Text für die GAIMH Homepage
www.gaimh.de sowie Internet Forum Kinderheilkunde nach einem Plenarvortrag über Psychosomatische Aspekte kindlicher Schlafstörungen, Jahrestagung der öster. Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, am 22.9.2000 in Graz
Therapie und Umgang mit Schlafstörungen, von Marguerite Dunitz-Scheer
Nach nun über nomenklatorische, klassifikatorische, kulturelle und diagnostische Möglichkeiten der Betrachtungsweise des häufigen Phänomens der meist frühkindlichen Schlafprobleme gesprochen wurde, gilt es noch Einiges über die therapeutischen Ansätze zu sagen, die wir sowohl für den ambulanten wie auch stationären Umgang ins Auge fassen können.
1.Die Indikationsstellung, ob sich eine Mutter mit ihrem Kind bei ambulanter oder telefonischer Erstanmeldung für eine ambulante oder stationäre Therapie entscheiden soll, wird einerseits von der Klarheit der diagnostischen Zuordnung beim Kind und andererseits von der Maßivität der Beeinträchtigung auf der Beziehungsebene oder des mütterlichen/elterlichen Schlafentzugs ab.
2. Das hauptsächlich gefundene Beziehungsmuster bei Kindern, welche wegen Schlafproblematik vorgestellt werden, ist ängstlich - überinvolviert nach ZTT DC:0-3 oder unsicher - ambivalent in der Bindungsklassifikation, Typ A n. Ainsworth. Diese Beziehungssituation ist in über 90% der Fälle vorherrschend.
3. Diese Tatsache definiert auch die Richtung ärztlicher Intervention: Sicherheit und Klarheit, Angstreduktion und Synchronisierung der gestörten beidseitigen Schlaf - Wach - Biorhythmik sind das Hauptziel.
4. In der Verfolgung dieser Ziele gibt es grundsätzlich zwei nahezu polar unterschiedliche Vorgangsweisen:
4.A: Die "psychoanalytische" Technik: durch sprechen über die Quellen der meist mütterlichen/elterlichen Angst und Sorgen.
Dabei spielen folgende anamnestischen Faktoren oft kummulativ eine wichtige Rolle:
belastende Schwangerschaft/Geburt,
belastende Vorgeschichte, Partnerschaftsprobleme,
Schwierigkeiten des Paars in der Umstellung zur Elternschaft,
Stress durch Hausbau, ect,
Angst vor Vereinnamung durch das Kind,
der Wunsch keine Fehler zu machen,
eine nicht frustrierende Mutter zu sein,
eine "richtige" Mutter zu sein.)
Dabei übernehmen sich die Mütter ständig; sie stellen die Wertigkeit ihres Schlafs nachrangig gegenüber Partner und Kind und nutzen noch die Schlafepisoden während des Tages "zum Nachholen" von Haushaltsverpflichtungen. Sie sind meist fix und fertig, sie leiden unter massiven Minderwertigkeitskomplexen in diesem ersten "Leistungs-Test", der oftmals von Freundinnen und Verwandtschaft über ihre Leistung als neue Mutter gelegt wird. Die Frage: "und schläft ihr Kind schon durch??" wird zur gefürchteten, Panik auslösenden Gewissensfrage, es entsteht oft eine Schlafphobie. Nicht der Schlaf holt sich seine Schläfer, nicht die Autoregulation reguliert sich seinen Wach-Schlafrhythmus selbst, sondern die Mütter rennen panisch vom Schlaf davon. Sie erzählen immer neue Gründe, weshalb sie wann, wie und wo nicht schlafen können und verlangen die sofortige Lösung vom Kind. Der externe Vorschlag, vorübergehend "zur Erholung" wegzugehen oder das Kind dafür wegzulassen wird meist empört abgewehrt und als unmöglich begründet. Dies zeigt die hohe mütterliche Ambivalenz. Über diese kann in seltenen Fällen wirklich gesprochen werden.
Bei diesem therapeutischen Zugang wird die Autonomie der Mutter letztlich gefördert, sie wird gestützt, dass sie für ihr Kind wichtig ist und dass ein frohes Kind eine frohe Mutter braucht. Jedes positive Gespräch mit dem Arzt reduziert das "innere Chaos", erhöht das Selbstwertgefühl und trägt zur Autoregulierung bei. Bitte keine Ratschläge!!!!
4B: Die gegenteilige, oftmals aber zum selben Ziel führende Interventionstechnik ist die Strukturierung des Chaos von Aussen, der verhaltenstherapeutische Zugang.
Hier wird oft durch Verlangen eines Schlaftagebuchs eine Aufgabe gestellt, welche alleine bereits Struktur bedeutet. Dabei wird die Mutter gebeten, bis zum zweiten Gespräch in 1-2 Wochen, aus diagnostischen Gründen alle Schlafenszeiten und kindlichen Tätigkeiten in einem 24 Stundenrhythmus zu dokumentieren. Die zweite Aufgabe ist das einhalten einer einzigen Regel: Bei jedem, sei es auch noch so kurzen kindlichen Schlafepisode während des Tages muss die Mutter sich "horizontal legen"! Sie muss dabei nicht schlafen, ausruhen, Musikhören, Zeitunglesen, dösen, tag-träumen....
Sie muss nicht schlafen, sie muss nur liegen!!
Dies Regel bearbeitet den begleitenden mütterlichen chronischen Schlafentzug indirekt und wirkt in seiner Paradoxie oft wunderbar.
Die Aktometrie (Dia) ist eine weitere Strukturierungsmethode, wo eine computertechnische auswertbare Messung der kindlichen Aktivität über 1 Woche, also umgekehrte Schlafdokumentation, welche die mütterlichen Tagebuchaufzeichnungen begleitet.
4C. Je nach Ausbildung, Wunsch und Begabung kann 3A und 3B auch kombiniert werden und zeigt oftmals erstaunliche Ergebnisse!
5. Das wichtigste in der Beratung und Therapie kindlicher Schlafstörungen ist die Erkenntnis, daß es sich um eine Autooregulationsstörung handelt und nicht um eine Krankheit! Die Dysregulation der kindlichen und elterlichen Tag/Nacht und Schlaf/Wachrhythmik soll im Fokus des therapeutischen Interesses stehen und nicht die meist unergiebige Suche einer kausalen Ätiologie! Wir fehlender Veränderung einer störenden und Befindlichkeits beeinträchtigenden Schlafproblematik empfehlen wir die Vorstellung ihres Kindes bei ihrem Kinderfacharzt und die Durchführung eines klärenden Gespräches!