungsphase bestimmt das schlechte Verhältnis, welches der Jugendliche zu seinem Körper hat, die Entwicklung. In diesem Fall bedeutet das schlechte Verhältnis Scham oder Hass gegen den sexuellen Körper. Oft wird dies begleitet von Angst vor dem Kontrollverlust über den eigenen Körper. Die psychosomatischen Symptome sind Ohnmachtsanfälle, chronische Müdigkeit bis zur Erschöpfung und vermehrtes Bedürfnis nach Schlaf.
Die Wichtigkeit über den eigenen Körper bestimmen zu sollen und zu können entwickelt sich aus der Erfahrung und der Angst den eigenen Körper nicht mehr kontrollieren zu können. Das wichtige ist die Eigenverantwortlichkeit über den eigenen Körper, das Selbstbestimmen. Das es zu diesem Thema oft zu Auseinandersetzungen und Machtkämpfen zwischen Eltern und Jugendlichen kommt ist klar.
Ein weiterer Aspekt ist der des Schmerzes. Viele Jugendliche stehen vor der Frage eines körperlichen Schönheitsaccessoires, wie etwa einem Piercing oder einer Tätowierung und sind sich gar nicht sicher, ob sie den Schmerz ertragen können. Manche probieren es aus, entweder aus Zugehörigkeitsgründen zu einer Clique oder angepasst an einen Modetrend. Andere aus Züchtigungsgründen, aus dem Wunsch nach Kontrolle des Schmerzes, beziehungsweise nach Macht über den (derzeit unkontrollierten) Körper. Vergleichbar mit dem was früher der Schmiss nach einer Mensur war, ist heute das Piercing beziehungsweise das sich Ritzen und sich Brandwunden zu fügen. Es bedeutet anders auch sich so weit unter Kontrolle und Macht zu haben, dass man magersüchtig ist. Dieses Verhalten muss sich nicht manifestieren. Es führt in den seltensten Fällen zu einer sadomasochistischen Orientierung. Es ist ein sich Spüren, seine Grenzen kennen lernen und vor allem ist es Spannungsabfuhr, sexuelle Spannung die abgeführt wird und abgeführt werden muss.
Die Umgestaltung der kindlichen in die erwachsene Sexualität
Freud (1905) schreibt in seinen "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" über die Umgestaltungen in der Pubertät; "Mit dem Eintritt der Pubertät setzen die Wandlungen ein, welche das infantile Sexualleben in seine endgültige normale Gestaltung überführen sollen." Hier meint er die Unterordnung der Partialtriebe unter den Primat der Genitalzone. Es entstehen neue Verknüpfungen und Zusammensetzungen zu einem komplizierten Mechanismus im Organismus, die jedoch erst nach der Pubertät klare Definitionen und manifeste Gestaltung finden. Die Pathologien und Perversionen, die während dieses Prozesses auftauchen können, verschwinden meistens wieder. Die endgültige Sexualorganisation ist meistens erst mit ungefähr 20 Jahren erreicht.
Während der Pubertät, der körperlichen-sexuellen Reifung geht es im wesentlichen um die Fähigkeit den neuen Körper zu integrieren und die damit entstehenden Phantasien auszuhalten. Das bedeutet die eigene Fähigkeit zur Fortpflanzung annehmen zu können und den eigenen Körper neu kennen zu lernen und die eigenen neuen Spannungen abzuführen, auch in dem das Masturbieren erforscht und ausprobiert wird, wodurch neuerlich Scham- und Gewissensphantasien entstehen.
In der Kindheit sind die sexuellen Phantasien und Wünsche weitgehend gefahrlos. Mit der Geschlechtsreife sind sie dies nicht mehr. Die Bewältigung des kindlichen ödipalen Konflikts fixiert die wichtigsten sexuellen Identifizierungen und das Körperbild. In der Adoleszenz werden diese am zur Reife gelangten Genitalapparat überprüft. Die Bedeutung der Masturbation wird deutlich, aber dadurch auch die Gefahr durch inzestuöse Phantasien. Hierdurch verändert sich das Bild der ödipalen Objekte, es entsteht ein neues Bild der Gleichaltrigen und ein neues Verhältnis zum eigenen Körper.
Die Organisation der erwachsenen Sexualität im Vergleich zur kindlichen ist, erstens nicht mehr autoerotisch und zweitens so aufgebaut, dass die verschiedenen Komponenten befriedigt und erfüllt werden können, um dann schließlich nach dem Höhepunkt wieder abgebaut zu werden. Die unterschiedlichen Komponenten beziehen sich auf Wünsche und Phantasien der ödipalen Phase, sowie auf wirkliche Nähe und Zärtlichkeit, auf das Teilen mit einem Zweiten, nicht der eigenen Familie zugehörigen Menschen.
Neue Objekt-Beziehungen schaffen
Während der Adoleszenz soll also auch die Ablösung von den Eltern und dem familiären Umfeld vollzogen werden, nur dann ist echtes Erwachsenwerden mit gleichzeitiger materieller, örtlicher, emotionaler und realer Distanzierung und Ablösung möglich. Neue Objekte außerhalb der Familie sollen besetzt werden und neue Formen an Beziehungen aufgebaut werden.
Lehrer werden jetzt gerne als Idealelternteile umschwärmt oder verteufelt. Auf der Suche nach neuen Objekten geben sich Jugendliche gerne "passenden Phantasien" hin, wie etwa der des adoptiert Seins, von einem anderen Vater zu sein oder als Baby im Spital vertauscht worden zu sein. In der Phantasie sind diese Menschen dann natürlich viel bessere Eltern, viel liebevollere, nettere und verständnisvollere, als die Echten. Diese Phantasien gewähren eine Ablösung die weniger Schuldgefühle initiiert.
Eine weitere Möglichkeit zur Ablösung bietet das Idealisieren von gesellschaftlichen, politischen, religiösen und berühmten Figuren, denen zu folgen und in eine "neue Familie" einzutreten zeigt, dass man die alte nicht mehr braucht.
