3.1 Das Sehvermögen
Sehschärfe und räumliches Sehen sind schon beim Säugling vollständig ausgebildet.
Die Tiefenschärfe, die bei der Schätzung von Entfernungen und Geschwindigkeiten Bedeutung hat, ist jedoch erst im 9. Lebensjahr voll entwickelt. Dies bedeutet vor allem für den kindlichen Verkehrsteilnehmer ein Handikap.
Die Peripheriewahrnehmung ist erst mit 10-12 Jahren mit der eines Erwachsenen vergleichbar. Kinder bevorzugen darüber hinaus bis zu 4 Jahren die rechte Gesichtshälfte.
Neben der sich erst im Kindesalter entwickelnden Teilbereiche der optischen Sinneswahrnehmung betrachtet ein Kind seine Umwelt auch aus einem ganz anderen Horizont. So vergisst man oft als Erwachsener, dass ein Kind vielfach eine frontale Sicht auf Dinge hat, die uns Erwachsenen in einer Draufsicht begegnen und somit eher eine überschaubare Situation bieten.
3.2 "Schätzen der Umwelt"
Beim Kind entwickelt sich ein Raumverhältnis weitaus früher als sein Zeitverständnis. Einschätzen von Geschwindigkeiten im Straßenverkehr bedürfen jedoch beider Komponenten. Das In-Einklang-Bringen von Zeit und Raum verlangt eine Koordinierung von zwei getrennten Wahrnehmungen zu einer gemeinsamen.
Dies ist jedoch vor dem 7. Lebensjahr nicht möglich. So sind auch Vorschulkinder und "Tafelklässler" einer Fülle von Fehleinschätzungen im Straßenverkehr ausgesetzt, wobei auch die noch niedere Perspektive als Handikap hinzukommt.
Für eine realistische Beurteilung der Umwelt ist es auch notwendig, identische Wahrnehmungsobjekte unter wechselnden Bedingungen als solche zu erkennen.
Die richtige Beurteilung von Längen und Entfernungen ist nur mit dem euklidischen Raumsystem (d.h. einem Koordinationssystem mit Höhe, Breite und Tiefe von senkrecht aufeinander stehenden Achsen) möglich. Für Kinder unter sieben Jahren ist diese Vorstellung unmöglich.
3.3 Das Hören
Die Hörfähigkeit liegt bis zum 4. Lebensjahr 7-12 dB niedriger als beim Erwachsenen, und ist erst mit 6 Jahren voll ausgebildet. Diese Leistungsfähigkeit bedarf jedoch noch einiger Zeit, bis sie auch für die Geräuschlokalisation ausreichend eingesetzt werden kann.
Kinder können nur von vorne und von den Seiten, etwa in einer Ausdehnung eines Winkels von 30°, entsprechend lokalisieren. Signale von der Seite werden häufig falsch verarbeitet. Die Geräuschkulisse, die vor allem für Fußgänger und Radfahrer besonders wichtig ist, kann dem kindlichen Verkehrsteilnehmer vielfach eine falsche Information übermitteln.
3.4 Die Unterscheidung Rechts-Links
Oben-unten, vorne-hinten, rechts-links werden von Siebenjährigen richtig angegeben, wenn sie selbst der Bezugspunkt sind. Sollen sie diese Begriffe in eine von ihnen als Bezugspunkt gelöste Raumsituation übertragen, haben sie Schwierigkeiten. Kinder unter acht Jahren können diese Begriffe schwer auf Raumrelationen übertragen, d.h. wer von wem aus gesehen z.B. links steht. Um diese komplexe Situation zu beherrschen, braucht es bis zum 11. Lebensjahr.
Bei linkshändigen Kindern ist dieses Problem weitaus stärker vorhanden und verstärkt sich, wenn man versucht, Linkshänder an die rechte Hand umzugewöhnen.
3.5 Die Differenzierung der Sinnesfunktionen
Für Kinder bis zum 7. Lebensjahr ist nur das wirklich gegeben, was sie wahrnehmen könne. In ihrer Wahrnehmung beeinflussen sich jedoch Vorstellungen, Wahrnehmungen und Gefühle. Wünsche, Ängste, Befürchtungen und Erwartungen verzerren beim Kind noch sehr viel stärker als beim Erwachsenen. So misst das Kind einer Münze, weil sie sehr groß ist, unter Umständen mehr Wert zu als ihr real zukommt. Die ganzheitliche Betrachtungsweise der Umwelt lässt eine Trennung von Wesentlichem und Nebensächlichem nicht zu. Wesentliches und Unwesentliches werden in gleicher Weise wahrgenommen, und eine Trennung und ein Hervorstreichen von wichtigen Informationsgehalt ist kaum möglich. Die gesamte Information wird als gleichbedeutend klassifiziert. Somit kommt es durch die Informationsfülle zu einer Überforderung, die Reaktion darauf ist Unkonzentriertheit und damit eine erneute Ablenkung vom Wesentlichen.