In Familien in welchen ein Kind - egal welchen Alters - schlecht oder gar nicht mehr isst, entsteht eine ganz charakteristische Dynamik. Ob diese nun kausal primär oder reakti ist, sei hier nicht behandelt. Auf alle Fälle entwickelt sich ein malignes Machtspiel, bei welchen in der Familie versucht wird, durch Vermehren der elterlichen Kontrolle der kindlich- oder jugendlichen als Selbstschädigung und Machtausübung erlebten Essensverweigerung entgegen zu wirken.
Dieses Match geht fst immer zugunsten des Kindes oder Jugendlichen aus, bis zu dem Zeitpunkt, in welchen die Eltern verzweifelt, hilflos und oftmals auch beschämt beschließen, aufzugeben und Hilfe von Aussen zu holen. Der Wille des Kindes ist bei diesen Kindern immer stärker als die Nerven der Eltern, besonders da das Kind die langfristigen Folgen seines Verhaltens in ihrer Auswirkung auf seine Zukunft noch nicht reflektiert und die von Erwachsenen geäußerten Einwände für sich selbst nicht akzeptieren kann.
Die folgenden von uns angebotenen Texte sind Informationen über Helfer, Betroffene und Eltern, mit welchen wir versuchen möchten, einerseits eine allgemeine Haltung, genannt "Therapieplan" auszudrücken, andererseits aber auch zu vermitteln, dass das therapeutische Grundkonzept immer nur ein Allgemeines sein kann und jedes Kind und jeder Jugendliche und jeder junge Erwachsene mit seiner Familie letztlich "seinen Therapieplan" entwickeln und finden muss, mit welchem er/sie selbst das Gefühl entwickeln kann, eine Veränderung des Ist-Zustandes zu schaffen, falls es so ist, dass er/sie darunter leidet un eine Veränderung sucht.
Die ethisch-rechtliche Dimension sei hier nur am Rande als Sonderproblem der Kindheit und des Jugendalters vermerkt. Wenn der Jugendliche sagt "wenn ich hungern will, ist das mein gutes Recht und ich lass mir Nichts von den Erwachsenen einreden", so hat er individuell für sich Recht. Diese Haltung wäre jedoch auf Dauer nur tragbar, wenn er seine Eltern dazu bewegen könnte, sich mit ihm außerhalb eines Rechtsstaates zu begeben, wo er dann dort fröhlich und unbehindert verhungern könnte. Eltern, die sich zu so einer drastischen Haltung von ihrem Kind bewegen lassen würden, würden jedoch von der Jugendwohlfahrt verfolgt werden müssen und der Unterlassung ärztlich notwendiger Intervention angezeigt werden. Dass heißt es geht beim Thema Hunern und Untergewicht immer um Grenzen, Grenzen der körperlichen Selbstkontrolle, Grenzen körperlicher Belastbarkeit, Grenzen sozialer Mitverantwortung, Grenzen seelischer Belastbarkeit. Der zu dünne Mensch wird zwingend immer mehr auf sein selbst gewähltes Thema reduziert, es dreht sich bei ihm im Kopf immer mehr nur mehr um Gewicht, Kalorien und Selbstkontrolle, er verhungert im übertragenen Sinn an der Abnahme sozialer Kontakte, an der Abnahme sozialer Stimulationen und Themen, an Introversion und Egozentrizität.
Statistisch zeigen Therapieevaluationen von Therapieeffizienz bei Langzeitverläufen von ehemals an Anorexia nervosa erkrankten Jugendlichen gegenüber der Evaluation übergewichtiger Menschen punkto Beeinflussung der krankmachenden Untergewichtigkeit prognostisch etwas bessere Ergebnisse. Ob jedoch bei diesen Kindern und Jugendlichen eine langfristige geistige und gefühlsmässige Erholung der Obsession mit den krankmachenden Themen wirklich passiert und die kognitive Überbeschäftigung mit dem Thema Schlanksein, Kalorien und Gewicht schwindet, wissen wir noch nicht. Dafür fehlen bisher wissenschaftliche Daten und prospektive Studien, die sich auf mehr als nur das Messen des Körpergewichtes konzentrieren.
In der gesellschaftlichen Wertung geniesst Zu-Dünnsein trotz aller Warnungen und Einwände nach wie vor einen besseren Ruf. Die Kinder werden anfangs von Allen bewundert, später ur noch von eifrigen Nachahmern. Dazu muss jedoch relativierend gesagt werden, dass die gesellschaftliche Aufmerksamkeit beim hungernden Jugendlichen eine ganz andere ist, als beim zuviel essenden Jugendlichen und die Anfänge der ins krankhaften gehenden körperlichen Veränderungen eine punkto Interventionsgüte günstigere gesellschaftliche Wahrnehmung und ein früheres und effizienteres Therapiesetting erhalten.
Die therapeutische Auseinandersetzung muss sich einerseits gegenüber dem Autonomiebedürfnis des Patienten sehr wertschätzend verhalten, gleichzeitig jedoch chaotisch und unberechenbar genug sein, um die immanente Kontrollsucht auszugleichen und den jungen Menschen dazu begleiten kann, sich dem Leben selbst, neuen Dingen, Interessen, Mitmenschen und Beschäftigungen zuzuwenden.
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