Die Suche nach neuen Liebesobjekten beginnt oft unter den Gleichgeschlechtlichen, daher werden in dieser Zeit auch Banden gebildet.
Buben und Mädchen benehmen sich gemäß der infantilen (ödipalen Lösungen und Verlauf der Kastrationsangst sind hier wichtig) Sexualität unterschiedlich. Während die Buben eher aggressiv und verspottend sind, zeigen die Mädchen eine überkompensierende Heterosexualität und meinen stark und genial alle verführen zu können.
Sehr häufig werden in dieser Phase Liebesbeziehungen aller Arten eingegangen, seien sie homosexuell, oder heterosexuell, beziehungsweise monogam oder nicht. Dies kann von dem Jugendlichen sehr bedrohlich erlebt werden. Viele glauben sie seien schwul, werden nie treu sein können, seien beziehungsunfähig; in solchen Situationen gilt es, die Jugendlichen eher zu beruhigen als sich mit ihnen zu sorgen. Diese Phantasien und Impulse sind nicht manifest, sie vergehen.
Durch den Beginn des Trennungsprozess von den früheren Objektbindungen entsteht ein Hoch an Freiheitsgefühlen. Die inzestuösen Liebesobjekte werden nun in überwältigender Deutlichkeit verabschiedet und die Objektlibido besetzt außerfamiliäre Objekte. Da dies aber in mehreren Schritten erfolgt, entsteht das typische Erscheinungsbild, die Widersprüchlichkeit und das Hin und her. Die innerpsychische Instabilität ist groß, verwirrend und beängstigend. Der Abzug der inzestuösen Objektbesetzung verändert die Über-Ich-Instanzen, die elterliche Autorität ist teilweise verinnerlicht und der Rest wird uninteressant beziehungsweise abgelehnt. Es entstehen die eigenen Werte, Maßstäbe sogar Gesetze mitunter, da wir es ja mit potentiellem Größenwahn zu tun haben können.
Wenn die Realitätsprüfung in dieser Phase getrübt ist, beziehungsweise eine enorme Eigendynamik erhält, kommt es zu Kriminalität, Extremsportarten und so weiter. Winnicott schreibt in seinen Schriften über Aggression (1988) "hinter jeder antisozialen Tendenz postuliert als Wurzel die Deprivation."
Beobachtet man Jugendliche die diese Angst durch Intellektualisieren kontrollieren und bewältigen wollen, so ist man vollkommen verblüfft. Teilweise erfinden sie die Welt neu, können dies argumentieren und diskutieren und haben auf den ersten Blick so genial recht. Die Themen die diese Jugendlichen beschäftigen sind zahlreich, die Probleme die sie zu lösen versuchen sind weitreichend. Sie entwickeln intellektuelle Ansichten der Liebe, Ehe, Familiengestaltung, Liebe im Staat, Wege der Politik, Freidenkertum, Revolution und so weiter mit enorm großem Einfühlungsvermögen und einer bewundernswerten Weisheit. Diese Verstandesleistungen stellen sich bei genauerer Betrachtung als genaues Gegenteil zur realen Lebenssituation dar. Die Jugendlichen erweisen sich als gefühlsroh im Umgang mit Menschen, treulos ihren eigenen Philosophien gegenüber und ausschließlich konzentriert auf die Beschäftigung mit der eigenen Persönlichkeit. Eigentlich ist dieser Mechanismus ein ständiges Grübeln, die angstmachenden Vorstellungsinhalte sollen beherrschbar gemacht werden, aber genau hier ist auch ein guter Ansatz für Lehrer. Mit Offenheit und Diskussionsfreude kann man Inhalte die einem wichtig erscheinen vermitteln. Jugendliche sind dafür empfänglich aber auch kritisch. Es sollte daher klar sein, dass man seine Ansichten argumentieren wird müssen und denen der Jugendlichen einfühlsam und mit Respekt begegnen soll.
Das Entwickeln der eigen Moral und Werte, seinen Platz in der Gesellschaft etablieren
Der nächste Schritt ist die Entwicklung des reifen Überichs, welches von der elterlichen Autorität abgegrenzt wird. Freud schreibt in den drei Abhandlungen weiter, dass gleichzeitig mit dem Aufgeben der inzestuösen Phantasien auch eine der psychisch schmerzlichsten Erfahrungen der Adoleszenz einhergeht; dem Ablösen der elterlichen Autorität, "wodurch der für den Kulturfortschritt so wichtige Gegensatz der neuen Generation zur alten geschaffen wird". Wenn man die kulturspezifischen Riten genauer betrachtet so wird dies deutlicher, handelt es sich doch um schwere Aufnahmeprüfungen. In vielen Kulturen und Religionen werden einerseits körperlich schwer erträgliche und andererseits auch psychisch schmerzhafte Traditionen angeboten die den Eintritt in die Gemeinschaft der Erwachsenen begründen. Die Wanderschaft, "walkabout", auf die Aborigines geschickt werden, die Mensur wiederum, die Konfirmation, die Bar Mitzvah und so weiter.
Einen Platz als Mitglied der Gesellschaft zu finden, zu definieren und zu etablieren resultiert einerseits aus den Lösungsversuchen und -möglichkeiten die der Jugendliche für seine innerpsychischen Konflikte hat und andererseits aus dem Wunsch der Gesellschaft in der wir leben.
S. Bernfeld, ein sozial kritischer Psychoanalytiker, beschreibt die Bedeutung und den Einfluss der Gesellschaft auf die Prozesse in der Adoleszenz als eine Zeit in der es dem Jugendlichen möglich ist direkt und aktiv auf die Kultur zu wirken. In diesem Fall ist es egal, ob der Jugendliche dabei als wertvoll wirkend gilt oder nicht. Sein nicht ganz konformes Verhalten kann irgendwie als letzter Bubenstreich belächelt werden, es wird akzeptiert, dass man sich in dieser Zeit etwas mehr erlauben darf als sonst je wieder. Das Individuum sucht seinen Platz in der Gesellschaft.
