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Präbiotika, Probiotika, funktionell Food
C. Loibichler, Dr.,
Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde/
Abteilung für Allgemeine Pädiatrie

Unter dem Begriff funktionelle Lebensmittel (Functional Food) versteht man Nahrungsmittel, die über ihren ernährungsphysiologischen Effekt hinaus einen gesundheitlichen Zusatznutzen aufweisen. In der Regel handelt es sich um Lebensmittel, die mit Zusatzstoffen angereichert sind. Zu den beliebtesten Ingredienzien für Functional Food zählen u.a. Prä- und Probiotika. Lebensmittel angereichert mit Prä- und Probiotika sind seit einigen Jahren erhältlich und haben in kürzester Zeit den Markt erobert.

Probiotika

Probiotika (pro bios = für das Leben) sind speziell gezüchtete, lebende Mikroorganismen, die wir mit der Nahrung (v.a. über fermentierte Milchprodukte) aufnehmen. Besonderes Kennzeichen dieser ausgewählten Bakterienstämme ist ihre Widerstandskraft gegen Magen- und Gallensäure. Dadurch können sie die Magen-Darmpassage überstehen und sich im Darm ansiedeln.

Probiotika haben zum Ziel, über eine veränderte Darmflora die Gesundheit und das Wohlbefinden des Einzelnen positiv zu beeinflussen. Es werden jene Bakterienstämme als Probiotika eingesetzt, von denen man vermutet, dass sie positive Wirkungen im Darm und somit auf die menschliche Gesundheit haben. Probiotische Stämme kommen in der Regel auch natürlich im menschlichen Darm vor. Die bekanntesten Probiotika sind Lactobazillen und Bifidobakterien.

Lactobacillus bulgaricus wurde bereits seit Jahrhunderten in der Joghurtherstellung verwendet und Bifidobakterium-Arten sind die dominierenden Organismen (80 %) in der Darmflora von brusternährten Neugeborenen. Bei Säuglingen, die mit industriell gefertigter Milchnahrung gefüttert werden, ist der Bifidobakterien-Gehalt bedeutend geringer. Damit die gesunden Keime den "Flaschenkindern" nicht länger vorenthalten bleiben, sind neuerdings viele Babynahrungen mit pro- und präbiotischen Zusätzen versehen.

Präbiotika

Präbiotische Lebensmittel enthalten keine lebenden Organismen sondern unverdauliche Kohlenhydrate. Sie wirken als lösliche Ballaststoffe, die im menschlichen Dünndarm nicht verdaut und aufgenommen werden. Ihr Wirkungsort ist der Dickdarm. Hier dienen sie den erwünschten Milchsäurebakterien und Bifidusbakterien als Nahrung ("bifidogener Effekt"). Dort fördern sie gezielt das Wachstum von Bifidobakterien, die die präbiotischen Substanzen vergären und daraus Energie gewinnen. Durch die gebildeten kurzkettigen Fettsäuren sinkt der pH-Wert, das Milieu des Darmes wird sauer wodurch wiederum das Wachstum der Bifidusbakterien gefördert wird. Diese Mikroorganismen haben dadurch eine Wettbewerbsvorteil gegenüber Krankheitserregern und senken die Zahl der krankheitserregenden Keime.

Die wichtigsten Präbiotika sind Inulin, ein pflanzliches Reservekohlenhydrat, oder dessen Bruchstücke aus Oligofructose. Inulin kommt in über 30.000 Pflanzenarten vor. Grosse Mengen sind z.B. in Chicorée und Topinambur-Pilz (bis 20 %), Knoblauch (zwischen 9 und 16 %), enthalten. Auch Zwiebel, Lauch, Spargel, Artischocke, Banane und Weizen enthalten Inulin. Präbiotika werden v.a. in Form von Milchprodukten, Müslis sowie Brot und Backwaren angeboten. Inulin wird außerdem als Fett- und Zuckerersatz in verschiedenen Lebensmitteln eingesetzt. Es verleiht eine cremige Konsistenz und ein wenig Süße, kann aber nicht verdaut werden und kann somit als vorbeugend gegen Übergewicht beurteilt werden.

Nutzen

Präbiotika und Probiotika werden vielfältige gesundheitsfördernde Wirkungen zugeschrieben. Ein Teil dieser Effekte gilt inzwischen als gesichert:

  1. Förderung der Milchzuckerverdauung bei Laktoseintoleranz (Förderung der Milchzuckerverdauung wurde auch bei herkömmlichem Joghurt festgestellt)
  2. Geringere Häufigkeit und Dauer verschiedener Durchfallerkrankungen (durch Clostridien und Rotaviren, auch nach Antibiotikabehandlung)
  3. Senkung der Konzentration gesundheitsschädlicher und krebsfördernder Stoffe im Dickdarm (Krebsprävention?)
  4. Stimulation des Immunsystems (muss nicht zwangsläufig auch eine Stärkung des Immunsystems bedeuten).
Neben den als gesichert geltenden Wirkungen werden eine Reihe weiterer gesundheitsfördernder Effekte diskutiert. Hierzu gehören unter anderem

