
Grundlage für die aktive Präventionsstrategien sind das Wissen um die körperlichen und psychologischen Entwicklungsschritte eines Kindes und damit verbunden das Wissen über das, was es bereits kann bzw. noch nicht kann. Die Denkfähigkeit entwickelt sich stufenförmig vom frühen Säuglingsalter bis hin zum etwa 10jährigen Kind.
Belehrungen im Kleinkindesalter sind nur sehr beschränkt wirkungsvoll. In diesem Alter können Gefahrensituationen weder richtig wahrgenommen noch beurteilt werden. Ein Kleinkind ist nicht in der Lage, Absichten anderer Menschen vorauszusehen und rechtzeitig darauf zu reagieren. Auch abstrakte Begriffe werden kaum verstanden; das "Rot" z.B. muss durch konkrete Beispiele, wie "der rote Apfel", "die rote Ampel" verdeutlicht werden. Im "Warum-Frage-Alter" zwischen 3 und 5 Jahren beginnt das Kind Kausalzusammenhänge zu verstehen. Es versucht, Geheimnisse zu enträtseln. Die Merkfähigkeit ist jedoch begrenzt, Zusammenhänge werden vor allem aufgrund von Ähnlichkeiten und zeitlicher und örtlicher Nähe gesehen. Erst 5 bis 7jährige Kinder entwickeln das für die richtige Einschätzung einer Gefahrensituation notwendige Verständnis von Ursache und Wirkung. Da das Denken noch ganz am Konkreten haftet, können Kinder bis zu 10 Jahren keine Hypothesen über die Entwicklung einer Situation bilden.
Die ersten drei Lebensjahre werden durch eine unwillkürliche Aufmerksamkeitshaltung und Konzentration bestimmt, wobei primär Bedürfnisreize steuernd wirken. Dabei wird die Aufmerksamkeit besonders von allen lauten, intensiven, farbigen und interessanten Reizen, nicht aber von den - objektiven - gefährlich erregt.
Die kindliche Aufmerksamkeit wechselt rasch und wendet sich verschiedensten Objekten zu, wobei sich die Konzentration auf dein Objekt richtet, und andere Geschehnisse und Gegenstände daneben bedeutungslos werden. Da die Konzentrationsfähigkeit auch Schwankungen und Ermüdungen unterliegt, kommt es nicht von ungefähr, dass Unfälle in den Schulstunden eher um die Mittagszeit und die Schulwegunfälle eher nach Schulende passieren. Auch die Spitzen der kindlichen Unfälle haben einen Gipfel bei 12 Uhr und bei einer Bandbreite von 15 Uhr bis 19 Uhr eine Spitze gegen 17 Uhr.
Willkürliche Motorik und Bewegungskoordination entwickeln sich erst im Kleinkindesalter und sind im vierten und fünften Lebensjahr den Bewegungsabläufen eines Erwachsenen schon ziemlich ähnlich. Der Zeitaufwand ist für die gleiche Bewegungsausführung jedoch beim Kinde der doppelte oder auch mehr. Will das Kind aber mit einem Jugendlichen mithalten, so muss es seine Geschwindigkeit im Bewegungsablauf erhöhen, was wiederum zu einer Einschränkung anderer Wahrnehmungsfähigkeiten führt. So wird etwa das Gesichtsfeld und die Peripheriewahrnehmung beim Laufen über die Straße kleiner und die Gefahr von der Seite kann nur noch reduziert erkannt werden.
Bei einem Kleinkind liegt auch der Körperschwerpunkt höher als bei einem Erwachsenen. Dadurch verliert das motorisch aktive Kind viel schneller sein Gleichgewicht.
Schließlich darf bei Kindern der Bewegungsdrang nach längerem Stillsitzen nicht unterschätzt werden. So vergrößert sich die Unfallgefährdung im Bereich der Volksschule nach Unterrichtsende, wobei den erhöhten Bewegungsdrang auch noch das vor allem im Volksschulalter plötzliche, impulsive Betreten der Fahrbahn als erhöhtes Risiko begleitet.