Bernfeld beschreibt (1935) als "einfache, männliche Adoleszenz" den kürzesten Weg von der Kindheit in die des arbeitenden und familiezeugenden Mitglieds der Gesellschaft. Diese verkürzte Form der Jugendlichkeit beobachtete er in benachteiligten und unterprivilegierten gesellschaftlichen Klassen, wobei sich ihm das Bild einer primitiven Persönlichkeit bei den Jugendlichen zeigte, entstanden dadurch, dass sie keine Zeit hatten ihr Ich und ihre kulturelle Zugehörigkeit zu definieren.
Mario Erdheim (1984) ein Schweizer Ethno-Psychoanalytiker differenziert zwischen den "heißen" und "kalten" Gesellschaften.
Kalte Gesellschaften zeichnen sich aus durch ihre traditionsreiche Haltung, ihre konservativen Ansätze, Stabilität bis vielleicht hin zur Starrheit und die gesetzestreue Ordnung. Dies sind die Gesellschaften der Aufnahmeriten um die Jugendlichen von ihrer Rebellion abzuhalten. Mittels schmerzhafter Riten werden Traditionen bewahrt. Rebellion und die Suche nach neuen Lebenswegen wird als psychische Erkrankung angesehen. Kalte Gesellschaften versuchen jegliche Veränderung in ihrer Struktur zu vermeiden und zu unterbinden.
Die Großeltern können sich keine andere Zukunft für ihre Enkeln vorstellen, als ihre eigene Vergangenheit. Jede Generation lebt der vorherigen nach, Veränderung wird als zerstörerisch und tödlich gesehen und gefürchtet. Ödipale Konflikte werden hier nicht als vom Individuum zu lösen gesehen, sondern kulturell, durch Riten unterbunden. Diese Riten symbolisieren den Tod des Bösen im Jugendlichen oder Kind und versetzen die Jugendliche in folterähnliche Angstzustände die bis zur Ohnmacht führen. Teilweise werden die Jugendlichen ausgesetzt, sie müssen in Einsamkeit verharren bis sich dieser Zustand legt. Danach, wenn er empfänglich ist für die Traditionen und Geschichten, kann er zu seiner Familie zurückkehren und sie sich als Erwachsener aneignen. Die Pubertät dauert hier einige Tage, ist traumatisierend und durch den Patriarchen beim Eintritt in das Erwachsenenleben unterdrückt.
Erinnert an den totalitären Staat. Unter den Faschisten bekommen die Jugendlichen die Gewalt über die Eltern, indem man sie in Jugendschaften steckt und zwingt dem Regime alle Unregelmäßigkeiten zu berichten.
Heiße Gesellschaften sind solche mit einem unbändigbaren Drang nach Veränderung. Unsere zivilisierte, industrialisierte Leistungsgesellschaft zum Beispiel. Wir neigen dazu verlängerte Pubertät mit einer eigenen Gesellschaft, die der Jugendlichen, zu begünstigen. Hier entstehen sogar adoleszente Kultur, Werte und Normen. Die Jugendlichen dürfen rebellieren, sind innovativ und haben Vorstellungen über ihre Zukunft, die Veränderungen die sie anstreben und wie sie es besser machen werden. Jede Generation hat ihre eigenen Erwartungen und die stellen keine Wiederholung dessen dar was für die Elterngeneration galt. Die Jugend springt zwischen einem Ausprobieren was die Welt ihnen noch bieten wird, dem "Neuen" und den elterlichen Traditionen, dem "Alten" hin und her. Hierdurch entwickeln sich sowohl intellektuelle wie auch moralische Funktionen, beispielsweise Kreativität, Produktivität und autonome Denk- und Arbeitsfähigkeiten, die dann als innovatives Potential der Gesellschaft dienen.
Eine Gefahr die hierin liegt sind die eigenen Versagensängste und der Leistungsdruck. Die Matura beispielsweise ähnelt dem Aufnahmeritual in die Gesellschaft der Erwachsenen und birgt Ängste. Freud beschrieb bereits um 1900 die Träume vom Versagen der Reifeprüfung lange nach dem sie positiv absolviert wurde. Diese Angst bezieht sich allgemein auf alle Prüfungen, die mit Autoritätskonflikten einerseits zu tun haben und andererseits mit der eigenen Selbsteinschätzung und Selbstwertschätzung.
In der soziologischen Literatur findet man einen weiteren Aspekt dieser Prüfung der Alten über die Eignung und Reife der Jungen; die Alten haben Angst verloren zu gehen, wenn die Jungen zu mächtig würden. Der Fokus wird hier auf die jeweils festgestellten Strukturen der Gesellschaft und Kultur gelegt, auf die Geschlechterrollen beispielsweise und die damit verbundenen Erwartungen, das "zu anders werden" soll dann doch vermieden werden.
Nicht nur der Rahmen der Familie vermittelt ein Bild, dem es zu entsprechen oder eben nicht, gilt; auch die Gesellschaft stellt solche Anforderungen und der Ort, wo dies am deutlichsten wird ist neben der Familie, die Schule.
Dennoch ist die Zeit dem Wandel unterzogen. Jede Generation hat immer schon von der nachfolgenden behauptet sie sei die schlimmste, wildeste und unmöglichste. Auch dies dient dem Schutz der Tradition und dem Schutz der älteren Generation.
L. Kaplan schreibt 1991 in seinem Buch "Abschied von der Kindheit": "Die Adoleszenz ist weder eine Wiederholung der Vergangenheit, noch eine bloße Zwischenstation zwischen Kindheit und Erwachsenenalter. Sie ist vielmehr ein Raum voller Geschichte und Möglichkeiten."