  1. Förderung und Erhalt einer optimalen Darmflora
  2. Normalisierung der Darmtätigkeit bei Verstopfung
  3. Stärkung des Immunsystems und Verhinderung von Infektionskrankheiten
  4. die Senkung des Serumcholesterinspiegels
  5. Barriereeffekt für pathogene und andere unerwünschte Mikroorganismen im Darm
  6. Steigerung der Kalziumaufnahme (Osteoporosevorsorge?)
  7. Förderung des allgemeinen Gesundheitszustandes und des Wohlbefindens.
Viele der ausgelobten Eigenschaften gelten als stammspezifisch und lassen sich grundsätzlich nicht auf andere Vertreter derselben Spezies übertragen.

Täglicher Konsum?

Voraussetzung für die Wirkung insbesondere der Probiotika ist, dass sie in ausreichender Zahl und regelmäßig in den Darm gelangen. Nach Expertenmeinung müssen 100 bis 1000 Millionen Bakterien pro Tag aufgenommen werden, um die Darmflora zu beeinflussen. Die Organismen können sich nur für wenige Tage bis Wochen im Darm ansiedeln. Aus diesem Grund ist es wichtig, regelmäßig probiotische Lebensmittel zu verzehren. Ein einmaliger oder sporadischer Verzehr genügt nicht um nachhaltig die Zusammensetzung der Darmflora zu verändern.

Ein bifidogener Effekt von Präbiotika zeigt sich in den Studien bei einem Verzehr von mehr als 10 g Oligofructose pro Tag, eine Menge, auf die ein Teil der Bevölkerung bereits empfindlich mit Blähungen, Durchfall, Magen- und Darmkrämpfe reagiert. Es werden in Europa bereits 3 bis 11 g Inulin durch den Verzehr von Inulin-haltigen Früchten und Gemüsen aufgenommen. Bei dem übermäßigen Angebot stellt sich die Frage nach der gesundheitsförderlichen Dosis dieser Substanz und ob eine zusätzliche Dosis Inulin über präbiotische Lebensmittel überhaupt noch nötig ist?

Wirkung bei allergischen Erkrankungen

Wissenschaftliche Studien belegen ein verändertes mikrobielles Milieu bei allergischen Kindern als auch bei Kindern, die später an einer Allergie erkranken. Ein möglicher Einflussfaktor für das spätere Risiko einer atopischen Erkrankung ist die postnatale Darmflora.

Es liegen bislang sowohl vielversprechende Ergebnisse für den präventiven als auch für den therapeutischen Einsatz von Probiotika vor. So konnte z.B. in einer finnischen Studie durch die Gabe von Lactobacillus rhamnosus während des letzten Schwangerschaftsmonats und während der ersten sechs Lebensmonate bei Kindern mit erblicher Belastung das Risiko, an einem atopischen Ekzem zu erkranken, halbiert werden. Lactobacillus rhamnosus und Lactobacillus reuteri wurde bei der Behandlung von atopischer Dermatitis erfolgreich eingesetzt. Trotz vielversprechender Erkenntnisse, muss die Rolle der Darmflora in Bezug auf eine Allergieentstehung in weiteren Studien noch genauer beleuchtet werden.

Wirkung bei entzündlichen Darmerkrankungen

Die Ursachen für Colitis ulcerosa und Morbus Crohn sind unvollständig erforscht. Es gibt aber immer mehr Hinweise auf eine Beteiligung der intestinalen Mikroflora bei der Pathogenese dieser Erkrankungen. Eine Veränderung der intestinalen Flora bietet möglicherweise einen neuen therapeutischen Ansatz. Aktuelle Studienergebnisse zeigen, dass durch additive Gabe von Probiotika - zusätzlich zu den Medikamenten - die Remissionsphase zwischen den akuten Anfällen verlängert werden kann.

Die Technologie für die Herstellung und den Einsatz von pro- und präbiotischen Nahrungsmittel-Zusätzen ist in den letzten Jahren schnell weiterentwickelt worden. Das Geschäft mit Functional Food boomt. Unter diesem Aspekt erscheint es äußerst wichtig, die vielfältig postulierten, gesundheitsfördernden Effekte in wissenschaftlichen Studien auf ihre Effektivität und Nachhaltigkeit zu prüfen. Grundsätzlich gilt jedoch, dass neben den Einflüssen von Probiotika und Präbiotika eine ausgewogene Ernährung wichtigster Erfolgsfaktor für allgemeines Wohlbefinden und Gesundheit ist.

M. De Vrese, J. Schrezenmeir: Probiotika, In: Praxishandbuch Functional Food, 2001
Erstellt am 23.4.2004 | Zuletzt bearbeitet am 23.3.2008