Die Adoleszenz ist eine verwickelte und unüberschaubar Lebensphase, in der es um Orientierung geht. Die Bedeutung der Gleichaltrigengruppe wächst, gleichzeitig wünscht sich das Individuum originell und anders, aber zugleich uniform und zugehörig zu sein.
Vielleicht sieht unsere Gesellschaft die Jugendlichkeit als begonnen, wenn man in die Gruppenzugehörigkeit eintritt und als beendet, wenn man sie wieder verlässt. Davor steht die Kernfamilie, danach die "eigene" Familie. Dazwischen soll man Ich Selbst werden, auf Wienerisch "sich Selbst finden". Wo?
Geprägt und erzogen von der Kernfamilie und ihren Werten und Vorstellungen soll das Kind Heranreifen, das eigene Selbst entwickeln, die eigene Meinung ausdrücken, den eigenen selbstgewählten Beruf angehen, die eigenen Werte definieren, sich fortpflanzen und das eigene dann weiter geben.
Aber im Vordergrund dieser Eigenheiten und Persönlichkeit formenden Zeit steht das was die Gesellschaft in der man lebt, die Erwachsenen gut heißen. Denn die Pathologie der Psyche, der Verhaltensweisen beginnt dort, wo die Symptome für die Gesellschaft nicht aushaltbar sind.
Solange die Entwicklung für alle Beteiligten aushaltbar abläuft und es keine Schwierigkeiten gibt, ist es "normal". Der Maßstab an dem dies gemessen wird, ist das undurchsichtigste und beweglichste Instrument an dem irgendetwas gemessen wird. In dem Moment wo wir die Pathologien ins Spiel bringen wird es klar; Drogensucht, Magersucht, Bulimie, Kriminalität, jegliches Auffälliges Verhalten usw. definiert durch die Gesellschaft.
Der Jugendliche hat enorme Angst, in all dem was da vor sich geht, verrückt zu werden. Er beobachtet seine Entwicklung und unterzieht sie einer strengen Realitätsprüfung. Auf körperlicher Ebene ist es noch verhältnismäßig klarer als auf psychodynamischer. Groß, klein, dünn, dick, sportlich geht ja noch, hübsch, hässlich ist schon schwieriger, intelligent oder dumm wird ausschließlich an Schulnoten gemessen und bei glücklich oder auch nur fröhlich scheitern die Vergleichsmöglichkeiten komplett. Man kann das Bild phantasieren, vollkommen orientierungslos den Weg suchen, spannend da die Gabelungen zahllos sind.
Wer, wie, wo, was, wann
Essstörungen
Die Magersucht (Anorexia Nervosa) und die Fress/Brechsucht (Bulimie, Bulimanorexie) sind die häufigsten Pubertätserscheinungen dieses Jahrzehntes. Sie erfüllen den Zweck einer Aussage. Das Problem, vielmehr die Gefahr, liegt im Suchtpotential, denn wenn man einmal süchtig ist, ist es nicht leicht wieder aufzuhören, selbst wenn die Aussage getan ist. Die Sucht füllt scheinbar eine Leere.
Bei der Magersucht geht es häufig um das Ablehnen der Frauenrolle, beziehungsweise um das sich nicht damit identifizieren wollen. Mädchen, die als frühreif gelten, freuen sich, wenn der Busen wieder zurückgeht und die Regel wieder ausbleibt. Das gestörte Körperschema, die verzerrte Sicht des eigenen Körpers ist der Fokus der Krankheit, in der es auch um das Zulassen, beziehungsweise um das Unterdrücken und lautstarke Demonstrieren des Unterdrückens dieser weiblichen und erwachsenden Entwicklung geht. Dazu können vielfältige Aspekte insbesondere elterliche Wünsche gehören. Ein Aspekt der Magersucht ist auch das versagende Element der Eltern darzustellen. Dies ist jedoch zugleich die "Schuld" Frage, um die es eigentlich nicht geht. Einerseits kann man die Eltern einer 17 Jährigen nicht anklagen, wenn sie nicht mehr isst, gesetzlich ist dieses Kind noch minderjährig, daher sind die Eltern verantwortlich und andererseits geben viele Eltern innerlich die Verantwortung um ihre Kinder nie auf. Im Vordergrund dieser Erkrankung steht, von der infantilen Anorexie (nicht organischen Ursprungs) bis hin zur jugendlichen Anorexie verhungert das Kind nicht, sondern es verhungert sich. Es demonstriert seinen Willen und seine Stärke. Und es zeigt die Schwäche der Eltern, die Schwächen innerhalb der "Bilderbuch-Familie". Anorexien finden sich gleichmäßig verteilt über alle Sozialschichten und Bildungsebenen, die prädisponierenden Faktoren liegen in individuellen psychischen Störungen der Selbstwertregulation, der Rollenidentifizierung und der Affektäußerung.
Die dazugehörigen Auswirkungen, nebst dem starken Gewichtsverlust, bis hin zu "Skelett-artigem" Untergewicht, sind allgemein körperliche Schwäche, Angespanntheit, depressives sich Zurückziehen, gesteigertes Leistungsbewusstsein, asketische Kontaktverweigerung, Freudlosigkeit, Auseinandersetzung mit dem Tod.
Die Bulimie entwickelt sich ähnlich. "Es kotzt mich an", "es ist zu viel, es muss hinaus, aber ich kontrolliere, auch wann ich gebe" im wahrsten Sinne des Wortes soll ausgesagt werden.
Als bulimisches Verhalten wird das anfallsartige, unkontrollierbare und Impulshafte Essen mit anschließendem, selbstinduziertem Erbrechen verstanden. Die prädisponierenden Faktoren sind Triebkonflikte, Selbstwertprobleme und Beziehungsstörungen, wobei diese "gesättigt" und "einverleibt" werden sollen.
Körperliche Beeinträchtigungen sind durch das Erbrechen der Magensäure verursachte Schädigungen im Mund-, Rachen-, Hals- und Magenbereich, und, oder Mangelernährungserscheinungen.
Hilfestellung
Beide Krankheiten sind sowohl nach innen, wie auch nach außen, deutlich aggressiv, aber nicht gelebt aggressiv, sondern Verhalten aggressiv. Das bedeutet, dass ein enormes Spannungspotential aufgebaut wird, dass verinnerlicht wird, anstatt nach Außen abgeführt zu werden, wodurch es zu den anfallsähnlichen Ausbrüchen kommt, wenn der Druck unerträglich scheint. Was am wichtigsten ist, ist die offene Kommunikation, welche ein abführen nach Außen ermöglicht. Scheut man diese Themen deutlich auszusprechen, sollte man sie gar nicht ansprechen, sondern eine adäquate Stelle vermitteln.
Suchtverhalten
kann vielfältig ausgelebt werden, es kann sich auf Ideen, Tätigkeiten und auch Substanzen beziehen. Wichtig ist, sich zu vergegenwärtigen, dass die Sucht und Abhängigkeit in der Pubertät einerseits, einem Ausprobieren, einem Grenzen setzen und auch den Modetrends gilt, was auch absolut gut ausgehen kann. Andererseits, füllt die Sucht, eine Leere, die ein Spannungspotential ist, welches Jugendliche auf unterschiedliche Arten versuchen abzuführen, was manchmal für alle Beteiligten, schwierig auszuhalten ist.
Beispielsweise das Ritzen. Das Ritzen bringt recht grausliche Wunden mit sich, bei denen man sich beim ersten Anblick nicht vorstellen kann, dass sich ein Mensch diese selber zugeführt hat. Verwendet wird alles was scharf ist, und scheinbar erhalten die Gegenstände noch mehr Reiz, wenn sie schmutzig sind. Dann werden die Wunden eitrig und Jugendliche wissen, wahrscheinlich durch ihre Kindheitsschrammen oder von den Eltern oder durch die Sauberkeitsregeln in der Gesellschaft, dass eitrige Wunden "bessere" Narben bilden. Die Narben sollen entstehen, sie dienen der eigenen Erinnerung und Darstellung und machen öffentlich auf die Verletzung aufmerksam. Die Verletzung, die eigentliche Wunde ist psychischer Natur. Dies ist aber schwer verbal auszudrücken. Außerdem wird wirklich empfunden, dass "man platzen kann" vor lauter Aufregung, Ungerechtigkeit oder Wut. Aggression und Spannung lassen, durch diese Art sich zu Spüren, nach.
Hilfestellung
Es durch Zurückhalten verhindern zu wollen ist keine besonders gute Idee, weil der Eindruck entsteht, keine eigene Entscheidungsgewalt zu haben, obwohl man "schon so erwachsen" ist, und die Spannung potenziert, wodurch im Affekt schlimmere Verletzungen vollzogen werden, die dann zwar eher unabsichtlich, aber eventuell tödlich ausgehen können.
Die Haut, das erste sensible Organ, an dem man alles spürt, erinnert wenn Kränkung und Angst so groß wird, dass man sich aufgeben und vergessen will, an die Grenze zwischen Selbst und Umwelt. Es ist ein Missverhältnis an Distanz und Nähe, dem diese Störung zu Grunde liegt. Im Sprachgebrauch hat die Haut die Bedeutung einer Mauer um den Menschen, man sagt; "der eine hat eine dicke Haut", meint er hält viel aus, "der andere hat eine dünne Haut", der eine "erblasst vor Schreck", der andere "ärgert sich grün und blau". Bei dem Versuch sich in der Welt zu orientieren kann die Wahrnehmung des eigenen Körpers und Selbst verwundet sein. Die eigene Integrität ist verletzt, man selbst ist stark. Dieses Gefühl gilt es zu modifizieren und die Grenze zwischen Selbst und Umwelt produktiv, vor allem aushaltbar erleben zu können.
Tabak, Alkohol, Rauschdrogen
Tabak ist, neben Alkohol, das weitverbreitetste Genuss- und Suchtmittel. Zahlreiche Inhaltsstoffe des Tabakrauches wirken gesundheitsschädigend, kanzerogen und teratogen. Eine, auch nicht zu vernachlässigende gesundheitsschädigende Bedeutung kommt auch dem "passiv" Rauchen zu, dem alle ausgesetzt sind. Nikotin wirkt auf das ZNS, daher auf die Stimmungslage, eintreten können sowohl antriebssteigernde wie auch dämpfende Effekte. Eine psychische wie auch physische Abhängigkeit wird ausgebildet, die Entzugserscheinungen werden durch Reizbarkeit und Aggressivität, sowie durch Kopfschmerz, Schlafstörung und Schwindel deutlich.
Für alle Altersgruppen stellt Rauchen ein der Entspannung dienliches Mittel dar. Nervosität, Langeweile, Angstspannung und sozialkommunikative Bedingungen gehören zu den häufigsten Gründen rauchender Menschen. Bei Kindern und Jugendlichen stellt der Nachahmungswunsch der erwachsenen Verhaltensweisen eine weitere besondere Bedeutung dar. Ähnlich dem Trinkverhalten, veranlasst die Unsicherheit in der Gesellschaft Jugendliche am häufigsten zu diesen Genussmitteln.
Eltern, Geschwister, Freundeskreis und Schule üben einen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Rauchverhaltens aus. Medien, soziales Umfeld und vor allem die Persönlichkeitsentwicklung prägen das Verhalten. Meist werden bereits im Kindesalter Kenntnis und Einstellung zum Rauchen gebildet, in der Pubertät wird dann oft die genau gegenteilige Einstellung gelebt. Der Genuss der ersten Zigarette erfolgt unter Einfluss der Gleichaltrigen und der Familie, wobei es sich hier um ein Probieren handelt.
Erst wenn auch ohne soziale Verstärker geraucht wird, spricht man von einem Raucherstadium. Die Prävention kann nur in der verstärkten und aufrichtigen Aufklärung, ohne einer negativen "Hetzkampagne" liegen. Vor allem die Vermittlung anderer Verhaltensweisen und sozialer Kompetenz sollten verstärkt werden.
Alkohol ist ein vor Jahrtausenden eingebürgertes Getränk, dass aus traditionellen, kulturspezifischen und gesellschaftlichen Gründen konsumiert wird. Differenziert wird zwischen Alkoholabhängigkeit (dem Nachlassen sozialer Anpassung, verminderter Kontrolle über Menge, Beginn und Beendigung des Konsums, es kommt zu einer Toleranzbildung und zu einem Entzugsyndrom) und Alkoholmissbrauch (heftiges Ausprobieren, und / oder einer positiven Erfahrung durch die vermehrt konsumiert wird, Konflikttrinker beziehungsweise Gelegenheitstrinker). Was früher als "Trunksucht" und Laster verstanden wurde, wird heute vermehrt als Krankheit dargestellt, wobei dies wissenschaftlich strittig und Ansichtssache ist. Tatsache ist, dass der Genuss von Alkohol gesellschaftlich sowohl tabuisiert, wie auch geduldet beziehungsweise ermutigt oder gar gefördert wird. Die Prävention liegt in der Informationsvermittlung, sowohl bezüglich der Abhängigkeit die psychischer und physischer Natur ist und in der Verdeutlichung des realen Stellenwertes von Alkohol in unserer Gesellschaft. Der Sprachgebrauch dient als plakatives Beispiel; "Verdauungsschnaps" und "Cocktailparty" "Tee mit Rum (gegen die Kälte)" relativieren die Tabuisierung.
Bei Jugendlichen ist es kaum vorhersehbar ob eine Gefährdung zum Missbrauch gegeben ist oder nicht. Die familiäre Einstellung und das Umfeld stellen das Fundament dar, können aber nicht immer die persönliche Einstellung beeinflussen. Gesundheitliche Schädigung tritt an allen Organen auf, wobei die Feinmotorik als äußeres Merkmal die Beeinträchtigung früh erkennen lässt. Die psychischen Veränderungen beziehen sich auf die Leistungsfähigkeit, die Anpassungsfähigkeit, die Stimmung und Emotionalität, sowie auf das Denk- und Urteilsvermögen und auf die Selbstkontrolle. Sowohl ein einmaliges Überdosieren, wie auch ein häufiger Missbrauch bedürfen (je nach Ausmaß), sowohl ärztlicher, wie auch psychotherapeutischer beziehungsweise psychiatrischer Hilfestellung.
Als Rauschdrogen bezeichnet man, alle Substanzen die mit zentralnervöser Wirkung zu einem Rauschzustand führen. Bei dauerhaftem Gebrauch können alle Rauschmittel zu psychischer und oder physischer Abhängigkeit führen. Unter psychischer Abhängigkeit versteht man das unbezwingbare, gierige Verlangen mit der Einnahme der Substanz fortzufahren, wobei die physische Abhängigkeit durch die Entzugserscheinungen mitspielt. Die Prävention ist generell nicht möglich, sie kann jedoch gezielt auf das Individuum, beziehungsweise kleinere soziale Gruppen wirken. Im Vordergrund steht die aufrichtige und sachliche Aufklärung und die Verbesserung der psychohygienischen Situation, wie auch der Konfliktbewältigung und Persönlichkeitsentwicklung Jugendlicher in der Gesellschaft.
In der mitteleuropäischen Gesellschaft gelten noch die "guten Alkis" und "bösen Junkies", wenn es um den Rausch, der das Leben erträglicher machen soll, geht. Beispielweise ist Hopfen ein direkter botanischer verwandter des Hanfs, dennoch werden sie unterschiedlich geahndet. Sogar innerhalb Europas scheiden sich die Geister. In Holland sind Hanfprodukt legal. In den südostasiatischen Ländern ohnehin, und deren Erfahrungen zeigen ein wesentlich gesellschaftsfreundlicheres Spektrum an Nebenwirkungen als der mitteleuropäische Bierkonsum zeigt. Bei einer Aufklärung ist es besonders wichtig sich an die Realität zu halten und nicht "Panik" zu machen. Jugendliche informieren sich tatsächlich vielerorts.
Die wirkliche Gefährdung ist die Sucht. Die Gefahr steckt im Missbrauch, in der Dosis. Egal ob Joggen, Ritzen, Hungern oder Alkohol. Die süchtige Lebensform ist selbstzerrstörerisch und für den Einzelnen, wie auch seine Umgebung unerfreulich, teilweise sogar nicht auszuhalten.
Verwahrlosung, Depression, Suizid
Der Jugendliche der unter Depression leidet hat das Gefühl, er sei ohne Gefühl. Die Einsamkeit des Jugendlichen ist, wie die Dichtung sie darstellt, eine Tragödie. Calvino setzt seinen Baron auf einen Baum, Werther leidet, der Schüler Gerber soll gar nicht angesprochen werden.
Dennoch ist Depression und ähnliches Verhalten eines, dass die Menschheit immer begleiten und in Sorge versetzen wird. Die Depression des Jugendlichen ist jedoch eine spezifische. Kaum eine Jugendlicher hat sich noch nie mit Selbstmordgedanken auseinander gesetzt, man kann fast sagen sie gehören zur Pubertät.
"Denn wenn dies mein Leben ist und ich Eigenverantwortlichkeit leben soll, kann ich es auch beenden". Vor allem die Entscheidungsfreiheit (zum Beispiel von Romeo und Julia) ist wirklich maßgebend und ernst zu nehmen, weil des Jugendlichen Gefühlsaffekt und der Wunsch nach diesem zu handeln massiv und prägend ist, (in dem Fall die erste Verliebtheit und Tod).
Das komplexe der jugendlichen Depression liegt im Erkennen und Unterscheiden zwischen Stimmungsschwankung, Affekt und depressiver Entwicklungsveränderung. Neben der dysphorischen Verstimmung treten vor allem ein sehr geringes Selbstwertgefühl, Kontaktstörungen und antisoziale Tendenzen wie Stehlen, Lügen usw., oppositionelles Verhalten, Neigung zu Unfällen, psychosomatische Erkrankungen und selbstschädigende Handlungen vermehrt auf. Die Persönlichkeitsentwicklung zeigt ernste, grüblerische, bedrückte und stimmungslabile Ansätze, die sich weitgehend in Gehemmtheit, Zurückgezogenheit und überangepasstem, beziehungsweise aggressivem und auch regressivem Verhalten darstellen.
Der Selbstmordversuch ist einerseits als "Hilfeschrei" (Vorsicht dieser unausgesprochene Gedanke kann schon abwertend verstanden werden) des Jugendlichen ernst zunehmen und andererseits weist er auch auf einen momentanen Verlust der Fähigkeit mit der Umwelt zu kommunizieren hin. Die Entwicklung des Jugendlichen ist derart voran gegangen, dass nach Kränkungen der Rückzug als einzig aushaltbarer Zustand erlebt wird und die Kränkungen sowohl qualitativ wie auch quantitativ die absolute Vorherrschaft übernommen haben. Der Jugendliche mag sich über einige Zeit hinweg in Situationen die er nicht bewältigen kann, bereits als tot phantasieren, wodurch die Realität wieder aushaltbar scheint, jedoch durch die stetige Kommunikation mit dem toten Selbst, etabliert sich eine Beziehung. Durch diese Beziehung, in vielen Fällen die Interaktion, werden die inneren und äußeren Umstände tolerierbar in dem die Gefühle und Phantasien kontrollierbar scheinen.
Präventive Hilfestellung bietet die Beachtung der 5 Einengungen nach Erwin Ringel:
Die situative Einengung; ein plötzliches Problem, viel Affekt, wenig Lösungsmöglichkeiten greifbar.
Die Einengung der Gefühlswelt; ist wie wenn man nur schwarz oder weiss sieht, ohne anderer Farben, Töne, Schattierungen, Liebe oder Hass, Leben oder Sterben.
Die Einengung der Wertwelt; alles scheint umgekehrt zu sein, was Freude bereitet hat, macht keine mehr.
Die dynamische Einengung; lässt den Gedanken des Selbstmordes so anziehend werden, dass im danach alles als gut phantasiert wird, manchmal soweit, dass Bilder von der Familie am eignen Grab Freude bereiten (Abschiedsbriefe usw.).
Die Einengung auf den Selbstmordgedanken hin; ist die Phase in der konkrete Pläne geschmiedet werden.
Effektive Hilfe erfordert sofortige Krisenintervention und anschließende psychotherapeutische Behandlung, eventuell psychiatrische Diagnostik sowie psychopharmakologische Unterstützung. Häufig wird übersehen, dass der Suizid nicht der erwünschte "Freitod" ist, sondern vielmehr auf inneren und äußeren Zwängen basiert. Diese Zwänge aufzulösen steht im Vordergrund des handeln und behandeln.
Spezifische Hilfestellungen
Stationäre Spitalsaufnahme: In der Klinik befinden sich fachspezifische Ärzte und Geräte sowie interdisziplinäre Teams für alles. Untersuchungen und Behandlungsvorschläge, sowie gezielte Therapiemöglichkeiten werden angeboten. (Beispielsweise Kinderärzte, Psychiater, Psychologen, Ergotherapie, Physiotherapie, Logotherapie, usw. werden differenziert angeboten)
Ambulante Behandlung: Ambulante Einrichtungen, wie etwa ärztliche und psychotherapeutische Ordinationen, beziehungsweise sozialmedizinische Beratungsstellen und Tages- beziehungsweise Nachtkliniken bieten fachspezifische und professionelle Unterstützung, wobei der Jugendliche nicht aus seinem Lebensumfeld (Schule, Familie und Freunde) genommen werden muss.
Beratungsstellen sind themenspezifisch angelegt und bieten ein umfassendes Angebot (auf die jeweiligen Schwierigkeiten abgestimmt) an. Beispielweise, Institut für Erziehungshilfe bei Erziehungsproblemen und psychischen Erkrankungen, die Möwe bei Missbrauch und so weiter.
Soziale Institutionen: Helfen in rechtlichen, finanziellen und sozialen Schwierigkeiten, zum Beispiel; Jugendanwaltschaft, Vormundschaft, Wohnsituation und Unterbringungsfragen und haben alle Stellen aufliegen die zur Unterstützung herangezogen werden können.
Schulpsychologen: Sind anwesend und bieten Sprechstunden für akute Krisenintervention und Beratungen vor Ort an, heute sind bereits viele auch Psychotherapeuten und können auch Einzel- wie Familiengespräche anbieten. Zusätzlich können Entwicklungs-, Leistungs- und Persönlichkeitstests gemacht werden, wodurch ein individuell geeignetes, fächerübergreifendes Therapieschema ermittelt werden kann. Dieses kann die Unterstützung von Ärzten, Psychotherapie, Logopädie, Ergotherapie, Diätberatung usw. sowie Lernhilfen miteinbeziehen.
Schularzt: Kinderarzt und / oder praktischer Arzt, Hausarzt vor Ort, entscheidet über die Verantwortbarkeit eines Schulbesuchs, klärt in körperlichen Belangen auf, leistet Erstversorgung, ambulante Gewichtskontrolle usw.
Lehrer: kann ähnlich dem Jugendlichen alles und nichts, weil er an vorderster Front steht, zwischen allen, Schüler, Eltern und Gesellschaft.
Viele Jugendliche kommen nicht freiwillig in die Schule. Die Schule stellt für sie die letzte Verpflichtung, das letzte was die Eltern noch fordern können, bevor man alles selber entscheiden wird dar. Daher sind sie nicht erfreut, geschweige denn dankbar und zugänglich, wenn der Lehrer sich mit ihnen auseinandersetzen will.
Viele Eltern wollen auch kein Engagement des Lehrers. Sagen können sie so etwas natürlich nicht. In unserer Gesellschaft ist Engagement etwas Vorbildliches, dennoch unterstützen Eltern den Lehrer darin nur ambivalent. Teilweise erleben sie die Zuwendung als Einmischung und das Gefühl "was wir in der Erziehung nicht geschafft haben, wird doch nicht dem Lehrer gelingen" kann entstehen. Dann wird Engagement abgelehnt und negativ bewertet. Es wird mit dem verwechselt, was die Psychoanalyse als "Agieren", beziehungsweise "Mitagieren" bezeichnet. Die entscheidende Frage hierbei ist die Motivation. Warum soll geholfen werden? Geht es bei dem Wunsch um mich oder den Jugendlichen oder um seine Familie. Worum es auch im spezifischen Fall geht, im Vordergrund steht eine offene Kommunikation und transparente Diskussion.
Psychodynamische Aspekte (zwischen)menschlicher Wechselwirkung: Kommunikation
Kommunikation bezeichnet den sprachlichen und mimischen Vorgang der menschlichen Verständigung. "Beim Sprechen kommen keine natürlichen Töne heraus wie beim Vogelgesang" meint der Kommunikationsforscher Vilem Flusser und schreibt weiter: "er ist ein Idiot (ursprünglich Privatperson), wenn er nicht gelernt hat, sich der Instrumente der Kommunikation (z.b. eine Sprache) zu bedienen. Idiotie, unvollkommenes Mensch-Sein, ist Mangel an Kunst. Zwar gibt es auch "natürliche" nicht-sprachliche zwischenmenschliche Beziehungen (etwa zwischen Säugling und Mutter, oder beim Geschlechtsverkehr) und man kann von ihnen behaupten, sie seien die ursprünglichsten und grundlegendsten Kommunikationsformen. Aber sie sind nicht charakteristisch für menschliche Kommunikation und zudem weitgehend von der Kultur beeinflusst."
Wenn Menschen kommunizieren passiert jedoch etwas intrapsychisch, sie treten in Interaktion. Interaktion ist der sichtbare und fühlbare Vorgang der Kommunikation. Sprachlich oder mimisch, verständlich oder missverstanden: Wenn jemand mit einem anderen zu einem Gespräch zusammentrifft, kann es leicht passieren, dass er sich spontan engagiert. Dass heißt, er kann, ohne es zu bemerken, lebhaft in das Gespräch verwickelt und so gefangen genommen werden, dass er andere Dinge für eine gewisse Dauer vergisst, sogar sich selbst.
Kommunikation ist das Instrument um dem Schüler den Lehrplan zu vermitteln. Wenn Lehrer und Schüler interagieren, egal ob inhaltlich positiv oder negativ gefärbt, entstehen produktive Dialoge und der Jugendliche nimmt sich, wie man so schön sagt, "etwas auf den Weg mit".
Die Wechselwirkung erreicht mit jedem Jugendlichen, bis zu einem gewissen Grad, eine eigne Dynamik. Das ist menschlich, normal und wahrscheinlich auch gut, wenn man sich einigermaßen bewusst darüber ist, denn dann ist die Wirkung konstruktiv und produktiv. Dem Jugendlichen gegenüber können Inhalte vermittelt werden. Er wird sich und seine Schwierigkeiten nicht zu erkennen geben, wenn er nicht an der Auseinandersetzung interessiert ist. Oft schätzen und suchen Jugendliche den "Sandsack" der als Vis a Vis gegenüber steht und einen Dialog führt. Aber es geht hier nicht mehr nur um positive Worte, es geht um Meinung, und Jugendliche haben noch diese kindliche Art zu fühlen was stimmig ist und was nicht. Diese Sensibilität wird erst im Laufe der Entwicklung zum Erwachsenen abgebaut, beziehungsweise aus den bewussten Denkvorgängen verdrängt.
Im Umgang mit Jugendlichen geht es um offenes und kritisches Diskutieren und Argumentieren. Der Jugendliche hat weniger Hemmung zu widersprechen, anderer Meinung zu sein, seine Meinung zu präsentieren und vorzustellen. Jugendliche ertragen Widersprüchlichkeit bei sogenannten Erwachsenen kaum, denn davon hat er selbst genug. Wie es früher war, wie die Eltern die Situation sehen und so weiter sind Ansätze mit denen das Gespräch vom Jugendlichen aus sofort disqualifiziert wird. Auch Scheu oder Angst offen über das gefragte Thema zu sprechen bedingt den sofortigen und gnadenlosen Ausschluss. Es geht hier viel um Übertragung und um das was empfunden wird während eines Gesprächs. Es ist sinnvoll die eigenen Gefühle auch auszusprechen, weil sich dadurch das Ausmaß an Missverständnissen eindeutig verringern lässt. Wie auch für die meisten Eltern, gilt auch für die meisten Lehrer, es gibt keine richtige oder falsche Erziehung. Es gibt nur produktivere Verhaltensweisen im Umgang mit Jugendlichen.
Themenspezifische Literatur
Wissenschaftliche Leitfäden: Dunitz-Scheer, M.: Gewaltlose Erziehung. In: Mit Kindern leben und Wachsen. (1998) Freud, A.: Wege und Irrwege in der Kinderentwicklung. (1965) Muntean, W. (hrsg.): Gesundheitserziehung bei Jugendlichen (1999)
Schulte-Markwort, M. et. Al. : Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter. Fallbuch (1998) Selvini, M. et. Al. : Anorexie und Bulimie. (1998) Veranschaulichungen: Cocteau, J.: Kinder der Nacht. (1953) Devereux, G.: Normal und Anormal. (1970) Fynn: Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna. (1974) Scheer, P. Sichrovsky, P.: Liebe, Haß und Gleichgültigkeit (1991) Bradshaw, J.: Family secrets (1995)
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